Elefantöses – Wie sensibel sind Elefanten?

Das Wort sensibel kommt aus dem Französischen, was wiederum auf dem Lateinischen sensibilis für mit allen Sinnen verbunden, empfindsam beruht. Auch wenn das Wort sensibel für viele im Sinne von überempfindlich einen negativen Beigeschmack hat, so bedeutet es im Grunde nur, dass ein Lebewesen empfindungsfähig ist, dass es die Veranlagung hat, zu fühlen. Dafür erforderlich sind Strukturen wie ein funktionierendes Nervensystem, welches in der Lage ist, Bewusstsein hervorzurufen. Empfindungsfähigkeit bedeutet, sowohl positive als auch negative Einflüsse spüren zu können. Je sensibler ein Lebewesen, desto stärker, direkter und intensiver ist die Sinneswahrnehmung.

Das Wort hochsensibel wird erklärt mit eine hohe Sensibilität aufweisend. Was diese noch höhere Empfindsamkeit betrifft, so sprechen Wissenschaftler von vier typischen Aspekten der Hochsensibilität:

  • Hochsensible seien sich umweltbezogener Feinheiten bewusster,
  • verfügten über eine erhöhte emotionale Reaktivität sowie Empathie,
  • würden Informationen tiefer verarbeiten,
  • und seien schneller überstimuliert.

Etwa 20 bis 30 Prozent aller Menschen sollen zur Gruppe der »Höhersensiblen« gehören. Als Elefantenliebhaberin bin ich der Frage nachgegangen, wie sensibel eigentlich Elefanten sind, und bin wie der nachfolgend zitierte Tierpfleger zu dem Schluss gekommen, dass Elefanten im Vergleich zu den meisten anderen Tieren als hochsensibel bezeichnet werden können.

Elefanten reagieren sehr sensibel auf Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld
»Elefanten sind hochsensibel, die registrieren einfach alles«, sagte Werner Naß, Tierpfleger im Kölner Zoo (Nachrichtenportal Welt Online, 2010). Deshalb stimme auch die Redewendung »sich aufführen wie ein Elefant im Porzellanladen« nicht. Werner Naß ist davon überzeugt, dass ein Elefant in einem Porzellanladen gar nichts umwerfen würde. Selbst Winzigkeiten auf dem Boden würden von Elefanten wahrgenommen. Anstatt sie zu zertrampeln, gingen sie lieber drumherum oder würden sie mit ihrem Rüssel untersuchen. Auch dieser Tierpfleger räumt also mit dem Vorurteil vom trampfelhaften Elefanten im Porzellanladen auf, denn Elefanten sind trotz ihrer Größe und Stärke unglaublich feinfühlige Lebewesen.

»Elefanten haben mich schon immer fasziniert«, erzählt Werner Naß weiter, »das sind so charismatische Tiere, und sie haben eine sehr interessante Sozialstruktur. Nicht jeder guter Tierpfleger ist ein guter Elefantenpfleger. Man braucht ein gesundes Selbstbewusstsein. Und besonders wichtig ist: Man muss Ruhe ausstrahlen, nein, man muss sie nicht nur ausstrahlen, man muss wirklich ruhig sein. Wenn man es nur vorspielt, merken die Elefanten das sofort.«

Dies zeigt, wie empathisch Elefanten sind. Allgemein bekannt ist auch, dass Elefanten sehr sensibel auf Veränderungen in ihrem sozialen Umfeld reagieren, insbesondere auf Gewalt bzw. Verlust. Die Verletzlichkeit zeigt sich besonders bei Elefantenbabys, die für lange Zeit mit einer posttraumatischen Belastungsstörung reagieren, wenn sie ihre Mutter verlieren. Entgegen der Bezeichnung Dickhäuter sind sie äußerst empfindsame, gefühlvolle Lebewesen, die zu starken Gefühlen wie Trauer, Angst, Stress, Rache, aber auch Freude fähig sind, je nachdem, ob sie positive oder negative Erfahrungen machen. Beispielsweise trauern diese feinsinnigen Tiere viele Monate, wenn Artgenossen sterben. Dass sie zu solchen tiefen Trauergefühlen fähig sind, leiten manchen Forscher aus der erhöhten Anzahl von Stresshormonen im Blut der Elefanten ab.

Nicht nur in ihrem Innenleben, auch in körperlicher Hinsicht sind Elefanten an bestimmten Stellen sehr dünnhäutig. An den Ohren, um die Augen, am Bauch, an der Brust und den Achseln sowie am Rüsselansatz ist ihre Haut so dünn wie Papier, sodass sie Mückenstiche spüren können. Als extrem schmerzhaft empfinden sie an diesen Stellen Stiche der Afrikanischen Biene.

Elefanten verhalten sich untereinander sehr sozial und empathisch
Grund für das reiche Gefühlsleben der Elefanten könnten im Elefantenhirn zahlreich nachgewiesene spezielle Nervenzellen sein, sogenannte Spindelzellen, die beim Menschen mit Sozialbewusstsein, Empathie und Ich-Bewusstsein in Verbindung gebracht werden. Ich-Bewusstsein hat zum Beispiel die Elefantendame Happy beim Spiegeltest bewiesen. Ferner habe ich schon oft über den ausgeprägten Familiensinn dieser hoch sozialen Tiere geschrieben: wie sie sich mitfühlend gegenseitig trösten, wie rücksichtsvoll sie sich umeinander kümmern, beispielsweise kranke und verletzte Herdenmitglieder mit Futter versorgen, und wie einfühlsam sie miteinander umgehen, insbesondere auch bei einer Elefantengeburt.

Elefantenfüße sind besonders sensibel
Forscher zählen Elefanten zu den intelligentesten und komplexesten Lebewesen auf der Erde. Insbesondere fasziniert ihr komplexes Kommunikationssystem. Sie drücken ihre Gefühle nicht nur ständig mit Rüssel, Ohren, Kopf und Schwanz aus, sondern benutzen auch viele verschiedene Laute, um miteinander zu kommunizieren. Zur Elefantensprache gehören auch tief unten in ihrer Kehle erzeugte niederfrequente Infraschalltöne, die sowohl durch die Luft als auch kilometerweit durch den Boden übertragen werden. Das Besondere ist jedoch, dass Elefanten eben nicht nur mit den Ohren hören, sondern dafür auch ihre sensiblen Elefantenfüße nutzen. Wie ich in meinem Buch Der Elefant von A bis Z für junge Leser schrieb, haben Elefanten viele spezielle Zellen in den Fußsohlen, mit denen sie diese Infraschalllaute besonders gut wahrnehmen können. Dank der größeren Reichweite dieser Infraschalllaute im Vergleich zu reinen Luftschalllauten ist die Herde dazu in der Lage, bei einer plötzlichen Gefahr – die Elefantenbabys in der Mitte nehmend – sehr schnell zusammenzufinden. 

Über den hochsensiblen Elefantenrüssel
Mit ihrem starken und gleichzeitig feinfühligen Rüssel können Elefanten nicht nur mit Leichtigkeit einen Baum herausreißen und schwere Lasten tragen, sondern auch etwas Kleines oder Zerbrechliches vorsichtig ertasten und aufheben. Eine Esslinger Firma hat in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut nach dem Vorbild eines Elefantenrüssels einen leichten und sehr beweglichen Schwenkarm entwickelt, der sogar rohe Eier greifen kann, ohne dass sie kaputtgehen. Ein Elefantenrüssel dient außerdem als Hand zur Aufnahme von Nahrung und Wasser. Ferner wird er als Schnorchel und natürlich als Riechorgan genutzt. Doch jetzt kommt noch das, was mich bei meiner Recherche am meisten beeindruckt hat: Die großen Rüsseltiere (Proboscidea) – eine Säugetierordnung, der heute nur noch die Familie der Elefanten angehört – haben einen stark spezialisierten Tastsinn!

Die etwa 40 000 zu Bündeln verflochtenen Rüsselmuskeln setzen weder an einem knöchernen noch knorpelige Skelett an, weshalb die Muskulatur selbst sowohl Stütz- als auch Bewegungsfunktion übernehmen muss. Es dauert viele Jahre, bis ein Elefant die präzise Koordination der Rüsselmuskeln erlernt hat. Dies ließ Forscher eine aufwändige neuronale Kontrolle erwarten. Das Erstaunliche – ihre Erwartungen wurden übertroffen!

Wie außergewöhnlich sensibel Elefantenrüssel sind, wurde durch einer Studie entdeckt, an der auch Professor Michael Brecht vom Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience der Berliner Humboldt-Universität beteiligt war. Michael Brecht ist Pionier der »in vivo whole-cell«-Technik, mit der einzelne Nervenzellen im intakten Gehirn mit höchster Genauigkeit untersucht werden können. Brecht erklärte nach der Untersuchung der Sinnesnerven von Elefanten:

»Kein Tier hat unnötig viel Nervengewebe. Der Elefant hat etwa anderthalb Kilogramm Nervengewebe im Rüssel, mehr als das menschliche Gehirn umfasst. Der Rüsseltastsinn der Elefanten ist sehr beeindruckend und wahrscheinlich weit wichtiger für die Tiere, als bisher angenommen. Die Ergebnisse passen zu der Beobachtung, dass Elefanten sich gegenseitig und ihre Umgebung ständig mit ihren Rüsseln berühren.«

Die Studie Purkart et al., Trigeminal ganglion and sensory nerves suggest tactile specialization of elephants, Current Biology (2022), https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.12.051, brachte folgende Erkenntnisse:

  • Allein die beiden Trigeminal-Ganglien (Nervenknoten) der Elefanten, deren Neuronen die vom Rüssel aufgenommenen taktilen Reize weiterleiten, sind riesig und wiegen zusammengenommen etwa 100 g.
    –> Damit ist das Trigeminal-Ganglion der Elefanten eine der größten bekannten primären sensorischen Strukturen und deutet auf einen hohen Grad an taktiler Spezialisierung hin.
  • Der Hauptnerv (Infraorbitalnerv), der den Elefantenrüssel steuert, enthält etwa 400 000 Neuronen (Nervenzellen) – viel mehr als erwartet.
    –> Das deutet darauf hin, dass der Rüssel unglaublich empfindsam ist.
  • Der Hauptnerv (Infraorbitalnerv), der den Rüssel mit dem Gehirn verbindet, ist dicker als das Rückenmark des Elefanten.
    –> Das heißt, dass die Anbindung des Rüssels an das Nervensystem umfangreicher ist als die Verbindungen des Gehirns zum gesamten Rest des Elefantenkörpers.
  • Der Hauptnerv (Infraorbitalnerv), der taktile Informationen des Rüssels übermittelt, ist dreimal dicker als der Sehnerv, der visuelle Informationen überträgt,
  • und sechsmal dicker als der Hörnerv, der auditive Informationen überträgt.

Dass der Rüssel Elefanten zu etwas ganz Besonderem macht, weiß jedes Kind; nun aber ist klargeworden, wie überaus wichtig dieses hochsensible Organ für Elefanten ist. Es ist vor allem ihr exzellenter Tastsinn, mit dem sie ihre Umwelt erleben, und nicht der durch ihre Füße unterstützte gute Hörsinn oder ihr Geruchssinn, mit dem sie sogar Hunde übertreffen, und schon gar nicht der eher schlechte Sehsinn. Dieses Ergebnis der Studie hat selbst Wissenschaftler überrascht.

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