Buchvorstellung – »Elefant«

Cover fürs Buch »Elefant« von Martin Suter

Plötzlich ist er da, der kleine rosarote Elefant, in der Höhle des Obdachlosen Schoch …

In einem Interview mit der Deutschen Welle im Jahr 2017 erzählte Martin Suter, das sei für ihn eine faszinierende Vorstellung gewesen, die ihn nicht mehr losgelassen habe. Dieses skurrile Bild eines kleinen rosaroten Elefanten, das der Schweizer Autor (*1948) in seinen Roman Elefant (Diogenes Verlag) übertragen hat, hatte sich bei ihm im Kopf festgesetzt, nachdem am Rande des Kongresses »100 Jahre Alzheimer« führender Hirnforscher die Bemerkung fiel, es sei gentechnisch möglich, einen winzigen rosaroten Elefanten zu erzeugen.

»12. Juni 2016:
Eine Entzugserscheinung konnte es nicht sein, er hatte genug getrunken. Schoch versuchte, das Ding zu fokussieren, das tief hinten in der Unterspülung des Uferwegs stand, dort, wo die Höhlendecke auf den sandigen Boden traf. Ein Kinderspielzeug. Ein Elefäntchen, rosarot, wie ein Marzipanschweinchen, aber intensiver. Und es leuchtete wie ein rosarotes Glühwürmchen. Es kam vor, dass jemand seine Höhle entdeckte. Manchmal fand er Fixerbesteck oder Kondome oder Junkfood-Verpackungen. Aber Spuren von Kinderbesuchen hatte er bisher noch nie entdeckt …«

Mit diesen aneinandergereihten Hauptsätzen, die den sachlichen Stil der realistisch angelegten Erzählung prägen werden, beginnt Martins Suters Roman, dessen immer wieder zusammengeführte Handlungsstränge am 18. Dezember 2018 enden. Um was geht es also? Um Kinderspielzeug, exklusive, phosphoreszierende Mini-Elefäntchen der Luxus-Industrie? Oder um das Hirngespinst eines Alkoholikers? Denn so wie wir im deutschsprachigen Raum davon sprechen, dass jemand »weiße Mäuse« sieht, sind es im englischen Raum »rosa Elefanten«, deren Herkunft ich in meinem Blogbeitrag Denk jetzt nicht an einen rosa Elefanten! ausführlich nachgegangen bin.

So kam dann Martin Suter auch darauf, sein modernes Märchen, bei dem die Guten und die Bösen klare Kanten zeigen, im Züricher Obdachlosen-Milieu beginnen zu lassen. Vorbereitend hatte er sich von Obdachlosen durch die Orte in Zürich führen lassen, wo sie schlafen, essen, trinken, gratis Kleidung und ärztliche bzw. tierärztliche Versorgung für ihre Hunde bekommen. Doch die Schauplätze in seinem Miniroman wechseln – zwischen einem Zirkus, einem abgelegenen Bergbauernhof, einer Villa am Zürichberg und führen schließlich nach Südostasien. Denn der entzückende rosarote Mini-Elefant ist für die einen ein verehrungswürdiges Wunderwesen, das geschützt werden muss. Geschützt ja, meinen die anderen, aber als Patent, denn sie möchten daraus eine weltweite Sensation und das Geschäft ihres Lebens machen – wenn man den rosaroten Minielefanten nur finden könnte …

Die Rezensionen zum Roman Elefant fallen sehr unterschiedlich aus. Während ein Literaturkritiker von einem »indiskutablem Schrotthaufen« spricht, rezensieren andere mit »unterhaltsame und auch herzrührende Geschichte« oder die Deutsche Welle mit Blick auf umstrittene Genexperimente: »Mit seinem Gespür für Themen, die die Menschen bewegen, hat Martin Suter oft den Nerv der Zeit getroffen oder war gesellschaftlichen Entwicklungen sogar voraus.«

Tatsache ist, dass es Forschern bereits gelungen ist, Tiere – wie zum Beispiel Schafe – gentechnisch so zu verändern, dass sie sich tagsüber mithilfe von Sonnenstrahlen aufladen, um dann im Dunkeln zu leuchten. Auch wurden gentechnisch veränderte Affen geschaffen, die sich sogar samt ihrem neuen Erbgut fortpflanzen können. Durch das Einschleusen eines Gens leuchten sie im ultravioletten Licht grün.

Mir haben die zeitlichen Rückblenden und die örtlich häufig wechselnden Kurzszenen von Martin Suter gut gefallen. Ich hatte zwar etwas völlig anderes erwartet – nach seinem spannenden Hörbuch Die dunkle Seite des Mondes, in dem es um die schleichende Persönlichkeitsveränderung nach einem Selbsterfahrungs-Wochenende mit halluzinogenen Pilzen ging. Doch da ich selbst gerade ein kurzes modernes Märchen verfasst habe – betitelt Aschenputtel-Kirche oder Das Mädchen ohne Füße, Teil der Rahmengeschichte meines historischen Romans Aschenputtel gab es wirklich – konnte ich mich schnell mit Suters entzückenden Schreibidee von einem lebenden Minielefanten anfreunden. Vor allem die Elefantenszenen schildern das elefantöse Verhalten im Miniformat so typisch, dass ich das kleine Geschöpf während des Lesens so richtig lieb gewonnen habe. Wie der Obdachlose Schoch, der auf einmal gebraucht wird, wieder eine Aufgabe hat und so den Weg zurück ins Leben und Lieben findet.

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