Fotoausflug – Otto Lilienthal und sein Traum vom Fliegen

Jeder Mensch hat Träume, zumindest nächtliche Träume, die manchmal zu Tagträumen werden. Tagträume sind in der Psychologie Wachträume, eine Form der Bewusstseinsveränderung und -erweiterung durch innere Bilder und Vorstellungen. Bei Tagträumen wird die Aufmerksamkeit von äußeren Sinnesreizen weg auf innere Reize gelenkt, auf Wünsche und Pläne, die aus dem tiefsten Inneren kommen – von unserem inneren Elefanten. Otto Lilienthal war so ein Mensch, dessen leidenschaftlicher Wunschtraum zur Wirklichkeit wurde, und der uns zu diesem herbstlichen Fotoausflug veranlasste.

Otto Lilienthal (* 23. Mai 1848 in Anklam; † 10. August 1896 in Berlin) war das älteste von acht Kindern. Sein Vater, der Tuchhändler Carl Friedrich Gustav Lilienthal, verstarb plötzlich kurz vor Ottos 13. Geburtstag und kurz vor der geplanten Auswanderung der Familie nach Amerika. Otto war ein äußerst wissbegieriges Kind mit vielerlei Interessen, doch eine Frage beschäftigte ihn besonders; es war die Frage, ob und wie ein Mensch fliegen könne. Dieser Traum vom Fliegenkönnen ließ ihn zeitlebens nicht los. Schon als Vierzehnjähriger unternahm er mit seinem Bruder Gustav erste Flugversuche in seiner Geburtsstadt Anklam (»das Tor zur Insel Usedom«) mit an die Arme geschnallten Flügeln aus Kiefernleisten, Buchspanbrettchen und Leinen. In Anklam erinnert ein Otto-Lilienthal-Museum mit einer vollständigen Sammlung aller Flugapparate an das Lebenswerk des berühmten Flugpioniers.

Fliegen zu können ist ein alter Menschheitstraum. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, sich wie ein Vogel in die Luft zu schwingen. Oft träumen kranke oder gestresste Menschen vom Fliegen – der Ausdruck eines tiefen inneren Wunsches nach einem unbeschwerten Lebensgefühl, nach weniger Schwere und mehr Bewegungsfreiheit im Leben.

»Wenn alles gegen dich zu laufen scheint,
erinnere dich daran, dass das Flugzeug
gegen den Wind abhebt, nicht mit ihm.«
(Henry Ford zugeschrieben, zitiert nach: zitatezumnachdenken.com)

Sogar Reinhard Mey textete über einen der modernen Silbervögel:

… Wie ein Schleier staubt der Regen,
Bis sie abhebt und sie schwebt
Der Sonne entgegen.
Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,
Blieben darunter verborgen und dann
Würde, was uns groß und wichtig erscheint,
Plötzlich nichtig und klein.
Ich seh‘ ihr noch lange nach,
Seh‘ sie die Wolken erklimmen, …

So ähnlich wird auch Otto Lilienthal gefühlt haben, als er Vögel am Himmel beobachtete und der Wunsch aufkam, über den Wolken eine solch grenzenlose Freiheit zu erleben.

Sehr nützlich waren für Lilienthals späteren Forschungen seine Vogelflugstudien unter Anleitung erfahrener Ornithologen, Mathematikunterricht bei dem Astronomen Gustav Spörer und Zeichenunterricht bei dem Maler Bernhard Peters während seine Gymnasiumzeit in Anklam.

1864 wechselte Lilienthal an die Provinzial-Gewerbeschule in Potsdam, wo er mit seiner technischen Begabung das beste Examen ablegte, das dort jemals ein Schüler erreichte. Nach einem Praktikumsjahr in der Berliner Maschinenfabrik Schwartzkopf begann er eine Ingenieursausbildung an der Königlichen Gewerbeakademie in Potsdam. Sein erworbenes Wissen setzte er bei Experimenten zum Luftwiderstand mit einem Flügelschlagapparat am Seil auf dem Dachboden seines Elternhauses in Anklam ein.

1871 begann seine Berufstätigkeit. Zunächst bei der Maschinenbaufirma Weber in Berlin, danach als Konstruktionsingenieur bei der Berliner Maschinenfabrik C. Hoppe, reichte er 1877 sein erstes Patent ein – auf eine Schrämmaschine für den Bergbau – bis er 1881 seine eigene Maschinenbaufabrik eröffnete. Seinen Traum vom Fliegen verfolgte er weiter, indem er Versuche mit Flugmodellen unternahm, Experimente mit selbstentwickelten großen Flugdrachen durchführte und den Nachweis für die Notwendigkeit leicht gewölbter Flügelflächen erbrachte.

1878 heiratete Otto Lilienthal Agnes Fischer, die Tochter eines Bergmanns, mit der er vier Kinder großzog. Auch als Familienvater hielt er an seinem Traum des Fliegens fest. 1886 trat er in den Deutschen Verein zur Förderung der Luftschifffahrt in Berlin ein. Zu Studienzwecken hielt er sich im Garten seines Wohnhauses in Groß-Lichterfelde (heute Berlin-Lichterfelde) vier Störche. 1889 erschien sein wissenschaftliches Buch »Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst. Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik«. Unbeirrbar verfolgte Lilienthal seinen Traum vom Fliegen. Er machte Steh- und Laufübungen mit einem Flugapparat im freien Gelände. Es folgten Sprungübungen von einem Sprungbrett im Garten seines Hauses. Bis zu vierhundert Mal übte er den Absprung mit seinem Flügelapparat, bevor er sich an einen Sprung im freien Wind wagte.

1891 war er soweit für den ersten Menschenflug, von dem sogar alte Fotografien existieren.

In Derwitz erinnert an diesen ersten Menschenflug das Lilienthal-Gedenkhaus und ein Lilienthal-Gedenkstein am Dorfplatz, an der Ortsverbindungsstraße zwischen Derwitz und Krielow.

Bei einem zufälligen Besuch in Derwitz (ein Ortsteil von Werder) hatte Lilienthal den Spitzen Berg (Gemarkung Krielow) entdeckt, dessen baumloser Nordhang ihm Absprünge und freie Gleitflüge in westlicher und östlicher Richtung in 5 bis 6 Meter Höhe und bis zu 25 m Weite erlaubte. Beim einem Windmüller durfte Lilienthal seine Flugapparate unterstellen, u.a. den sogenannten Derwitzer Apparat (ein von ihm selbst entwickeltes Gleitflugzeug mit 7,6 m Spannweite, das er 1891 von Frühjahr bis Herbst flog). Fast jeden Sonntag übte er an die tausend Mal den Gleitflug gegen den Wind. Verstauchte Beine und Arme hinderten ihn nicht daran, nach noch höheren Hügeln zu suchen, um noch größere Strecken fliegen zu können.

1991 wurde ortsauswärts auf dem Windmühlenberg Richtung Krielow ein Lilienthal-Denkmal errichtet. (Der Spitze Berg war wegen Sandabbau nicht mehr vorhanden.) Damit soll anerkannt werden, dass 1891 in Derwitz zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Otto Lilienthal der Menschenflug gelungen ist, womit der Traum vom Fliegen in Erfüllung gegangen ist. Die Zahl seiner Flüge wird auf mindestens 2.000 geschätzt.

1892 schaffte Lilienthal bereits bis zu 80 m bei Flugübungen von einer 10 m hohen Stechwand einer Sandgrube bei Berlin-Steglitz. Auch seinen künstlerischen Interessen ging er nach. Beispielsweise war er Mitglied in der Berliner Singakademie, spielte zudem mehrere Instrumente (u.a. Waldhorn) oder gründete im Oktober 1892 eine Volksbühne, wo er auch selbst gern in Schauspieler-Rollen schlüpfte.

1893 baute er einen eigenen Flügelschlagapparat für den Ruderflug mit elastischen Schwingen und meldete ein erstes Flugpatent auf den wie Fledermausflügel zusammenklappbaren Flugapparat an. Lilienthal führte auch systematische Flugübungen in den Rhinower Bergen durch, da hier ideale Flugbedingungen herrschten. Seine Gleitflüge, die er für eine notwendige Vorstufe zum motorisierten Flug hielt, trugen ihn vom 70 m hohen Gollenberg in Stölln im Havelland bei etwa 50 Stundenkilometern bis zu 250 m durch die Luft.

Hier schaffte er durch Körperbewegungen sogar eine Kehrtwende in der Luft und gegen den Berg zurückzufliegen, was einem Übergang vom Gleitflug zum Segelflug gleichkam. Ein Jahr später hatte er dort einen Absturz aus 20 m Höhe, der jedoch glimpflich endete. Die halbkreisförmig gebogenen Weidenruten, die er an seinen Gleiter angebracht hatte und bei Bruchlandungen als Stoßfänger dienen sollten, hatten ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.

Der inzwischen dauerhaft geschlossene historische Gasthof »Zum 1. Flieger« in Stölln erinnert an diesen unermüdlichen Flugpionier, der dort oft eingekehrt war und später als »märkischer Ikarus« verehrt wurde. Wir dagegen kehrten bei unserem Fotoausflug im empfehlenswerten Gasthof »Zum fliegenden Ross« in Derwitz ein, wo über dem Eingang das alte Sandsteinrelief eines geflügelten Pferdes (Pegasus-Darstellung) zu sehen ist. Hier verlief früher die Pferdekutschen-Strecke zwischen Berlin und Magdeburg.

1894 ließ Lilienthal auf eigene Kosten einen 15 m hohen kegelförmigen Sandhügel in Berlin-Lichterfelde aufschütten, um jede freie Stunde für Flugübungen nutzen zu können. Er nannte ihn Fliegeberg, welcher bald zu einem beliebten Ausflugsort der Berliner wurde und heute ebenfalls eine Lilienthal-Gedenkstätte ist. Er führte dort Flugtests seines Flügelschlagapparats mit eingebautem Einzylinder-Kohlensäuremotor durch und erreichte im günstigsten Fall Flugweiten bis zu 100 m. Lilienthal konstruierte das Flugzeug »Normal-Segel-Apparat«, das erste Flugzeug, das mit neun verkauften Exemplaren in Serie gebaut wurde.

1895 hatte Lilienthal Weltruhm erlangt. Er bekam Besuch von P. S. Pilcher, der in England mit nachgebauten Lilienthal-Gleitern geflogen war. S. P. Langley, Sekretär der Smithsonian Institution in Washington, besuchte Lilienthal am Fliegeberg. Der russische Flugtheoretiker N. J. Shukowski beobachtete Lilienthals Flüge mit einem Doppeldecker.

1896 machte Lilienthal neue Experimente mit seinem Flügelschlagapparat, u.a. erste vorsichtige Flügelschläge während des Fluges mit einem Zweizylinder-Kohlensäuremotor. Am 9. August kam es zum Unglück. Lilienthal flog mit einem verbesserten Normal-Segel-Apparat am Stöllner Gollenberg – heute als ältester Flugplatz der Welt bezeichnet. Nach einem erfolgreichen Flug erfasste ihn bei einem weiteren Flug eine Sonnenbö (Aufwind aufgrund von erwärmter Luft in Bodennähe). Die Sonnenbö richtete seinen Segelgleiter in der Luft auf und führte zu einem Strömungsabriss, so dass sein Flugapparat unbeherrschbar wurde. Er wurde an diesem Tag Opfer einer ihm unbekannten, unberechenbaren Laune der Thermik. Als er durch Gewichtsverlagerung versuchte, wieder in Balance zu kommen, sprang der Wind um und Lilienthal stürzte aus etwa 17 m Höhe senkrecht ab.

Mit einem Pferdewagen wurde er auf holprigen Straßen in den Gasthof »Zum 1. Flieger« in Stölln gebracht und erst am nächsten Tag mit einem Güterwaggon nach Berlin transportiert. Am Abend erlag der 48-Jährige nach einer Notoperation in der Bergmannschen Klinik in Berlin seinen schweren Verletzungen. Sein Monteur Beylich berichtete als Augenzeuge, Lilienthal habe an der Absturzstelle gesagt: »Ist nicht so schlimm, kann mal vorkommen. Ich muss mich etwas ausruhen, dann machen wir weiter.« Seine angeblich letzte Worte »Opfer müssen gebracht werden« sind heute Inschrift der Grabplatte seines Ehrengrabes auf dem Friedhof Berlin-Lankwitz.

Ein Gedenkstein erinnert an der Absturzstelle – am Nordhang des Gollenberges – an den großen Pionier der Luftfahrt und des Flugzeugbaus – Otto Lilienthal. Auf der Bergkuppe ragt die sogenannte »Windharfe« in den Himmel – eine zum Absprung nach vorn gebeugte Figur mit ausgebreiteten Armen, die wie Schwungfedern aussehen. Die mit der Figur verbundenen Spanndrähte lassen die Windharfe bei starkem Wind erklingen.

Der Lebenslauf von Otto Lilienthal führt nachdrücklich vor Augen, was es heißt, einen Lebenstraum – den andere für unerfüllbar halten mögen – konsequent und mit großer Leidenschaft bis zur Verwirklichung zu verfolgen. Manche unserer Träume werden vielleicht dennoch wie Seifenblasen zerplatzen, doch ich stimme dem bekannten Regisseur George Lucas (Star-Wars-Filmreihe, Indiana-Jones-Tetralogie) voll und ganz zu:

»Tagträume sind wichtig.
Was man sich nicht vorstellen kann,
kann man nicht tun.«

und

»Du musst etwas finden, das du so stark willst,
dass du alle Risiken überwindest,
über jede Hürde springst
und durch jede Mauer brichst,
die immer auf dem Weg zum Erfolg erscheinen.
Wenn du diese Entschlossenheit nicht hast,
wirst du am ersten großen Hindernis scheitern.«

(gutezitate.com)

Wir wagten danach durch den herbstlichen Wald – einen im Vergleich zum Fliegen ungefährlicheren Aufstieg der Sonne entgegen – auf den Aussichtsturm Götzer Berg. Die vielen Windräder ließen uns verstehen, wieso Lilienthal gerade dieses Gebiet für seine Flugversuche gewählt hatte.

Ausklingen ließen wir unseren Fotoausflug mit weiteren herbstlichen Impressionen am Parksee bei Deetz:

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