Buchvorstellung – »Still – Die Kraft der Introvertierten«

Cover des Buches »Still - Die Kraft der Introvertierten«
Deutschlandradio Kultur:
»Ein gewaltiges Plädoyer
für das Stille
in einer lauten Welt.«

Das 464-seitige Fachbuch »Still – Die Kraft der Introvertierten«, das als erweiterte Taschenausgabe 2013 beim Goldmann Verlag, München, erschienen ist, hat mich beim Lesen wie Alice im Wunderland fühlen lassen.

Aber lassen wir erst die amerikanische Autorin, Susan Cain, zu Wort kommen, die als Anwältin für Körperschaftsrecht in einem Wall-Street-Unternehmen arbeitete, wo sie u.a. Goldman Sachs und GE Capital vertrat und die Verhandlungen für Milliarden-Dollar-Geschäfte führte. Seit über zehn Jahren ist sie mit einer eigenen Beratungsfirma als Trainerin für Verhandlungsführung tätig, zu deren Kunden Microsoft und Google gehören. Als Vorbereitung für ihr Buch hat Susan Cain drei typische Zentren des Extravertiertenideals besucht (im Buch ausführlich beschrieben): ein Selbsthilfeseminar des Trainers Tony Robbins, Seminare an der Harvard Business School und einen Sonntagsgottesdienst in einer der einflussreichsten Kirchen ihres Landes.

Das ganze Buch dieser erstaunlichen Juristin, die sich selbst zu den Introvertierten zählt, ist ein einziges exzellentes Plädoyer für stille Menschen in einer lauten Welt, wo sie meist überhört werden – sei es in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Privatleben. Im Klappentext heißt es: »Ein leerer Topf klappert am lautesten.« Aber wer der Welt etwas Bedeutendes schenken will, benötigt Zeit und Sorgfalt, um es in Stille reifen zu lassen. Mehr als ein Drittel aller Menschen sind introvertiert. Ihre Eigenschaften wie Ernsthaftigkeit, Sensibilität und Scheu gelten heute eher als Krankheitssymptome denn Qualitäten. Zu Unrecht, sagt Susan Cain, und argumentiert gegen den Trend vieler Ratgeber, die »selbstbewusstes Auftreten« verherrlichen.

Als Susan Cain in einem Interview (im Buch abgedruckt) gefragt wurde, warum sie das Buch geschrieben habe, antwortete sie: »Weil es Vorbehalte über Introvertierte gibt. […] Diese negative Einstellung führt zu einer kolossalen Verschwendung von Talenten, Energie und letztlich von Glück.« In ihrem Buch legt sie unter anderem dar, warum in den Reihen hochkreativer Menschen die Introvertierten überproportional vertreten sind. Sie liefert Beweise, warum sich Wachheit, Sensibilität gegenüber Zwischentönen und komplexe Emotionalität als einige der wichtigsten Stärken von Introvertierten herausgestellt haben. Sie ermutigt: »Wenn Sie nur eine Botschaft aus diesem Buch mitnehmen, dann, wie ich hoffe, die, welchen Wert es hat, sich selbst treu zu bleiben.«

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, in die gleiche Tiefe zu gehen, wie es Susan Cain mithilfe der von ihr ausführlich dargelegten Ergebnisse der Hirnforschung tut, sowie unzähligen Praxisbeispielen, darunter auch historische Persönlichkeiten, die Introvertierte waren – wie Albert Einstein (deutscher Pyhsiker), Mahatma Ghandi (indischer Rechtsanwalt und Anführer der Unabhängigkeitsbewegung), Frédéric Chopin (polnischer Komponist), Vincent van Gogh (niederländischer Maler) oder Lewis Carroll (britischer Autor, u.a. des Kinderbuchs Alice im Wunderland).

Susan Cain zeigt anschaulich, welch gewaltiges Potenzial in Introvertierten steckt, denn gerade sie können beispielsweise in Verhandlungen mit ganz besonderen Stärken punkten – mit Sorgfalt, Rücksicht und der Fähigkeit zuzuhören. Sie erklärt: »Introvertierte bekommen einen Schlüssel zu einem privaten Garten voller Reichtümer gewährt.« Dazu zählt auch ihre Kreativität, die sie teilweise ihrer Fähigkeit verdanken, in der Stille sein zu können, denn – so Susan Cain – in der Stille liegt die Kraft! Dennoch – neben der Kraft des Alleinarbeitens – seien Introvertierte ausgesprochen kooperativ, während Extravertierte lieber konkurrierten. Introvertierte würden jedoch als sorgfältige, gründliche Denker die erforderliche Einsamkeit ertragen können, um Ideen zu entwickeln. So bekannte der introvertierte Einstein: »Ich bin gar nicht so klug. Ich setze mich einfach länger mit den Problemen auseinander.«

Ein Problem hatte auch Alice im Wunderland, obwohl sie den Schlüssel zu einem privaten Garten voller Reichtümer besaß: »Einen solchen Schlüssel zu besitzen bedeutet, wie Alice im Wunderland ein Kaninchenloch hinunterzupurzeln. Es war nicht ihre Wahl, ins Wunderland zu gehen – aber sie machte daraus ein Abenteuer, dass frisch, fantastisch und ganz ihr eigenes war.«

Stimmt, dachte ich, Introvertierte purzeln so manches Mal ins Kaninchenloch, wenn sie auf Extravertierte treffen, die »überschwänglich, raumfüllend, kontaktfreudig, gesellig, schnell zu begeistern, dominant, selbstbewusst, aktiv, risikofreudig, dickhäutig, außengeleitet, unbeschwert und forsch sind und sich im Rampenlicht wohlfühlen«. Extravertierten fällt es oft schwer nachzuvollziehen, wie sehr sich Introvertierte nach Ruhe sehnen, wie dringend sie nach einem anstrengenden Tag mit sozialer Überstimulation ihre Akkus in der Stille wieder aufladen müssen. Introvertierten dagegen fällt es oft nicht leicht zu verstehen, wie kränkend ihr Schweigen oder ihr sozialer Rückzug sein kann.

Für mich war dieses Fachbuch wie eine Reise durchs Wunderland mit vielen Aha-Effekten. Das Buch ist auf jeden Fall etwas für alle, die sich in folgendem Spektrum irgendwo wiederfinden: »reflektiv, intellektuell, an Büchern interessiert, unprätentios, hochsensibel, nachdenklich, ernst, kontemplativ, subtil, introspektiv, innengeleitet, freundlich, sanft, demütig, die Einsamkeit liebend, schüchtern, risikoscheu, dünnhäutig«.

Doch auch für alle anderen dürfte es sich lohnen, sich mit dem Thema Introversion/Extraversion einmal intensiver auseinanderzusetzen, denn dabei handelt es sich gemäß dem Psychologen William Graziano um den »150 kg schweren Gorilla der Persönlichkeit«. Aus meiner Sicht hätte er auch einen Elefanten als Beispiel nehmen können, um auszudrücken, dass genau diese beiden gegensätzlichen Persönlichkeitsmerkmale – sowie das Verständnis dafür und der Umgang damit – in unserer Gesellschaft so ungeheuer groß, wichtig und im Grunde unübersehbar sind.

Susan Cain bricht jedenfalls mit ihrem Buch »Still – Die Kraft der Introvertierten« eine Lanze für die Introvertierten und zeigt, wie wichtig sie für die Gesellschaft sind, auch wenn gerade überall um uns herum die Extraversion zum gesellschaftlichen Ideal erkoren wurde.

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