Elefantöses – Wenn aus einer Mücke ein Elefant wird

»Seit einigen Tagen
Machst du mir ein bös‘ Gesicht,
Du denkst wohl,
ich soll dich fragen,
welche Mücke dich sticht.«

Johann Wolfgang von Goethe
Poetische Werke,
Band 2, Zahme Xenien,
Berliner Ausgabe von 1960

In unserem Alltag gibt es viele Gelegenheiten, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Aus Ärger über eine kritische Bemerkung kann sich schnell ein handfester Streit mit elefantösen Folgen entwickeln oder ein heimlicher, tiefer Groll entstehen, der zum Nährboden für weitere »Mücken« wird, die uns wiederholt zur Weißglut treiben und deren Schatten zur Größe eines Elefanten anwächst.

Wahrscheinlich hat jeder Mensch so seine speziellen »Mücken« bzw. Plagegeister, auf die er übertrieben stark reagiert. Meine »Elefantenmücken« entstehen, wenn in meine wunden Punkte gestochen wird. Ungerechte Behandlung und Geringschätzung wertet mein innerer Elefant reflexartig als Angriff auf mein Selbstwertgefühl. Deshalb kann ich meist nicht auf gelassene Weise reagieren, wenn ich mich übergangen, ignoriert oder unfair beurteilt fühle.

Andere Menschen mögen solche Kleinigkeiten des sozialen Lebens – wie eine ignorierte Bitte, eine ausbleibende Anerkennung oder ein versäumter Gruß – vielleicht für einen »Mückenschiss« halten, wegen dem sich kein innerlicher oder äußerlicher »Elefantenaufstand« lohnt, welchen sie für völlig übertrieben halten. Doch der Elefant, der in so einer Mücke steckt, kann ein mächtiges inneres Programm zum Selbstschutz sein, ein Gefühlsecho aus der Vergangenheit, das auf Negativerfahrungen beruht und durch die aktuelle Mückensituation reaktiviert wird. Solch eine emotionale Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart kann der Grund dafür sein, dass wir aus geringfügigem Anlass extrem überzogen reagieren.

Zugegeben, nicht aus jeder Mücke muss ein Elefant werden. Es muss nicht wegen jeder Kleinigkeit viel Aufregung erzeugt und aus der Haut gefahren werden. Es gibt Menschen, die scheinen ein Talent dafür zu haben, »die Mücke abzuseihen, den Elefanten jedoch zu verschlucken«. Dagegen werden empathische Menschen angesichts ihrer eigenen Schattenseiten sicherlich anderen Personen kleinere oder größere Versäumnisse, Fehler oder Vergesslichkeiten zugestehen. Auch muss ein Problem, das vielleicht nur ein Missverständnis ist, nicht schlimmer dargestellt werden, als es wirklich ist. Dramatisieren wir nicht, sondern sorgen wir lieber dafür, dass die lästige Mücke schnellstens wieder aus unserem Leben verschwindet, bevor die Lappalie zu einer riesigen Elefantenmücke wird. Verschwenden wir nicht unsere kostbare Lebensenergie, die wir für das einsetzen möchten, was wirklich zählt.

Doch was genau bedeutet eigentlich die Redewendung »aus einer Mücke einen Elefanten machen«?

Es bedeutet, eine Kleinigkeit stark aufzubauschen und ihr mehr Bedeutung zu geben, als ihr eigentlich zukommt. Rhetorisch gesehen handelt es sich um eine Hyperbel – ein Stilmittel der Übertreibung. Denken wir beispielsweise an Umschreibungen wie »himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt« oder »so zahlreich wie der Sand am Meer«, welche jeweils einen extremen Kontrast herausstellen, der auch im Größenverhältnis von Elefant und Mücke zum Ausdruck kommt. Ein weiteres Beispiel: »Ich könnte jetzt eine ganze Badewanne voll Wasser trinken!« Mit diesen Worten möchte jemand in übertriebener Weise verdeutlichen, dass er großen Durst hat und damit seine Gefühlsintensität maximal gesteigert wiedergeben.

»Mach doch aus einer Mücke keinen Elefanten!« fällt in die gleiche Kategorie. Im Englischen würde es so heißen: »Mach doch aus einem Maulswurfshügel keinen Berg!« (»Don’t make a mountain out of a molehill!«) Im Amerikanischen spricht man sogar davon, »keinen Elefanten zu töten« (»Don’t kill an elephant!«), wenn man meint, dass etwas übertrieben wird bzw. ein Vielfaches mehr getan wird als nötig (»to overdo something«). Wenn übermäßige Mittel oder Gewalt angewendet wird, um etwas relativ Geringfügiges zu erreichen, heißt es: »Töte keine Fliege mit einem Elefantengewehr!« (»Don’t kill a fly with an elephant gun!«) Das deutsche Äquivalent wäre, »nicht mit Kanonen auf Spatzen zu schießen«. Ein Spatz ist gegenüber einem schweren Geschütz ein völlig unterlegener Gegner, so dass diese Redewendung ebenfalls einen starken Kontrast aufzeigt und darauf hindeutet, dass es Menschen gibt, denen das richtige Maß fehlt bzw. die auf einen bestimmten Vorfall mit unverhältnismäßig harten Maßnahmen überreagieren – also aus einer Mücke (einer kleinen Sache) einen Elefanten (ein Riesending) machen.

Doch schon Aristoteles wusste, dass das leichter gesagt als getan ist: »Auf die richtige Person im richtigen Maß und zur richtigen Zeit und wegen der richtigen Sache und in der richtigen Weise wütend zu sein – ist nicht leicht.«

Das führt uns zu der interessanten Frage: Wie können wir entstehende Elefantenmücken wieder schrumpfen lassen?

In einer akuten Situation, in der man sich ärgert, könnte man zum Beispiel die eigene Reaktion verzögern, indem man einmal tief durchatmet und erst einmal bis zehn zählt. Warum das hilfreich sein kann, erklärt Viktor Frankl, der vier verschiedene Konzentrationslager überlebte:
»Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.«

Wenn wir innehalten, gewinnen wir inneren Abstand zu der Situation, die uns aufregt, und das ist der Raum unserer Macht, unserer Wahl, unseres persönlichen Wachstums. In diesem kurzen Zeitraum entscheiden und bestimmen wir selbst, ob wir die Mücke, die zum Elefanten werden zu droht, wieder auf Normalgröße schrumpfen lassen. Wenn es uns gelingt, diesen Elefanten-Mücken-Prozess zu stoppen, kehren wir schneller zu unserem inneren Gleichgewicht zurück und das bedeutet – weniger Stress, was für unsere Gesundheit von unschätzbarem Wert ist!

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