Elefantöses – Das Wiener Elefantenhaus

Der November hat viele sogenannte stille Feiertage, seien sie religiös oder weltlich, an denen besondere Einschränkungen gelten – aus Rücksicht auf religiöse oder andere Gefühle, die viele Bürger anlässlich solcher Gedenktage empfinden. Meist handelt es sich um Verstorbene, derer gedacht wird.

Mit dem folgenden Beitrag möchte ich dieses Monat eines verstorbenen Elefanten gedenken und eines abgerissenen Hauses, das seinetwegen als Elefantenhaus bekannt wurde. Doch bevor wir deswegen gedanklich nach Wien reisen, hier ein kurzer fotografischer Rückblick auf unser Haus in Potsdam, bevor es selbst zu einem Elefantenhaus wurde.

Kurz nachdem ich die obige herbstliche Aufnahme von unserem Elefantenhaus in Potsdam gemacht hatte, stellte ich bei einer meiner Recherchen als Autorin fest, dass es auch in Wien ein Elefantenhaus gegeben hat. So wie auch unser Elefantenhaus eigentlich ein Doppelhaus ist, bestand auch das Wiener Elefantenhaus ursprünglich aus zwei kleineren, zweistöckigen Häusern, die jedoch gegen Ende des 16. Jahrhunderts baulich vereinigt wurden. Lange Zeit befand sich in dem später dreistöckigen Haus mit zwei hohen gotischen Giebeldächern eine Apotheke mit dem Namen »Zur goldenen Krone«, aber auch ein Antiquitäten- und Kunsthandel fand darin Platz. Lokalgeschichtlich zählte das ehemalige Elefantenhaus in der Nähe des Stephandoms zu den bekanntesten Häusern der Wiener Altstadt.

Noch überraschter war ich, als ich bei meinen Recherchen las, dass die elefantöse Gestaltung seiner Außenfassade einst zu Ehren des Asiatischen Elefanten Soliman angefertigt worden war, von dem ich auch in einem meiner Romane berichtet habe. Es folgt der entsprechende Auszug aus S.192/193 meines Roman »Der Elefant des Sonnenkönigs«:

»Insbesondere portugiesische Herrscher verschenkten Elefanten – wegen der historischen Handelsverbindungen und wegen ihrer Erfahrung in der Elefantenbeschaffung. Die in Europa im Rahmen der Diplomatie auf den Weg geschickten Elefantengeschenke stammten gewöhnlich aus Asien, waren kleinerer Statur und hatten viel kleinere Ohren. Als Beispiel sei der indische Elefant Hanno genannt, den König Emanuel I. von Portugal 1514 dem neu gewählten Papst Leo X. zum Geschenk machte. Hanno wurde sogar zu dessen Lieblingstier.

Ein anderes Beispiel war der ebenfalls indische Elefant Soliman, der aus den portugiesischen Kolonien zunächst nach Lissabon kam. Anschließend gelangte Soliman als Brautgeschenk des zukünftigen Gemahls, Prinz Johann von Brasilien (Sohn König Johanns III. von Portugal) an die 14-jährige Johanna (jüngste Tochter Karls V.) nach Spanien. Von dort aus wurde der Elefant 1552 an Erzherzog Maximilian II. zu Österreich weiterverschenkt. Soliman wurde zu Fuß auf die Reise nach Wien geschickt. Noch heute gibt es an der langen Wegstrecke, die dieser Elefant zurücklegte, viele Gasthäuser mit dem Namen »Zum Elefanten«.

Doch der Elefant für den Sonnenkönig, der einzige vom 16. bis 18. Jahrhundert in Europa nachweisbare Afrikanische Elefant, war die berühmte Ausnahme. Er war eine immens wertvolle und absolute Rarität, die ganz gezielt 1668 als diplomatisches Tiergeschenk des Königs von Portugal an den Sonnenkönig eingesetzt wurde.«

Wenn du literarische Elefantengeschichten liebst und mehr über den historischen Elefanten Soliman erfahren möchtest, empfehle ich dir das Hörbuch des portugiesischen Autors José Saramago »Die Reise des Elefanten«, 2010, Hoffmann und Campe Verlag. Ich habe mir die leicht ironische Erzählung, die das wenige, was tatsächlich über den Elefanten Soliman bekannt ist, auf elegante Weise mit eigener Phantasie verknüpft, mit Vergnügen angehört. In zeremonieller Sprache spielt der Autor auf einer Erzählwiese, auf der eigentlich für unsere heutigen Begriffe nichts wirklich Aufregendes los war, sich für damalige Verhältnisse jedoch ein diplomatisches Großereignis abspielte.

Wie kam denn nun das Wiener Elefantenhaus zu seinem Namen? Darum rankt sich eine vielfach ausgeschmückte Legende, die ich erzählerisch wie folgt wiedergeben möchte:

Am 14. April 1552 zog Erzherzog Maximilian II. zu Österreich mit seiner Gattin Maria, seinem gesamten Hofstaat und vielen Geschenken aus Spanien in prunkvollem Zuge durch Wien. Sein Tross mit vergoldeten Karossen, Reitern und Lanzenträgern enthielt exotische, in Wien zuvor noch nie gesehene Tiere. Die Hauptattraktion war der eben erwähnte Elefant Soliman, ein etwa zwölf Jahre alter Bulle, dem ein indischer Pfleger, ein sogenannter Mahout, zur Seite stand. Die triumphale Parade zog durchs Kärntner Tor ein und durch die Kärntner Straße bis zum Graben, [ein Platz, der zur Römerzeit tatsächlich ein breiter Graben war, jedoch Ende des 12. Jahrhunderts zugeschüttet worden war.] Von dort sollte der Weg über den Kohlmarkt zur Wiener Hochburg führen.

In der schmalen Grabengasse entstand jedoch ein besonders großes Gedränge. Als der Elefant am später nach ihm benannten Haus (Elefantenhaus, Graben 1, Wien) vorbeikam, entglitt Maria Gienger, der Gemahlin des Raitrates [Rechnungsrates] Anton Gienger, die sich unter den Zuschauern befanden, das fünfjährige Töchterchen ihren Armen und fiel Soliman vor die Füße. Ein Schrei des Entsetzens ging durch die Menge, die erwartete, dass der riesige Elefant das Kind zertreten würde. Doch Soliman beschrieb mit dem Rüssel einen weiten Bogen, um sich Raum zu verschaffen, und hob dann ganz behutsam das kleine Mädchen mit seinem Rüssel empor, um es der zitternden Mutter zu überreichen. Die überglücklichen Eheleute ließen danach aus Dankbarkeit und zum Gedenken die längs der Grabengasse verlaufende Wand mit einem riesigen Basrelief aus Sandstein versehen, das einen Elefanten darstellte, auf dem ein Mann ritt. Später trug das Haus die folgende deutsche Inschrift:

Dieses Tier heisst ein Elephant,
Welches ist weit und breit bekannt,
Seine ganze Gröss, also Gestallt
Ist hier gar fleissig abgemallt,
Wie der König Maximilian
Aus Hispanien hat bringen lan
Im Monat Aprilis fürwar,
Als man zelt 1552 Jahr.

Wie so oft gibt es dazu auch andere Quellen, die im Gegensatz zur Legende besagen, dass der Elefantenzug am 6. März 1552 stattgefunden hat und dass Anton Gienger das Haus gar nicht eigentümlich besessen hat. Wie es auch immer gewesen ist, ein Kupferstich von ca. 1720 zeigt das Elefantenhaus mit seinem Wahrzeichen. Mit der Zeit war das Elefantenrelief so verwittert und undeutlich, dass an seiner Stelle ein großes Freskogemälde angebracht wurde, das allerdings bei einer baulichen Veränderung im Jahr 1789 übertüncht wurde. Schließlich wurde im Jahr 1866 das Wiener Elefantenhaus und einige weitere alte Häuser bei der Ausgestaltung des Grabens abgerissen. Doch die Ankunft des ersten Elefanten in Wien führte dazu, dass auch bei anderen Häusern, die nichts mit dem ersten Elefanten zu tun hatten, Schildnamen mit Elefant wie beispielsweise »Zum schwarzen Elefanten« oder »Zum goldenen Elefanten« auftauchten.

Wie man auf obigen Bildern sieht, war das Wiener Elefantenhaus ein Gebäude, das sich mit seiner Hauptfront quer über den Platz legte und bis zum Abriss im Jahr 1866 den Ostabschluss des Grabens bildete. Schon im 18. Jahrhundert war der Graben eine beliebte Flaniermeile der Wiener Gesellschaft geworden und hatte die Nutzung des Grabens als Marktplatz zurückgedrängt. In den 1970er-Jahren wurde er zur ersten Fußgängerzone Wiens umgestaltet. Heute ist der Graben eine der elegantesten (und teuersten) Einkaufsstraßen Wiens und ein Teil des Goldenen U zwischen Kohlmarkt und Kärntner Straße. [Der Name Goldenes U bezieht sich auf die Exklusivität der Einkaufsstraßen und Immobilien in diesem Bereich.]

Wie erging es dem ersten Elefanten in Wien, der dem Wiener Elefantenhaus seinen Namen gab?

Der Elefant, dessen spanischer Name Beppo von den Wienern in Peppi umbenannt wurde, konnte nach seinem triumphalen Einzug in Wien und seiner berühmten Rettungsaktion in einer Scheune (jetzt Stadtpark) öffentlich besichtigt werden. Danach brachte man ihn in die erste und älteste Menagerie des kaiserlichen Hofes im Lustschloss zu Ebersdorf, das extra angelegt worden war, um die aus Spanien mitgebrachten exotischen Tiere unterzubringen. Diese Menagerie wurde für die Wiener Bevölkerung ein beliebtes Ausflugsziel. Noch nicht einmal anderthalb Jahre später, am 18. Dezember 1553, verstarb der berühmte Elefant, vermutlich infolge falscher Fütterung.

Maximilian II. ließ Gedenkmünzen prägen und die Elefantenhaut mit Stroh ausstopfen. Zunächst in der Schausammlung seiner eigenen Menagerie, verschenkte er den ausgestopften Elefanten an seinen Schwager Herzog Albrecht V. von Bayern, nachdem er 1563 einen lebenden Ersatzelefanten aus Portugal erhalten hatte. 1928 kam der ausgestopfte Elefant ins Bayerische Nationalmuseum. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er zum Schutz vor Bomben in den Museumskeller gebracht, wo das Präparat allerdings verschimmelte. Aus seiner Haut sollen in den Nachkriegsjahren noch Schuhsohlen gefertigt worden sein. 2016 ist noch ein Elefantenfußknochen von Soliman gefunden wurden, als der Kellerboden des Bayerischen Nationalmuseums für den Einbau von Kanalrohren freigelegt wurde.

Aus seinen Knochen fertigte man u.a. einen kunstvollen Prunkstuhl. Drei Schenkelknochen bildeten die Beine, die auf ein schwarzes Holzgestell montiert wurden. Ein Beckenknochen wurde zur Sitzfläche mit eingravierter Inschrift, die über Herkunft, Gewicht und Weg des Elefanten nach Wien Auskunft gibt. Der Stuhl wechselte mehrfach die Besitzer, was auch an den eingravierten Wappen zu erkennen ist. Seit Ende des 17. Jahrhunderts befindet sich der Elefantenstuhl in der Sammlung des österreichischen Stifts Kremsmünster.

Wenn wir heute an den ersten Elefanten in Wien und seine Rettungsreaktion in der Wiener Altstadt zurückdenken, die durch das Elefantenhaus bei den Menschen lange in Erinnerung gehalten wurde, sollten wir vor allem daran denken, dass Elefanten von Haus aus friedliebend sind und tatsächlich auch Empathie empfinden können.

Studien zeigen, dass Elefanten in schwierigen Situationen einander mitfühlend beistehen. Beispielsweise trösten sie sich gegenseitig durch Berührungen und Lautäußerungen. Der Forscher Joshua Plotnik beobachtete knapp ein Jahr lang 26 Elefanten in einem Reservat in Nordthailand und untersuchte ihre Reaktion auf Stresssituationen:

»Wenn sich ein Elefant schreckt, gehen die Ohren hoch, der Schwanz geht in die Luft und er grummelt.« Meist komme schnell ein anderer Elefant, berühre den erschrockenen Artgenossen vorsichtig mit dem Rüssel oder stecke ihm den Rüssel in den Mund – ein Elefantenäquivalent zum Handschlag. »Wenn eine Elefantenkuh etwa ihr Baby verliert, dauern die Stresssymptome länger und damit auch das tröstende Verhalten.« Die tröstende Zuwendung könne sich dann über Tage erstrecken.
(Plotnik JM, de Waal FBM. 2014. Asian elephants (Elephas maximus) reassure others in distress. PeerJ 2:e278)

Der Elefantenforscher Richard Lair vom Thai Elephant Conservation Center in Lampang bestätigt: »Die Tiere verhalten sich in Stresssituationen erstaunlich ähnlich wie Menschen. Ein Mensch tröstet einen anderen, indem er etwa den Arm um ihn legt und beruhigend auf ihn einredet. Auch Elefanten bieten gestressten Artgenossen Nähe, berühren sich mit dem Rüssel, reiben sich aneinander und machen beruhigende Geräusche.«
(Gone astray. The care and management of the Asian elephant in domesticity, book written by Richard Lair, published by FAO Regional Office for Asia and the Pacific, Issue 1997/16)

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