Was hilft Elefanten bei Stress?

»Stress ist, wenn sich ein Elefant auf deine Brust gesetzt hast.«
(Pascal Lachenmeier, zitiert nach: aphorismen.de)

Ein Zitat in meinem Rüssel-hoch-Buch »Kaputtgekündigt…‽«, das zeigt, das Stress meist als Druck und Belastung empfunden wird. Es gibt viele Stressoren. Jeden Menschen stresst etwas anderes und unterschiedlich stark. Das hängt nicht nur mit der eigenen Persönlichkeit zusammen, sondern auch mit den Erfahrungen, die jeder von uns im Leben gemacht hat und der damit verbundenen inneren Einstellung. Aber egal, was uns stresst, manchmal wünschen wir uns, die berühmte dicke Elefantenhaut zu haben, an der der ganze Stress einfach nur abperlt. Im Grunde ist es der Wunsch nach seelischer Robustheit, psychischer Widerstandsfähigkeit bzw. innerer Stärke, damit wir die Herausforderungen des Lebens besser meistern können. Diese gewünschte Stress-Resilienz ist erlernbar. Einer der Wege, wie das gelingen kann, wird beispielsweise in dem Buch »Denn das Einzige, was du sein musst – ist glücklich« gezeigt.

Elefantenhaut ist mit rund drei Zentimetern tatsächlich ziemlich dick. Das dichte Nervensystem macht die Haut jedoch so empfindlich, dass die Elefanten jede Fliege spüren und sofort verscheuchen. Abgesehen von ihrer Elefantenhaut, die an einigen Stellen wie beispielsweise hinter dem Ohr, an den Augen, an Bauch, Brust und Achseln gar nicht so dick ist, wie allgemein geglaubt wird, haben auch Elefanten Stress, und das nicht nur, wenn sie von Wilderern gejagt werden. Was hilft Elefanten bei Stress?

Forscher haben festgestellt, dass einige wenige intelligente Tierarten, die in Gemeinschaften leben, zu Mitgefühl fähig sind, indem sie beispielsweise gestressten Artgenossen Trost spenden. Diese soziale Empathie zeigt sich darin, dass Elefanten beispielsweise ihren Rüssel einsetzen, um ängstliche oder gestresste Elefanten sanft im Gesicht berühren, sie zu umarmen oder ihnen den Rüssel ins Maul zu stecken. Mitgefühl ist im Tierreich eher die Seltenheit. Forscher konnten ein solch mitfühlendes Verhalten mit tröstenden Aktionen außer bei Elefanten bisher nur bei wenigen Tierarten feststellen wie zum Beispiel bei Menschenaffen, Delfinen oder Krähen.

Der Forscher Joshua Plotnik beobachtete knapp ein Jahr lang 26 Elefanten in einem Reservat in Nordthailand und untersuchte ihre Reaktion auf Stresssituationen:
»Wenn sich ein Elefant schreckt, gehen die Ohren hoch, der Schwanz geht in die Luft und er grummelt.« Meist komme schnell ein anderer Elefant, berühre den erschrockenen Artgenossen vorsichtig mit dem Rüssel oder stecke ihm den Rüssel in den Mund – ein Elefantenäquivalent zum Handschlag. »Wenn eine Elefantenkuh etwa ihr Baby verliert, dauern die Stresssymptome länger und damit auch das tröstende Verhalten.« Die tröstende Zuwendung könne sich dann über Tage erstrecken.

(Plotnik JM, de Waal FBM. 2014. Asian elephants (Elephas maximus) reassure others in distress. PeerJ 2:e278)

Der Elefantenforscher Richard Lair vom Thai Elephant Conservation Center in Lampang bestätigt: »Die Tiere verhalten sich in Stresssituationen erstaunlich ähnlich wie Menschen. Ein Mensch tröstet einen anderen, indem er etwa den Arm um ihn legt und beruhigend auf ihn einredet. Auch Elefanten bieten gestressten Artgenossen Nähe, berühren sich mit dem Rüssel, reiben sich aneinander und machen beruhigende Geräusche.«

(Gone astray. The care and management of the Asian elephant in domesticity, book written by Richard Lair, published by FAO Regional Office for Asia and the Pacific, Issue 1997/16)

Anders sieht es aus bei chronischem Stress. Dieser macht Elefanten aggressiv. Gemäss einer Verhaltensstudie werden Elefanten durch Tourismus beim Fressen und Ruhen so gestört und gestresst, dass sich nicht nur Angriffe gegen Menschen mehren, sondern auch die Interaktionen innerhalb der Elefantenherde aggressiver werden. Die Biologin Isabelle Szott von der Liverpool John Moores University schlägt daher vor, stets eine respektvolle Mindestdistanz einzuhalten und sich mit einem Jeep voller Touristen nicht etwa zwischen die Elefanten und eine Wasserstelle zu drängen oder womöglich zwischen Mutter und Elefantenkalb.

(Szott, I.D., Pretorius, Y. and Koyama, N.F. (2019), Behavioural changes in African elephants in response to wildlife tourism, J Zool, 308: 164-174)

Was können wir selbst tun, damit unser Stress nicht chronisch wird und wir dabei nicht gefühlsmäßig abstumpfen? Wie können wir in stressigen Situationen zu mehr innerer Stärke und Gelassenheit gelangen? Eine tibetische Weisheit besagt:

»Wenn das Herz standhaft ist,
kann eine Maus
einen Elefanten heben.«
(zitiert nach: aphorismen.de)

Wissenschaftler haben die Gehirnströme meditationserfahrener tibetischer Mönche vor, während und nach ihrer Meditation für mehr Mitgefühl und liebevolle Güte gemessen – mit interessantem Ergebnis:

Ein regelmäßig meditierender Mensch reagiert anders auf Stress. 

Dieses Ergebnis war nicht überraschend, jedoch die Art und Weise der inneren Stressreaktion, die im Vergleich zur Reaktion der in der Meditation Unerfahrenen zunächst viel stärker ausfiel, sich dann aber einen Weg zu völliger innerer Ruhe bahnte. Bei allen Mönchen war zunächst eine wesentlich höhere Neuronen-Aktivität im limbischen System zu verzeichnen, dem Teil des Gehirns, in dem Emotionen verarbeitet werden, auf die eine harmonische Neuausrichtung der Nervenbahnen folgte.

(Long-term meditators self-induce high-amplitude gamma synchrony during mental practice, Antoine Lutz, Lawrence L. Greischar, Nancy B. Rawlings, Matthieu Ricard, Richard J. Davidson, Proceedings of the National Academy of Sciences Nov 2004, 101 (46) 16369-16373)

Die Forscher Lutz und Davidson dieser Studie äußerten den Wunsch, Jugendlichen Mitgefühlmeditation beizubringen, um Mobbing, Aggressionen und Gewalt vorzubeugen. Davidson sagte: »Ich denke, dies könnte eins der Werkzeuge sein, um Kindern, die in einem Alter sind, in dem sie Gefahr laufen, ernsthaft vom Weg abzukommen, emotionale Regulierung beizubringen […] Menschen sind bezüglich ihrer Fähigkeiten nicht einfach irgendwo festgefahren. Wir können aus der Formbarkeit unseres Gehirns Vorteile ziehen und es dazu trainieren, diese Qualitäten zu erweitern.«

Würde man die tibetischen Mönche fragen, dann würden sie Meditation wahrscheinlich wie folgt beschreiben: Der menschlichen Geist ist wie einen Ozean, der an sich ruhig, flach und unermesslich groß und tief ist. Doch durch die Stürme des Lebens wird die Oberfläche unruhig und wirft Wellen. Durch regelmäßige Meditation kann die gedankliche Unruhe im menschlichen Geist wieder geglättet werden, was nicht nur zu einer Beruhigung körperlicher Reaktionen wie einer Senkung der Herzschlagfrequenz und des Blutdrucks führt, sondern auch zu einer Regulation der Emotionen.

Regelmäßige Meditation – und seien es auch nur wenige Minuten täglich – ist auf alle Fälle ein geeignetes Anti-Stress-Mittel, um unangenehme Stressgefühle zu regulieren und zur inneren Ruhe zu kommen. Wer noch nie meditiert hat, beginnt am besten mit nur 1 Minute pro Tag. Wichtiger als die Länge der Meditation ist die Regelmäßigkeit.

Meditieren bedeutet wörtlich »in die Mitte kommen« und ist eine kleine Pause, die man sich selbst gönnt. Es ist eine bewusste Verlangsamung der Zeit, in der man einfach nur seine Augen schließt, tief durchatmet und seine Aufmerksamkeit nach innen wendet.

Bei mir hat es einige Wochen gedauert, bis ich dieses Eintauchen in einen meditativen Zustand der inneren Ruhe erreicht und seither immer mehr schätzen gelernt habe. Für mich bedeutet Meditation inzwischen tatsächlich so etwas wie ein Einpendeln in meine Mitte. Tägliche Meditation ermöglicht eine tiefere Begegnung mit mir selbst: Was für Gedanken kommen mir? Was für Gefühle empfinde ich? Welche Bedürfnisse hat mein Körper? Wie geht es mir wirklich? Was kann ich tun, damit es mir heute besser geht? Was ist mir wichtig oder was ist eigentlich nicht so wichtig? …? …? …?

Und was ist mit den Elefanten? Diese würden sicher auch regelmäßig meditieren, wenn sie dazu kognitiv in der Lage wären. Sie finden innerhalb ihrer Familie Hilfe durch Artgenossen, die sich in Stresssituationen mitfühlend verhalten und sie mit ihren Rüsseln umarmen.

Das ist übrigens auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen eine sehr gute, äußerst schnell wirkende Stressbremse. Die beruhigende Wirkung einer Umarmung ist sofort spürbar, da der Vagusnerv, der sogenannte Ruhenerv, stimuliert wird, der als Teil des parasympathischen Nervensystems dafür sorgt, dass Stressreaktionen unseres Körpers heruntergefahren werden. Deswegen: Rüssel hoch! und öfter mal gegenseitig umarmen.

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