Buchvorstellung »Der Elefant, der nicht geträumt wurde«

Als ich die vier Elefantenbilder auf dem Cover dieses interessanten Fachbuchs betrachtete, fiel mir etwas auf, was nicht im Buch besprochen wird: Während drei der Elefanten sehr statisch wirken und den Rüssel gesenkt halten, tanzt der vierte Elefant aus der Reihe, indem er mit erhobenem Rüssel fröhlich trompetend und mit fliegenden Ohren vorwärtsstürmt – ein waschechter Rüssel-hoch-Elefant, würde ich sagen, einer der das Lebensmotto Rüssel hoch! verstanden hat. Er ist jedenfalls der Elefant, der nicht geträumt wurde.

Das 145-seitige Buch von der Diplom-Psychologin Susanne Mertens und von Johanna M., deren langjährige Fallgeschichte und deren im Verlauf der Therapie selbst gemalten Elefantenbilder ausführlich behandelt werden, ist nur für Leser/innen geeignet, die sich wirklich dafür interessieren, wie eine psychotherapeutische Behandlung bei der Arbeit an der eigenen Persönlichkeit helfen kann. Auch sollte seitens der Leser/innen die Bereitschaft vorhanden sein, sich auf eine intensive Beschäftigung mit dem Persönlichkeitsmodell des Psychoanalytikers Fritz Riemann (1902 – 1979) einzulassen.

Unter diesen Voraussetzungen wird der/die Leser/in ein mit ausführlichem Hintergrund und anhand von Tagebucheintragungen beschriebenes Praxisbeispiel erleben, das gemäß Klappentext dazu einlädt, »mit Hilfe der Elefantenbilder ein tieferes Verständnis für die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.« Bei mir war das so, was aber sicherlich mit meinen eigenen Lebenserfahrungen zusammenhängt und meinem großen Interesse für psychologische Themen, insbesondere daran, wie unser Unterbewusstsein, unser innerer Elefant, genau funktioniert.

In der Einleitung zu Fritz Riemanns Werk »Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie«, 10. überarbeitete und erweiterte Auflage, Ernst Reinhardt Verlag, München, Basel 1975, heißt es auszugsweise:

»Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. […] Die Geschichte der Menschheit läßt immer neue Versuche erkennen, Angst zu bewältigen, zu vermindern, zu überwinden oder zu binden […] sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen.«

Das später ausgebaute »Riemann-Thomann-Modell« beschreibt vier Grundausrichtungen bzw. Grundimpulse (Nähe, Distanz, Dauer, Wechsel) der Persönlichkeit, die alle Menschen in verschiedenen Ausprägungen haben. Es sind gewissermaßen die »vier Himmelsrichtungen der Seele«, die im Laufe des Lebens – meistens unbewusst – miteinander in Konflikt geraten können.

Im Buch heißt es: »Jeder Mensch ist zeitlebens mit Situationen konfrontiert, in denen er sich durch widerstreitende innere Bedürfnisse bzw. Ansprüche von außen, die mit dem Inneren nur schwer zu vereinbaren sind, gequält fühlt. Deshalb nutzen wir alle zur Stabilisierung unseres Ichs die seelische Abwehr, die uns hilft, den unerträglichen, konflikterzeugenden Impuls zu verdrängen, ihn so quasi in das Unbewusste abzuschieben. Hoffmann und Hochapfel (1999, 62) bezeichnen deshalb auch die Verdrängung als ein ›Vergessen aus Angst‹.«
(Hoffmann, S.O., Hochapfel, G. (1999), Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin, 6. Auflage, Schattauer, Stuttgart).

Im Fall von Johanna M. begannen solche Konflikte bzw. eine solche Abwehr aus Angst bereits in ihrer frühkindlichen Entwicklung. Da sie damals keinen Menschen hatte, der ihren Schmerz auffangen konnte, wählte ihr Unterbewusstsein Kompensations- und Abwehrmechanismen, die eine für das seelische Überleben notwendige kreative Antwort des kindlichen Ichs waren.
Doch: »Im Unbewussten bleibt die Angst vor dem Ausgeliefertsein unbewältigt bis in das Erwachsenenalter vorhanden und drängt immer wieder an die Schwelle des Bewusstseins, sei es in Träumen oder durch den starken Gefühlsausbruch bei der Bombenexplosion im Krieg oder auch in Form einer recht harmlosen Spinnenphobie.«

»Da verdrängte Emotionen weiterhin im Unbewussten vorhanden sind, erzeugen sie in Situationen, die an das ursprüngliche Konflikterlebnis erinnern, eine angstauslösende Spannung.« Die verdrängten Emotionen führten bei Johanna M. zu einer inneren Leere und zu einem Lebenshunger, der in seiner empfundenen Unstillbarkeit immer wieder zu Heißhungeranfällen führte, die die innere Anspannung abbauen und die große Leere füllen sollten, sie jedoch immer übergewichtiger werden ließen: »Im Therapiegespräch wurde mir klar, dass ich die Fettschicht brauche, um mich gegen meine Umwelt abzugrenzen. […] Durch Essen finde ich die innere Ruhe, die ich aus mir selbst nicht habe, außer beim Malen.«

Susanne Mertens beschreibt Johannas Unvermögen, sich im menschlichen Umfeld gegen Angriffe und Demütigungen zu wehren bzw. den eigenen Selbstwert zu erkennen und zu verteidigen: »Sie fraß die eigene Wut buchstäblich in sich hinein und geriet dadurch in einen selbstzerstörerischen Teufelskreis von Selbstverachtung und Verachtung.« Ins Tagebuch schrieb sie: »Deshalb muss ich mich lebenslang so anstrengen (meine ich), damit die Leute mich gut finden. Wie sollen sie das aber, wenn ich mich selbst nicht gut finde? Deswegen trifft mich auch jede Kritik so tief.«

Die Therapeutin erklärt, dass wir Menschen oft viel Energie dafür verbrauchen, quälende Erinnerungen – die einem seelischen Ertrinken nahekommen – abzuwehren, indem wir sie im Leben beständig »quasi wie einen Ball unter Wasser drücken.« Eine therapeutische Methode besteht darin, den inneren Heilungsprozess anzustoßen, indem der/die Patient/in ermuntert wird, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und die gegenwärtigen Erfahrungen und Gefühle so anzunehmen, wie sie eben sind, ohne sie analysieren oder verändern zu wollen. Dadurch wird erlernt, die eigenen Gefühle wie Wut, Selbsthass, sorgenvolle Angst, tiefe Traurigkeit usw. selbst zu regulieren, was mit der Zeit – im eigenen Seelen-Tempo – zu einem inneren Gleichgewicht führt.

Ab Buchkapitel 8 nimmt der Therapieverlauf eine neue Wendung, die diesen seelischen Gesundungsprozess wesentlich beschleunigt. Johanna träumt von Elefanten und es ist ihr ein Bedürfnis, diese zu malen. So entstehen die drei Elefanten, die rechts außen auf dem Cover zu sehen sind. Die Therapeutin stellt fest, dass Johanna unbewusst ihre eigenen wesentlichen Charakterstrukturen geträumt und gemalt hat:

Der rote Elefant (Riemann-Thomann-Modell: Dauerausrichtung)

Auf grünem Grund gemalt, mit Stirnband und Blümchendecke mit ganz ordentlichen Fransen geschmückt, stellt der rote Elefant einen besonders »artigen« Elefanten dar. Durch ihn kommt Johannas Ordnungssinn, ihr Pflichtgefühl, ihre Gründlichkeit und ihr Streben nach Beständigkeit zum Ausdruck.

Der weiße Elefant (Riemann-Thomann-Modell: Näheausrichtung)

Auf rotem Grund gemalt, weinend und in Schlingpflanzen verfangen, stellt der weiße Elefant den traurigen Persönlichkeitsanteil dar. Es ist der, der das Leben als Last empfindet, sehr empfindlich gegenüber Kritik ist, Missstimmungen nur schwer erträgt, sich oft benachteiligt fühlt und unter Minderwertigkeitsgefühlen leidet, weswegen er es niemals wagt, den Mund aufzumachen und seine Meinung zu sagen.

»Diese Johanna will keinen kränken, es allen recht machen und gerät in Tiefsinn, wenn ihr das nicht gelingt und trotz aller Verrenkungen ihrerseits, irgendjemand böse, beleidigt oder auch nur unzufrieden ist […] Der Impuls, sich aus Sehnsucht nach Nähe selbst zu verleugnen, war bei Johanna so stark ausgeprägt vorhanden, dass er mit gleichzeitiger Angst vor dem Gegenpol der Selbstverwirklichung einherging und ein Ungleichgewicht zwischen beiden Aspekten bestand.«

Der schwarze Elefant (Riemann-Thomann-Modell: Wechselausrichtung)

Auf blauem Grund gemalt, mit bunten Bändern und unordentlichen Fransen, stellt der schwarze Elefant das Streben nach Veränderung und Wandel dar, Johannas Wunsch, ihrem eingeengten Dasein zu entfliehen. Er steht aber auch für Lebenslust, Kreativität und ihre Fähigkeit, sich auf der Lebensbühne mit Freude selbst inszenieren zu können.

Der Elefant, der nicht geträumt wurde (Riemann-Thomann-Modell: Distanzausrichtung)

Wer ein erfülltes Leben führen möchte, benötigt nach dem Persönlichkeitsmodell von Fritz Riemann alle vier Persönlichkeitsmerkmale. Deswegen wurde Johanna von ihrer Therapeutin ermutigt, ein Fantasiebild des fehlenden Elefanten zu malen, um ein gesundes Gegengewicht zu setzen. »Es sollte einer sein, der in der Lage war, sich selbst wichtig zu nehmen und zu den eigenen Bedürfnissen zu stehen.«

Johanna malte einen schwarzen Elefanten auf gelb-orangenen Hintergrund mit Stoßzähnen, der sich im Bedarfsfall zu wehren weiß und voller Tatendrang und Mut mit freudig erhobenen Rüssel und fliegenden Ohren seinem Ziel entgegenläuft. Die Spinne am Rande des Bildes macht ihm keine Angst, denn dieser Elefant, der nicht geträumt wurde, stellt eine starke Persönlichkeit dar, die Nein sagt, wenn sie etwas nicht will, und keine Angst vor der Reaktion ihres Gegenübers hat. Dieser Elefant hat ein der Situation angepasstes Durchsetzungsvermögen und hält selbstbewusst den Rüssel hoch!

»Aus sich selbst heraus hatte Johanna ein Modell geschaffen, um ein Mehr an Selbstbehauptung zu zeigen.« Dies führte in der Folgezeit zu einem Durchbruch innerhalb der therapeutischen Arbeit, denn es half Johanna, sich zu vergegenwärtigen, dass die gesamte »innere Elefantenherde« zu ihr gehörte und auch Ausdruck finden musste.

Auch uns können die Elefantenbilder helfen. Insbesondere dann, wenn wir uns »seelisch zerrissen« fühlen oder eine bestimmte Persönlichkeitsseite in uns unbedingt ängstlich vermeiden wollen, können die Elefantenbilder uns helfen, wieder in eine seelische Balance zu kommen, das Gleichgewicht zwischen den vier Polen unserer Persönlichkeit wiederherzustellen:

»Der Balanceakt zwischen widerstreitenden Bedürfnissen nach Autonomie und Eigenständigkeit auf der einen Seite und Selbsthingabe und Geborgenheit auf der anderen Seite ist und bleibt eine schwierige Aufgabe. Ebenso begegnet uns immer wieder die Herausforderung, uns zwischen unseren Wünschen nach dauerhafter Sicherheit und aufregendem Neuen entscheiden zu müssen.«

Im Nachwort sagt Susanne Mertens auszugsweise: »Johanna wollte zeigen, dass das Malen einen Prozess der Selbstheilung in Gang setzt, insbesondere dann, wenn dieser zusätzlich therapeutisch begleitet wird […] Bilder sprechen immer beide Gehirnhälften an: die logisch-theoretische und die intuitive. Und gerade unsere Intuition, die Stimme unseres Unbewussten, wollen wir in der Therapie zum Sprechen bringen, um wieder heil und vollständig zu werden.«

Viele weitere Bilder, auch Selbstporträts, die Johanna während ihrer Therapiezeit malte, sowie einige ihrer Seelenträume werden in diesem Fachbuch eingehend erläutert. Eines tritt dabei immer wieder ganz klar hervor: Wir brauchen unsere vier inneren Elefanten. Erst die Integration aller vier menschlichen Grundimpulse löst seelische Verkrampfungen und führt zu dem positiven Gefühl von Vollständigsein, dem befreienden Gefühl von Rüssel hoch!

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