Fotoausflug – »Die drei Raben«

»Es war einmal eine Mutter, die hatte drei Söhnlein, die spielten eines Sonntags unter der Kirche Karten. Und als die Predigt vorbei war, kam die Mutter nach Haus gegangen und sah, was sie gethan hatten. Da fluchte sie ihren gottlosen Kindern und alsobald wurden sie drei kohlschwarze Raben und flogen auf und davon.«

So beginnt ein altes Märchen der Gebrüder Grimm mit dem Titel »Die drei Raben«. Es flogen jedoch keine Raben um unser Ausflugsziel Burg Rabenstein (Fläming), sondern Mauersegler, die sich im Torhaus eingenistet hatten, allerdings nur zur Brut, denn die übrigen 10 Monate ihres Lebens verbringen Mauersegler nonstop im Fliegen. Nahrungssuche, Wasseraufnahme, Paarung, ja sogar das Schlafen wird im Gleitflug erledigt. Vermutlich schläft nur eine Hirnhälfte, die andere steuert den Flug. Ein ganzer Schwarm geselliger Mauersegler flog auch um uns herum, als wir zuerst einen kleinen Abstecher ins Dorf Raben machten, das am Fuße der Burg liegt.

Dort befindet sich das Naturparkzentrum Hoher Fläming, dessen Wappentier der Mittelspecht ist. Als solcher dient er als Wanderzeichen rund um Burg Rabenstein. Unsere nachfolgenden Fotos zeigen, dass wir ihn mit den »verlängerten Ohren« hätten hören können, wenn er nicht gerade aus seiner Baumwohnung im Naturschutzgebiet Rabenstein ausgezogen gewesen wäre. Doch anscheinend gefiel ihm unser alter Apfelbaum viel besser.

Naturparkzentrum Hoher Fläming|© Oliver Bayer

Die hochmittelalterliche Burg Rabenstein, die sich auf dem 153 m hohen »Steilen Hagen« erhebt, gehörte früher zu Sachsen. Aber da sich der Burgherr mit Napoleon verbündet hatte und dieser den Krieg gegen Preußen verlor, fiel die Burg 1815 an Brandenburg. Eigentümer von Burg Rabenstein ist inzwischen die Gemeinde Rabenstein/Fläming, welche mit Aufruf vom 17.08.2020 einen neuen Pächter und Betreiber der Burg sucht. Dies dürfte in »rabenschwarzen« Coronazeiten, in denen erst langsam wieder Burgführungen stattfinden dürfen, die Burgschenke noch geschlossen ist und größere Ritterfeste vorerst ausfallen müssen, nicht so einfach sein, auch wenn es unserem Empfinden nach stimmt, was die Gemeinde Rabenstein/Fläming über Burg Rabenstein schreibt: »Hier spürt man auf Schritt und Tritt den Zauber des historischen Gemäuers.« Das gilt insbesondere, wenn man sich auf eine der »lebendigen Burgführungen« mit Ralf dem Raben einlässt.

Ralf der Rabe ist einer der drei neuzeitlichen »Rabenbrüder«, von denen ich euch kurz berichten möchte. Sie sind drei »Spielmänner«, die natürlich nicht – wie die drei Rabenbrüder in Grimms Märchen – in der sehenswerten Feldsteinkirche des Dorfes Raben Karten spielen, sondern vielmehr die mittelalterliche Spielmannskunst beherrschen. Als Spielleute wurden im Mittelalter die für die Unterhaltung und die Tanzmusik zuständigen Berufsmusiker bezeichnet. Sie waren damals mehr als Instrumentalmusiker und Sänger, sie waren auch Schauspieler und Tänzer.

»Die Rabenbrüder« – wie sie sich selbst bezeichnen – heißen Ralf der Rabe, Ekkehard der Barde und Jacques le Loup. Ihre musikalische Bandbreite umfasst Folk-, Mittelalter- und Weltmusik, die sie mit modernen Folk- und Rockelementen mischen. Dieses einzigartige Klangerlebnis auf Sackpfeifen, Trommeln, Flöten, Cistern, Drehleiern und Lauten, bei dem auch Spaß und Gaukelei nicht zu kurz kommen, kann man jederzeit buchen.

Wir hatten eine musikalische Burgführung gebucht, und auch wenn wir dabei nur einen der Rabenbrüder, nämlich Ralf den Raben kennenlernten, so konnten wir uns auf alle Fälle von der erstaunlichen Vielseitigkeit dieses Spielmanns überzeugen, der die verschiedenen mittelalterlichen Musikinstrumente virtuos meisterte – angefangen beim durchdringenden Fanfarensignal, das auch früher schon weithin zu hören war, wenn der Burgherr oder seine Gäste ankamen. Fanfare leitet sich übrigens von dem alten französischen Wort »farfarer« ab, das übersetzt »Trompete blasen« bedeutet.

Burg Rabenstein gilt als ursprünglichste und besterhaltene aller Flämingburgen. Der Naturpark Hoher Fläming verdankt seinen Namen den Flamen aus Flandern (Belgien), die sich dort auf Ruf deutscher Fürsten ab dem 12. Jahrhundert ansiedelten. »Ländeken, was bist du für ein Sändeken«, soll Martin Luther über die Landschaft gesagt haben, die sich damals durch karge Böden und Wasserarmut auszeichnete, während wir heutzutage vom dicken Bergfried aus auf die reich bewaldete Landschaft des Hohen Fläming ins Niemegker Land blicken konnten. Wegen ihrer starken Wehrbauten wie dieses 30 Meter hohen Turms sowie ihrer steilen Lage galt Burg Rabenstein als nahezu uneinnehmbar.

Im Turm besichtigten wir die Rosmarienkapelle. Hier erzählte uns Ralf der Rabe die sogenannte Rosmarien-Sage, die auch auf der Website der Burg Rabenstein zu finden ist:

»Das ritterliche Paar, welches vor langer Zeit auf dem Rabenstein wohnte, hatte eine schöne Tochter Rosemarie. Die saß am Abend des Johannistages an ihrem Fenster und sah nach dem Dorf Raben unten im Tal. Sie konnte sehen, wie sich die Rabener Dorfjugend bei Spiel und Tanz vergnügte. Dabei wurde in ihr der Wunsch immer stärker, an diesem fröhlichen Treiben teilzuhaben.

Rosemarie schlich sich in einfachen Kleidern heimlich von der Burg ins Dorf und mischte sich unter das fröhliche Volk. Dabei bemerkte sie gar nicht, wie schnell die Zeit verging. Plötzlich schlug es Mitternacht und vom Turm der Burg erschallten die Hörner. Das war das Zeichen, daß auf dem Rabenstein die Tore zur Nacht verschlossen wurden. Das Burgfräulein erschrak fürchterlich und lief zur Burg hinauf. Aber sie kam zu spät. Erst nach langem, heftigen Klopfen wurde sie eingelassen.

Der Turmwächter, der ihr schließlich öffnete, meldete die Sache seinem Herrn, dem Ritter. Rosemarie wurde vor ihren zürnenden Vater gebracht und ihre Eltern verlangten von ihr, sie solle in der Burgkapelle vor ihnen und allen Ahnen erscheinen. Nun wurde ihr die schwere Sünde vorgehalten und die Strafe dafür verkündet: Rosemarie werde, für jedermann unsichtbar, auf ewig in den Turm verbannt.

Ihr werde Leinen gegeben, aus dem solle sie zwölf Hemden nähen. Jedoch darf sie nur alle fünfzig Jahre einen einzigen Nadelstich machen. Wenn es ihr gelingt, die Hemden fertig zu nähen, ist ihre Strafe erlassen und sie kommt wieder frei. Erlöst werden kann das arme Mädchen nur von einem kühnen Burschen, dem es gelingt, an der Außenmauer des dreißig Meter hohen Turmes ohne jegliche Hilfsmittel hinaufzuklettern und dadurch Rosemarie zu befreien. Viele sollen es schon versucht haben, aber noch keinem ist es gelungen, so daß Rosemarie jung und schön wie einst, unsichtbar in ihrem einsamen Turmgefängnis sitzt.

Täglich um Mitternacht geht sie traurig durch die Burg. Einmal im Jahr, in der Johnnisnacht, steigen ihre Ahnen auf, versammeln sich mit Rosemarie in der Burgkapelle und halten ihr immer aufs Neue ihre Sünden vor.«

Auch in Grimms Märchen »Die drei Raben« kommt so eine holde Maid vor, die allerdings nicht auf der Burg, sondern in der Welt herumgeistert, um ihre drei Rabenbrüder zu finden:

»Die drei Brüder hatten aber ein Schwesterchen, das sie von Herzen liebte, und es grämte sich so über ihre Verbannung, daß es keine Ruh mehr hatte und sich endlich aufmachte, sie zu suchen. Nichts nahm es sich mit auf die lange lange Reise, als ein Stühlchen, worauf es sich ruhte, wann es zu müd geworden war, und nichts aß es die ganze Zeit, als wilde Aepfel und Birnen. Es konnte aber die drei Raben immer nicht finden, außer einmal waren sie über seinen Kopf weggeflogen, da hatte einer einen Ring fallen lassen, wie es den aufhob, erkannte ihn das Schwesterchen für den Ring, den es einsmals dem jüngsten Bruder geschenkt hatte.«

1251 scheint die hochmittelalterliche Burg Rabenstein mit Conrad de Rabenstein – auch Wolfsauge genannt – erstmals urkundlich erwähnt zu sein. Passend zum Namen zeigt das Wappen einen Wolfshaken, mit welchem früher Wölfe gefangen wurden. Im Laubwald und Umkreis der Burg sollen derzeit etwa 30 Wölfe leben. Auf eine lebendige Begegnung haben wir lieber verzichtet, aber im Dorf Raben im Naturparkzentrum Hoher Fläming haben wir uns einen präparierten Wolf angeschaut.

Conrad de Rabenstein ist vermutlich identisch mit dem 1271 in einer Urkunde genannten Ritter Konrad von Opin, der die Burg verwaltete. Erst ab 1361 begann urkundlich die Stammlinie der von Oppens, eines alten obersächsisch-märkischen Adelgeschlechts. Die Hauptfarben des Stammwappens sind Blau, Rot (in der heraldischen Rose, die sich auch in den Bauernmalereien der Dorfkirche von Raben wiederfindet), und Silber, wie beispielsweise die aufwärts gekehrte Mondsichel unter den Pfauenfedern, was auf Kreuzritterzüge in die islamische Welt hindeutet. Im älteren Wappen rechts sind die Mondsicheln ebenfalls deutlich zu erkennen sowie der Wolfshaken im roten Feld.

Kehren wir zurück zu Grimms Märchen »Die drei Raben«, wo das Schwesterchen immer noch seine drei Rabenbrüder sucht:

»Es ging aber immer fort, so weit, so weit bis es an der Welt Ende kam, und es ging zur Sonne, die war aber gar zu heiß und fraß die kleinen Kinder. Darauf kam es zu dem Mond, der war aber gar zu kalt, und auch bös, und wie ers merkte, sprach er: „ich rieche, rieche Menschenfleisch.“ Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm gut und saßen alle jeder auf Stühlerchen und der Morgenstern stand auf und gab ihm ein Hinkelbeinchen, „wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du nicht in den Glasberg kommen, und in dem Glasberg da sind deine Brüder!“ da nahm es das Hinkelbeinchen, wickelte es wohl in ein Tüchelchen und ging so lange fort, bis es an den Glasberg kam, das Thor war aber verschlossen. Und wie es das Beinchen hervorholen wollte, da hatte es das Beinchen unterweges verloren. Da wußte es sich gar nicht zu helfen, weil es gar keinen Schlüssel fand, nahm ein Messer und schnitt sich das kleine Fingerchen ab, steckte es in das Thor und schloß glücklich auf.«

Genau wie im Märchen ging es auch im mittelalterlichen Leben nicht zimperlich zu. Die Folterkammer der Burg fanden wir gut bestückt, allerdings waren die hier ausgestellten Folterinstrumente Requisiten aus Filmen, die zu DDR-Zeiten auf Burg Rabenstein gedreht wurden, beispielsweise 1972 »Die Hosen des Ritters von Bredow«.

Zur Burganlage gehören neben dem Torhaus auch eine ehemalige Scheune und ein Backhaus. An der Nordseite kann ein Aborterker besichtigt werden und unterhalb der Burg findet sich talwärts ein Eiskeller und einen alter Brunnen. Wer möchte, kann in der nahegelegenen Falknerei eine Flugvorführung erleben, die näher bringt, wie die Adligen im Mittelalter mit den Raubvögeln auf Beizjagd gingen. Wir umrundeten noch die Burg und begegneten dabei dem Burgkobold Eichwutzl.

»Vor langer Zeit, als noch ein tapferer Ritter mit seinem Gefolge auf Burg Rabenstein hauste – so lautet die Sage, die auf einem Schild neben dem Burgkobold zu lesen ist – da lebte auch ein Kobold mit seinen Freunden im Wald unterhalb der Burg. Seine grüne Haut war mit Moos besetzt und eine übergroße Knubbelnase wuchs ihm mitten im Gesicht. Statt Haaren zierten Eichenblätter seinen Kopf, weshalb man ihn Eichwutzl nannte.

Der Kobold verbrachte seinen Tag damit, Wanderer entlang der Wege mit allerhand Schabernack zu necken. Gemeinsam mit seinen Freunden erfand er immer neue Streiche. So führte der Zauber »Ameisenstraße«, bei dem sich ein Kobold am Kopf kratzt, beim Wanderer zu einem plötzlichen Kribbeln am ganzen Körper, als würde ein ganzer Ameisenhaufen über ihn laufen. Beim Zauber »Kuhflade« spuckte ein Kobold auf den Boden, woraufhin der Wanderer selbst auf völlig trockenem Boden ausrutschte. Mit dem Zauber »Zweigeklatsch« konnten sich die Kobolde in Sicherheit bringen, weil dem Wanderer dann kleine Zweige ins Gesicht klatschten, so sehr er sich auch bemühte, ihnen auszuweichen.

Der Ritter der Burg war über den Schabernack der Kobolde sehr erbot. Er befahl seinem Hofzauberer, ihn von den Kobolden zu befreien. Der Zauberer überlegte lange und kam schließlich auf eine List. Er lockte die Kobolde mit glitzernden Steinen an die Burgmauer. Denn die Kobolde sammelten alles, was sie an Hübschem, Buntem und Glitzernden fanden. Eichwutzl und seine Freunde bemerkten in ihrem Sammeleifer nicht, dass sie sich immer mehr der Burgmauer näherten. Als sie zuletzt einen besonders großen Stein fanden, vollführten sie einen ausgelassenen Freudentanz. Just in diesem Moment leerte der Zauberer ein großes Wasserfass über ihren Köpfen aus.

Die Kobolde verloren durch die triefende Nässe auf der Stelle ihre magischen Kräfte. So gelang es dem Zauberer, die Kobolde in Bäume zu verwandeln. Die Bäume stehen noch heute an der Burgmauer und sollen andere Kobolde abschrecken, Schabernack mit Wanderern zu treiben. Nur für einen Tag in hundert Jahren dürfen sich Eichwutzl und seine Freunde in Kobolde zurückverwandeln. Dann feiern sie mit den übrigen Kobolden im Wald ein ausgelassenes Fest und spielen den vorbeiziehenden Wanderern wie in alten Zeiten ihre Streiche.«

Nachdem Burgführer Ralf der Rabe die Sage von den Kobolden von Rabenstein zu Ende erzählt hat und mit einer Maultrommel die passenden Töne zu dieser Geschichte erzeugt hat, schauen wir alle nochmals genauer in den Wald und vermeinen nun doch in dem einen oder anderen Baum oder der einen und anderen Wurzel einen der verwunschenen Kobolde zu erkennen oder gar in einer Erdkröte einen verwunschenen Prinzen.

Oder ging es nicht um die drei verwunschenen Rabenbrüder der Gebrüder Grimm? Bei so vielen Sagen und Geschichten kann unsereins schon mal ganz durcheinander kommen.

»Da kam ein Zwerglein entgegen und sagte: mein Kind, was suchst du hier? ›ich suche meine Brüder, die drei Raben.‹ Die Herren Raben sind nicht zu Haus, sprach das Zwerglein, willst du aber hierinnen warten, so tritt ein, und das Zwerglein brachte drei Tellerchen getragen und drei Becherchen, und von jedem Tellerchen aß Schwesterchen ein Bischen und aus jedem Becherchen trank es ein Schlückchen und in das letzte Becherchen ließ es das Ringlein fallen.

Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sagte das Zwerglein: die Herren Raben kommen heim geflogen. Und die Raben fingen jeder an und sprachen: wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? wie der dritte Rab aber seinem Becherchen auf den Grund kam, da fand er den Ring, und sah wohl, daß Schwesterchen angekommen war. Da erkannten sie es am Ring, und da waren sie alle wieder erlöst und gingen frölich heim.«

Quelle: Kinder- und Hausmärchen, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), 1812-1857; in der Ausgabe letzter Hand (1856/57) nicht mehr enthaltene Märchen früher Auflagen, Nr. 25.

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