Fotoausflug – Vom Berliner Alpenglück

Pfingsten 2020: Die Zeichen im Zuge von Corona standen auf Sturm, genauer gesagt auf Ansturm. Ein Polizeisprecher meldete, dass sich die Region Allgäuer Alpen wegen der vielen Ausflügler im Ausnahmezustand befand: »Das komplette Allgäu ist voll, übervoll, von Füssen bis Lindau.«

Froh, dass wir unsere Fotoausflüge als Freischaffende nicht mehr auf die Feiertage legen müssen, sondern uns unter der Woche auf den Weg machen können, brachen wir – der besseren Lichtverhältnisse wegen und um dem Berliner Berufsverkehr auszuweichen – sehr früh am Morgen auf.

Unser Ziel waren nicht die Allgäuer Alpen, sondern der (tatsächlich) so genannte »Alpengipfel« im Freizeitpark Marienfelde, einer etwa 40 Hektar großen Grünanlage in Berlin, die auf einer ehemaligen Mülldeponie errichtet wurde. Inzwischen haben sich 15 Hektar davon in ein Naturerlebnisgebiet verwandelt, das vom NABU (Naturschutzbund Deutschland e. V.) betreut wird, hauptsächlich von ehrenamtlichen Helfern.

Seltene Arten von Tieren haben sich in den letzten Jahren in verschiedenen Biotopen angesiedelt wie Moorfrösche, Knoblauchkröten und Zauneidechsen sowie über 40 Brutvogelarten wie Pirol, Nachtigall, deren Gesang wir zu hören glaubten, Teichrohrsänger, Turmfalke und Neuntöter, dazu diverse Insekten und außergewöhnliche Pflanzen. Viele davon stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, beispielsweise die für Menschen ungefährliche Ringelnatter oder der gelbe Gewöhnliche Wasserschlauch, eine fleischfressende Pflanzenart.

Wir hofften, dass sich der Ansturm auf den »Alpengipfel« am südlichen Stadtrand von Berlin in Grenzen halten würde, damit unser Alpenglück nicht geschmälert würde. Wenn wir hier vom »Alpengipfel« reden, dann meinen wir die höchste Erhebung im Freizeitpark Marienfelde, die gerade mal 77 Meter misst. Diesen Gipfel, der über eine idyllische Naturtreppe und ein von Heidekraut bewachsenes Plateau erreichbar ist, hatten wir im Nu erstürmt. Ganz allein in der Stille des Morgens blickten wir auf das Berliner Häusermeer rundum und dachten daran, wie großartig es ist, dass mitten in Berlin so ein kleine grüne Oase existiert.

Wir folgten den natürlich angelegten, geschwungenen Naturerlebnispfaden und erfreuten uns an den blauen Blüten der Wegwarte und dem Gesumme der fleißigen Bienen und Erdhummeln.

Gern hätten wir einen der seltenen Vögel, Frösche oder wenigstens eine Zauneidechse gesehen, aber selbst am sonnig gelegenen »Eidechsenhang« ließ sich kein Tierchen blicken. Die langen Trockenperioden der letzten Jahre haben den »Folienteich« völlig austrocknen lassen. Eine letzte Pfütze war noch im »Wechselkrötenteich« zu finden und wir konnten auch leises Quaken hören – anscheinend gibt es noch ein paar Überlebende.

Auf einer wilden, in allen Farben blühenden Sommerwiese fanden wir schließlich unser Alpenglück: eine Vielzahl und Vielfalt von Schmetterlingen, die unsere Fotografenherzen erfreuten. Bei jedem Schritt flogen dutzende Schmetterlinge auf, um sich kurz darauf, auf einer neuen Wiesenblüte niederzulassen. Es war eine Herausforderung, von diesen filigranen, flatterhaften Wesen Fotos mit genügend Schärfe zu bekommen. Am häufigsten sahen wir das Kleine Wiesenvögelchen sowie Weißlinge und Bläulinge, doch es gab auch Schmetterlinge, die wir schon lange nicht mehr gesehen hatten: Brauner Waldvogel, Großes Ochsenauge, Schachbrett und Hufeisenklee-Widderchen.

Solche Erlebnisse – wie beispielsweise mit den Schmetterlingen – sind es, die mich als Autorin zu Szenen wie dieser in meinem Roman »Der Elefant des Sonnenkönigs« inspirieren:

»Mitten in seinen Rüsselmuskelübungen zog auf einmal etwas ganz anderes Ntangus Aufmerksamkeit auf sich, etwas mit Flügeln, etwas Federleichtes, etwas mit schwarzer Grundfärbung und blau-weiß schillernder Zeichnung.

Ein Blaues Diadem hatte sich gerade mit tänzerischer Leichtigkeit genau auf seine hochgereckte, empfindsame Rüsselspitze gesetzt und flatterte mit seinen Flügeln. Zart spürte Ntangu das leichte Gewicht des mit seinen 9 cm Spannweite eher kleinen exotischen Schmetterlings der Afrotropis.

Ganz langsam senkte er seinen Rüssel, um dieses federleichte blaue Etwas auf seiner Rüsselspitze besser wahrnehmen zu können. Nahezu farbenblind, konnte er nur die Hell-Dunkel-Kontraste erkennen, jedoch die unglaubliche Zartheit und Leichtigkeit dieses kleinen Lebewesens spüren. Ein kurzer Moment des Staunens, der schon wieder vorbei war, denn der Schmetterling flatterte weiter, um im nahen tropischen Regenwald nach den weißen Blüten des Teakbaums zu suchen.

Da seine Augen den Schmetterling nur unscharf wahrgenommen hatten, blieb Ntangu verborgen, dass auch dieses kleine, leichte Lebewesen einen Rüssel besaß – einen winzigen Saugrüssel, den der Schmetterling eingerollt unter dem Kopf trug und den er entrollte sowie tief in die Kelche von Blüten steckte, wenn er deren flüssigen Nektar aufnahm.

Aber das davonflatternde Blaue Diadem gab Ntangu den Hauch einer Ahnung, wie leicht sich das Leben für ein Tier anfühlen musste, dass so beschwingt durch die Luft fliegen konnte.«

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