Fotoausflug – Vom märkischen Ikarus

Dädalus und sein Sohn Ikarus wurden von König Minos im Labyrinth des Minotauros auf Kreta gefangen gehalten. Minos kontrollierte die Seefahrt und das Land. Dädalus war ein begnadeter Erfinder. So ersann er Flügel für sich und seinen Sohn, um über den unbewachten Luftweg zu fliehen. Dazu befestigte er Federn mit Wachs an einem Gestänge. Vor dem Start schärfte er Ikarus ein, nicht zu hoch und nicht zu tief zu fliegen, da sonst die Hitze der Sonne beziehungsweise die Feuchte des Meeres zum Absturz führen würde.

Zuerst ging alles gut, aber nachdem sie Samos und Delos zur Linken und Lebinthos zur Rechten passiert hatten, wurde Ikarus übermütig und stieg so hoch hinauf, dass die Sonne das Wachs seiner Flügel schmolz – die Federn lösten sich, er stürzte ins Meer. Der verzweifelte Vater benannte die Insel, auf der er seinen Sohn beisetzen musste, Ikaria.

Die Moral: Übermut tut selten gut! Letztendlich waren es aber immer der Mut und die Risikobereitschaft zu Ungewöhnlichem Einzelner, die Großes für die Technisierung der Menschheit bewirkten. Otto Lilienthals Wagemut, technisches Können und seine grenzenlose Begeisterung waren für die Luftfahrtentwicklung von herausragender Bedeutung – ohne seine Erkenntnisse hätte es keine so rasante Entwicklung im Menschenflug gegeben. Stölln und der Gollenberg haben durch ihn und seinen Nachfolgern Weltgeschichte erlebt.

So steht es auf einer Schautafel neben der Ikarus-Glasmosaik, von der aus sich der 109,4 m hohe Gollenberg bei Stölln ersteigen lässt. Der Gollenberg ist die höchste Erhebung im Havelland und diente Otto Lilienthal als Fluggelände, bis er sich dort am 9. August 1894 bei einem Absturz tödlich verletzte. Damals war der Gollenberg unbewaldet, so dass Lilienthal in alle Richtungen abfliegen konnte, auch hinunter zum südlich gelegenen, jetzigen Stöllner Flugfeld, das deswegen als »ältester Flugplatz der Welt« gilt. Das Lebensende des Flugpioniers Lilienthal erinnert an die Ikarus-Sage, weswegen er auch als »märkischer Ikarus« bekannt geworden ist. Ikarus stürzte vom Himmel, weil er der Sonne zu nahe kam, Lilienthal stürzte im Alter von 48 Jahren bei einem seiner Flugversuche ab, weil ihn eine Sonnenbö erfasste.

Unser Fotoausflug begann auf dem Parkplatz des Lilienthal-Centrums in Stölln, einer ehemaligen Brennerei, die heute ein Museum der Fluggeschichte ist, wo unter anderem Nachbauten von Lilienthals Gleitern ausgestellt sind. Leider war das Lilienthal-Centrum geschlossen, doch wir wurden über eine bemalte Hausfassade in die alte Zeit der Flugpioniere zurückversetzt.

Die auf einer Hausfassade neben dem Lilienthal-Centrum fotorealistisch abgebildete Geschichte faszinierte uns. Zunächst sagten uns nicht alle Bilder etwas, aber zum Glück gab es eine Infotafel, die die fehlenden geschichtlichen Erklärungen lieferte, beispielsweise die Geschichte, wie der Gollenberg entstand, die links oben dargestellt wird:

Die Riesin und heidnische Schutzpatronin des Elb-Havelwinkels stand einst voller Zorn der Christianisierung ihres Landes gegenüber. Als dann der Havelberger Dom vor ihren Augen entstand, schürfte sie Sand in ihre Schürze mit dem Ziel, dieses Machwerk zu begraben. Doch vor lauter Eifer unvorsichtig, stolperte sie – das Schürzenband riss und der Sand türmte sich als Berg vor ihren Füßen auf – der Gollenberg entstand. Von da an schrieb dieser Berg Geschichte.

Den Soldatenstiefeln nach ist daneben wohl der Alte Fritz (Friedrich II.) abgebildet, der am 23. Juli 1779 vom Gollenberg aus die aufblühenden Siedlungserfolge in Augenschein nahm. Der einstige Eichenbestand diente den angeworbenen Siedlern aus Holland und Frankreich, welche die Entwässerung des westlichen Havellandes vorantrieben, als Bau- und Heizmaterial.

In der Mitte oben ist der fliegende Lilienthal zu erkennen, der seine Gleitflüge zunächst am Mühlenberg und später am Gollenberg durchführte, während der Reitergeneral Heinrich von Rosenberg mit seinen Zieten-Husaren zu Pferde in den Rhinower Bergen und auf dem Gollenberg rasante Geländeübungen absolvieren ließ. Doch was hat es mit der Fledermausgestalt von Dr. Geest auf sich?

Der Arzt Dr. Waldemar Geest war so flugbegeistert, dass er 1896 ein Nurflügel-Modell und 1906 seinen ersten Gleiter baute. Mit der »Weih«, einem vogelähnlichen Gleitflieger, knüpfte er an die Arbeit Lilienthals an und testete neue Steuervorrichtungen und seinen patentierten verstellbaren Tragflügel, den Geest-Möwenflügel. Das erste Motorflugzeug der Modellreihe »Geest-Möwe« wurde gebaut und weiterentwickelt bis zur »Möwe VI«. Der Volljurist Hans Richter, ebenfalls Berliner, machte Übungsflüge mit Geests Gleiter »Weih«. Als begeisterter Flieger und Ausbilder von Flugschülern gilt er als Begründer des Stöllner Segelfluges.

Die untere Reihe der gesamten Hausfassade zeigt von links zwei Bilder aus Stölln in alter Zeit und daneben die Segelflugschule Rhinow. Interessant ist im Zusammenhang mit Lilienthal das damalige »Deutsche Haus«, das 1958 zur Konsumgaststätte und ab 1969 in »Zum 1. Flieger« umbenannt wurde. Hier übernachteten Lilienthal und sein stetiger Begleiter, Paul Beylich, bei den Wirtsleuten Herms, wenn sie am Gollenberg ihre Gleitflugversuche durchführten. Sie genossen die gute Hausmannskost von Minna Herms und freuten sich darüber, dass sie die Scheune und den Großen Saal für ihre Flugapparate und Gerätschaften nutzen durften. Auch die letzte Nacht seines Lebens verbrachte der schwerverletzte Lilienthal nach seinem Absturz in diesem Landgasthof, denn er konnte erst am nächsten Tag in einem Güterzug liegend nach Berlin transportiert werden.

Eine Gedenktafel am Gasthaus »Zum 1. Flieger« in der Otto-Lilienthal-Straße 7 in Stölln, das allerdings derzeit geschlossen ist, zeigt Lilienthal mit seinem Gleiter und erinnert: »Otto Lilienthal lag am 9.8.1896 nach seinem Absturz in diesem Hause.« Aus den Berichten damaliger Ärzte schließen Forscher, dass er sich beim Sturz den dritten Halswirbel brach. Da er mit dem Kopf gegen eine Strebe seines Gleiters schlug, wird jedoch als Todesursache eine Hirnblutung vermutet.

Ziel unseres Fotoausflugs war es, die Absturzstelle am Gollenberg zu besichtigen sowie die Klangharfe zu hören, die zu seinem Gedenken auf der Spitze des Gollenbergs aufgerichtet wurde. Am Startpunkt – dem Lilienthal-Centrum – stießen wir auf ein Schauflugzeug, die »Cmelak« mit einem Hummelsymbol, da »čmelák« das tschechische Wort für »Hummel« ist. Es handelte sich um ein restauriertes Agrarflugzeug (ca. 1963 gebaut), das mit Sprüh- und Düngevorrichtung ausgerüstet und in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt worden war.

Weiter ging es über den Bürgerpark, wo wir auf Skulpturen stießen, die das menschliche Miteinander darstellten.

Nach einem ersten Blick auf unser Ziel, den Gollenberg, folgten wir dem Pfad der Fluggeschichte. Dort stießen wir auf ein kleines Modell von Otto Lilienthals »Großem Doppelgleiter« (Baujahr 1895), mit dem er Flugweiten von über 250 m erreichte.

Der Pfad der Fluggeschichte zeigte auch das Modell eines »Schulgleiters« (Baujahr 1938), der in der DDR von 1953 bis 1960 zum Einsatz kam, ein Gleitflugzeug, auf dem Flugschüler in der Anfangszeit des Segelfluges das Fliegen lernten. Es überstand auch härtere Landungen. Deshalb gibt es kaum ein Gleitflugzeug für die damals übliche Einsitzer-Schulung, das häufiger gebaut und geflogen wurde.

Bald wies ein Schild an der herbstlichen Baumallee den Hang hinauf. Wir stießen zunächst auf eine Garten-Modelleisenbahn und kurz danach auf eine Original-Langenstreckenflugzeug des Typs IL-62 der Luftfahrtgesellschaft INTERFLUG. Das war damals sozusagen die Lufthansa der DDR.

Wie war dieses riesige Langstreckenflugzeug dorthin gekommen? Diese außergewöhnliche flugtechnische Leistung, die ins Guinnessbuch der Rekorde einging, gilt als Husarenstück von Stölln, vollbracht von dem Flugkapitän Heinz-Dieter Kallbach anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Menschenflug 1991. Ihm gelang am 23.10.1989 die spektakuläre Landung der Iljuschin IL-62 auf dem nur 840 m kurzen und unbefestigten Segelflugplatz in Stölln. Die Maschine dient heute als Standesamt und gleichzeitig als Museum. Das Flugzeug wird – nach dem Vornamen von Lilienthals Ehefrau – »Lady Agnes« genannt. Wir waren erstaunt, neben »Lady Agnes« im November noch knospende und blühende Rosen vorzufinden.

Wir wanderten den Hang hinauf, bis zu dem Gedenkstein, der Paul Beylich, dem Mitarbeiter Otto Lilienthals gewidmet ist, und dann weiter steil nach oben Richtung Spitze des Gollenbergs.

Auf einer Bank mit schönem Ausblick auf Stölln machten wir eine kleine Mittagsrast, während wir uns vorstellten, wie Lilienthal hier seine Flugübungen machte und als Erster den Begriff »Segelflug« benutzte.

Schließlich erreichten wir die Spitze des Gollenbergs mit der Skulptur einer Klangharfe, die wir so gern mal gehört hätten. Anscheinend blies der Wind heute nicht kräftig genug, um den mit der Figur verbundenen Spanndrähten ein paar Töne zu entlocken, doch die zum Absprung nach vorn gebeugte, 1,30 m hohe Figur aus Aluminiumguss gab ein gutes Fotomotiv ab. Sie steht auf einer 2,50 m hohen Stele und setzt mit ihren montierten Schwungfedern (Spannweite ca. 2,40 m) gerade zum Flug an. 

Von dort oben aus konnten wir auch die Absturzstelle Lilienthals sehen. Wir machten uns an den Abstieg, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie weit Lilienthal an dieser Stelle geflogen und wie tief er an der Nordostseite des Gollenbergs abgestürzt war (etwa 17 m tief). Auf einem Gedenkstein, der auf einem aus Findlingen gemauerten kleinen Berg ruht, war zu lesen:

»Es kann Deines Schöpfers Wille nicht sein
Dich Ersten der Schöpfung dem Staube zu weihn.
Dir ewig den Flug zu versagen.«

Wieder zurück auf der Spitze des Berges lasen wir auf einer Schautafel, dass bis 1994 auf der Spitze des Berges noch eine sowjetische Radarstation in Betrieb war, um den Flugkorridor Berlin-Hamburg zu überwachen, welche auf der eingangs geschilderten geschichtlichen Hausfassade hinter dem russischen Lilienthal-Stein zu sehen ist. Da die Angehörigen der sowjetischen Armee Lilienthal sehr verehrten, errichteten sie auf dem Gollenberg einen eigenen Gedenkstein mit der Inschrift »1. Flieger Otto Lilienthal«.

Auch wenn der Wind der Äolsharfe heute keinen Ton entlocken konnte, so hatten wir viel Freude, die Sandsteinstele des Bildhauers Ernst Baumeister, welche mit Konstruktionsmotiven aus dem Schaffen Lilienthals verziert ist, aus verschiedenen Perspektiven zu fotografieren.

Diese Gedenkstele Lilienthals finden wir sehr passend. In einem Vortrag auf der Berliner Gewerbeausstellung am 10. Juni 1896 soll sich Otto Lilienthal wie folgt geäußert haben:

»… wie es überhaupt ein unbeschreibliches Vergnügen ist, hoch in den Lüften sich über sonnigen Berghängen zu wiegen, ohne Stoß, ohne Geräusche, nur von leiser Äolsharfenmusik begleitet, welche der Luftzug den Spanndrähten des Apparates entlockt.«

In herbstlicher Stimmung wanderten wir noch ein Stück durch das Naturschutzgebiet Gollenberg. Wir kamen am Segelflugplatz Stölln/Rhinow vorbei, auf dem gerade zwei leichte Motorflugzeuge startklar gemacht wurden und wenig später über unsere Köpfe hinweg flogen. Ja, fliegen müsste man können, dachten wir, während wir uns auf den Rückweg ins Zentrum von Stölln machten.

Übrigens, Reinhard Mey hat neben dem bekannteren Lied »Über den Wolken« noch ein anderes Lied mit dem Titel »Lilienthals Traum« getextet. Für alle, die es interessiert, folgt noch der unvergleichlich poetische Songtext, wiedergegeben nach songtexte.com:

Er weiss, dass seine Reise hier zu Ende gehen wird
Auf diesem Feldbett, in diesem Waggon, er hat sich nie geirrt
Der Arzt und Gustav flüstern und sie flüstern über ihn
Nach Stölln gekommen, um ihn heimzuholen nach Berlin
Die Räder hämmern auf die Gleise, Bilder ziehen schnell vorbei:
Die Mutter am Klavier, von ferne Schumanns »Träumerei«
Das Elternhaus in Anklam, Schule, Misserfolg und Zwang
Versteckt in Sommerwiesen mit Gustav, tagelang
Dem Flug der Störche nachzuseh’n auf schwerelosen Bahnen
Ihr Aufsteigen, ihr Schweben zu begreifen und zu ahnen:

Du kannst fliegen, ja, du kannst!
Lass den Wind von vorne weh’n
Breite die Flügel, du wirst seh’n:
Du kannst fliegen, ja, du kannst!

Die ersten Flugversuche, von den Dörflern ausgelacht
Um den Spöttern zu entgeh’n, unternimmt er sie nur bei Nacht
Eine neue Konstruktion, ein neues Flugexperiment
Die Ziffern 4771, sein erstes Patent!
Agnes vor dem Haus im Garten in dem langen, schwarzen Kleid
Agnes voller Lebensfreude, Agnes voller Herzlichkeit
Dann Sonntags mit den Kindern ‚raus zum Windmühlenberg geh’n
Die Welt im Fluge aus der Vogelperspektive seh’n
Auf riesigen, baumwollbespannten Weidenrutenschwingen
Sommer 1891 und jetzt wird er es erzwingen!

Du kannst fliegen, ja, du kannst!
Lass den Wind von vorne weh’n
Breite die Flügel, du wirst seh’n:
Du kannst fliegen, ja, du kannst!

Wie die Holme knarren, wie der Wind in den Spanndrähten singt!
Wie der Flügel überm Horizont sanft und adlergleich schwingt!
Wie das Auf und Ab der Lüfte seine Flugmaschine wiegt!
Seine Beine sind ganz taub, wie lange er wohl schon so liegt?
Der Doktor kommt aus Rhinow, und er sagt, ein heft’ger Schlag
Traf den dritten Halswirbel, was immer das bedeuten mag
Was mag Agnes fühl’n und was die Kinder, wenn sie es erfahr’n?
Agnes war immer besorgt, nie ohne Angst in all den Jahr’n
Man kann die Sehnsucht nicht erklär’n, man muss sie selbst erleben:
Drei Schritte in den Abgrund und das Glücksgefühl zu schweben!

Du kannst fliegen, ja, du kannst!
Lass den Wind von vorne weh’n
Breite die Flügel, du wirst seh’n:
Du kannst fliegen, ja, du kannst!

Ein guter Wind aus Ost an diesem Sonntag im August
Schon der erste Flug geht weit ins Tal hinunter, eine Lust!
Der zweite wird noch weiter gehn. Da reißt’s ihn steil empor
Fast steht er still, wirft Beine und den Oberkörper vor
Der Wind schlägt um, er bringt den Apparat nicht mehr zur Ruh‘
Und senkrecht stürzt er aus dem Himmel auf die Erde zu
Den Sturz kann er nicht mehr parier’n, unlenkbar ist sein Verlauf
Mit einem Krachen schlägt er mit dem rechten Flügel auf
War’s Leichtsinn? War’s ein Unglück? War’s sein eigner Fehler eben?
Nie und nimmer wird er sich und seinen Traum geschlagen geben!

Du kannst fliegen, ja, du kannst!
Lass den Wind von vorne weh’n
Breite die Flügel, du wirst seh’n:
Du kannst fliegen, ja, du kannst!

Der Schlaf kommt wie ein guter Freund. Gut, dass er jetzt heimkehrt!
Ein erster Schritt zum Menschenflug, Gott weiss, er war es wert!
Den nächsten werden andre tun, der Mensch wird irgendwann
Die ganze Welt umfliegen können, wenn er will, und dann
Wird er sich aus der Enge der Gefangenschaft befrei’n
Mit allen Grenzen werden alle Kriege überwunden sein!
Er hört die Kinderstimmen und er spürt, Agnes ist da
In dem dunklen Waggon. Jetzt ist er seinem Traum ganz nah:
Er sieht die Störche fliegen, sieht sich selbst in ihrem Reigen
Frei und schwerelos, durch eigne Kunst, ins Sonnenlicht aufsteigen!

Du kannst fliegen, ja, du kannst!
Lass den Wind von vorne weh’n
Breite die Flügel, du wirst seh’n:
Du kannst fliegen, ja, du kannst!

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