Buchvorstellung – »Psychotherapie für den Alltag«

Cover fürs Buch »Psychotherapie für den Alltag«

In den Jahren 1951 bis 1955 hielt Viktor E. Frankl (* 1905, † 1997), Professor für Neurologie und Psychiatrie, im Auftrag des Wiener Senders Rot-Weiß-Rot jeden Monat einen gemeinverständlichen Rundfunkvortrag über ein psychotherapeutisches Thema. Es ging ihm hierbei um mehr, als nur schwierige Sachverhalte verständlich zu machen; er strebte an, eine praktische kollektive Psychotherapie vor dem Mikrofon zu betreiben. Sein Buch »Psychotherapie für den Alltag: Rundfunkvorträge über Seelenheilkunde« (Kreuz Verlag, 2015) ist eine Auswahl dieser Vorträge. Das hörte sich dann ungefähr so an:

»Nehmen wir an, ich messe einem Patienten den Blutdruck und stelle dabei fest, dass der Druck leicht erhöht ist; wenn ich nun auf die bange Frage des Kranken: Herr Doktor, wie sieht es mit meinem Blutdruck aus? erkläre, dass er sich nicht zu ängstigen braucht, dass hierzu kein Grund vorliegt – lüge ich meinen Patienten dann an? Ich behaupte nun, dass dies nicht der Fall ist.

Denn mein Kranker wird auf meine beruhigende Mitteilung hin erleichtert aufatmen und etwa seinerseits erklären: Gott sei Dank – wissen Sie, Herr Doktor, ich habe nämlich schon gefürchtet, mich könnte der Schlag treffen. Und sobald sich diese ängstliche Erwartung gegeben hat, wird der Blutdruck des Patienten auch wirklich normal sein.

Was wäre aber im umgekehrten Fall geschehen – wenn ich dem Kranken die Wahrheit gesagt hätte? Es wäre bei dieser Wahrheit gar nicht geblieben, es wäre nämlich gar nicht bei der leichten Druckerhöhung geblieben, sondern der nunmehr erst recht besorgte und ängstlich gemachte Patient hätte, auf meine Eröffnung hin, sofort mit einer wesentlichen Erhöhung des Blutdruckes reagiert.« (aus seinem Vortrag »Die Problematik psychiatrischer Aufklärung)

Viktor Frankls alltagstaugliche psychotherapeutische Erklärung hierfür lautet:
»Wir alle kennen das alte Sprichwort: Der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Nunmehr können wir sagen, wenn der Wunsch der sprichwörtliche Vater des Gedankens, so ist die Furcht die Mutter des Geschehens, und zwar, wie sich zeigt, auch des Krankheitsgeschehens.« (aus seinem Vortrag »Hypochondrie und Hysterie«)

Der Psychiater jüdischer Herkunft verlor Angehörige in Konzentrationslagern und entging selbst dem Tod im Konzentrationslager nur knapp. Doch trotz all des Leids, das er dort sah und erlebte, kam er zu dem Schluss, dass es selbst an Orten der größten Unmenschlichkeit möglich ist, einen Sinn im Leben zu sehen. Sein Leitsatz: Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie. Damit meint er, dass das Bewusstsein um den eigenen Lebenssinn mehr als alles andere dazu verhilft, sowohl äußere Schwierigkeiten als auch innere Beschwerden zu überwinden.

Als Glückstherapeutin hat mich natürlich besonders interessiert, was Viktor Frankl zum Thema Glücklichsein zu sagen hat. Nachdem er festgestellt hat, dass sich mehr und mehr Menschen mit dem Gefühl einer unsäglichen inneren Unerfülltheit quälen, nennt er einen wesentlichen Baustein, wie ein Mensch in seinem Leben Erfüllung finden kann:
»Ich würde sagen, was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein an sich, sondern ein Grund zum Glücklichsein. Sobald nämlich ein Grund zum Glücklichsein gegeben ist, stellt sich das Glück, stellt sich die Lust von selber ein.« (aus seinem Vortrag »Der Mensch auf der Suche nach dem Sinn«)

Viktor Frankl geht sogar noch einen Schritt weiter: Nicht einmal der herannahende Tod mache das Leben sinnlos, denn es bliebe immer die sinnvolle Aufgabe, ein menschliches Vorbild zu sein:

»Selbst in diesem Falle ist dem Menschen eine Aufgabe gestellt, eine ganz konkrete, allerpersönlichste Aufgabe, und sei es nur, dass es darum ginge, das rechte, aufrechte Leiden echten Schicksals zu leisten.« (aus seinem Vortrag »Das provisorische Dasein«)

Das aufrechte Leiden echten Schicksals sei laut Viktor Frankl die höchste Leistung, die ein Mensch zu vollbringen vermöge, und sei es auch nur, dass ein Mensch schicksalhaft abverlangten Verzicht leiste. Ich muss schon sagen, dies als höchste Chance zu sehen, sein Leben mit Sinn zu erfüllen – dazu gehört eine Lebensreife, die nicht so einfach zu entwickeln ist.

Völlig mitgehen kann ich bei der Aussage, dass nichts dem Menschen so unerträglich ist, wie ein Zustand ohne Aufgaben bzw. ohne Ziele. Seine Empfehlung lautet, »tätig zu bleiben, anstatt durch Rasten zu rosten.« Es sei für jeden – egal wie bejahrt – äußerst wichtig, für etwas oder für jemanden da zu sein. Dazu nennt er eine interessante Beobachtung, die man bei Tieren gemacht hat (siehe dazu auch Elefanten in Deutschland):
»Da hören wir zum Beispiel, dass Tiere, die in Zirkussen auftreten und zu diesem Zweck dressiert wurden, die also bestimmte Leistungen zu erfüllen haben, um nicht zu sagen: denen bestimmte Aufgaben gestellt wurden ‐ wir hören, dass solche Tiere im Durchschnitt länger leben als jene unter ihren Artgenossen, die in Zoos gehalten werden, das heißt jene Tiere, die unbeschäftigt bleiben.« (aus dem Vortrag »Psychische Hygiene des Alterns«)

Kurz zusammengefasst lautet Viktor Frankls therapeutisches Prinzip so: Heilung durch Sinnfindung. Eine Aufgabe finden, die man zu seiner macht, die einem Grund gibt, glücklich zu sein, sich erfüllt zu füllen. Es ist also die Frage nach dem Wofür (lebe ich), die innerlich über Wasser hält, vielleicht sogar alte Wunden heilt, auf jeden Fall in vielen Lebenslagen weiterhilft, sei es auch nur darin, aus einer Mücke keinen Elefanten zu machen.

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