Fotoausflug – Als Grenzgänger am Griebnitzsee

»Grenzgänger« sind im ganz wörtlichen Sinne Menschen, die regelmäßig eine Grenze passieren, beispielsweise um jenseits der Grenze zu arbeiten und danach wieder an ihren Wohnort zurückzukehren. Das hatten wir zwar nicht vor, aber angesichts der bereits seit Wochen andauernden Reise- und Ausgangsbeschränkungen wegen der alle Grenzen überschreitenden Corona-Pandemie hatten wir das starke Bedürfnis, den häuslichen Boden mal wieder zu verlassen und zu einem Fotoausflug aufzubrechen.

Es bot sich an, einen der vielen Seen in der Nähe zu besuchen, die es rund um Potsdam gibt. Für unseren Grenzgang wählten wir den Griebnitzsee. Eigentlich ist ein »Grenzgang« eine Grenzbegehung, um eine bestehende Grenze zu kontrollieren. Ein Glück, dass die Zeiten einer deutsch-deutschen Grenze vorbei sind, aber uns war sehr wohl bewusst, dass es jahrzehntelang diese Staatsgrenze zwischen West-Berlin und Brandenburg gegeben hat, die genau durch die Mitte des Griebnitzsees verlief. Auf dem Grenzschild im Wasser stand damals:

»Restricted area – do not pass beyond this point – reverse your course«.
(»Sperrgebiet – nicht über diesen Punkt hinausgehen – Kurs umkehren«.)

Die DDR-Sperranlagen zogen sich entlang des südlichen Seeufers, das für den Grenzausbau enteignet worden war, um eine Flucht über die Grenze zu verhindern. Ein Berliner Mauerrest ist dort noch immer zu sehen. Direkt daneben liegt die Villenkolonie Neubabelsberg mit den vornehmen Wohnhäusern früherer Industrieller, Bankiers, Wissenschaftler sowie alter Filmstars wie Heinz Rühmann oder Marlene Dietrich, den einstigen Residenzen von Politikern wie Truman oder Churchill und den inzwischen restaurierten noblen Domizilen vieler Prominenter. Die südliche Seite des Griebnitzsees hatten wir bereits im letzten Jahr in Augenschein genommen. Dieses Jahr würden wir die prächtigen Villen nur von weitem, vom anderen Ufer aus sehen.

Wir hatten gelesen, dass uns »Grenzspaziergänger« am Nordufer des Griebnitzsees romantische Wanderwege durch den dichten Wald führen würden. Doch was wir dort antrafen, war eher wild als romantisch, denn sowohl im Wald als auch am Ufer waren die Folgen von Sturmschäden überdeutlich zu sehen. Zwischen großen entwurzelten Bäumen und viel Geäst ließen sich gerade – ausgerüstet mit Chips & Co. – einige Fahrradfahrer auf einem Baumstamm nieder. Der Baumstamm auf der Anhöhe war zu kurz, um den vorgeschriebenen Corona-Sicherheitsabstand einhalten zu können. Aber es handelte sich ja auch um eine Familie mit Teenagern und nicht um »Grenzgänger« anderer Art, welche beispielsweise miteinander in einer illegalen Corona-Party abhängen und damit das Kontaktverbot zur Eindämmung des Corona-Virus missachten.

Psychologen bezeichnen Menschen, die sich ganz bewusst in einer Grenz- bzw. Gefahrenzone bewegen, oft sogar auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod, ebenfalls als »Grenzgänger«. Im Gegensatz zu dem, wie sich die Mehrheit verhält, sind solche »Grenzgänger« bestrebt, sich durch ein extensives Ausschöpfen der Grenz- bzw. Gefahrenzone – durch eigene Grenzerfahrungen – neue Handlungsräume zu erschließen. Die Frage ist, ob es mehr Todessehnsucht oder mehr Lebenssehnsucht ist, die solche »Grenzgänger« antreibt?

Einerseits wird – wer sich bis in die Nähe des Todes vorwagt – das Leben besonders intensiv erfahren und es angesichts der Gefahr des Verlustes als besonders kostbar empfinden. Andererseits zeigt die Beliebtheit von Extremsportarten, dass auch einfach nur der Wunsch nach Abenteuer oder die Suche nach dem ultimativen Kick oder Thrill-Erleben dahinterstecken kann. Das kann dann sogar zu ausufernden »Grenzgängen« gelangweilter, Spannung suchender Menschen führen, die beispielsweise mit schnellen Fahrzeugen aufeinander losrasen, um auszutesten, bei wem die Nerven zuerst versagen.

Unser Waldspaziergang am Ufer des Griebnitzsees war im Gegensatz dazu jedoch sehr erholsam für die Nerven. Am Ufer fiel uns auf dem sandigen Strand inmitten des zahlreichen hölzernen Treibguts und vieler Flussmuscheln eine Bachstelze auf – ein hochbeiniger, schwarz-weiß-grauer Singvogel mit langem Schwanz, der bei seiner Suche nach Insekten stelzentypisch beständig auf und ab wippte. Dabei machte es der Bachstelze auch nichts aus, wenn die strandenden Wellen ihre Füße umspielten und kurzzeitig die Grenze zwischen Wasser und Land verschoben. Für Vögel gibt es sowieso keine Grenzen, dachten wir, als sich kurz darauf ein Fischreiher in die Höhe schwang und mit der typisch eingezogenen Kopfhaltung den in der Sonne glitzernden Griebnitzsee überquerte.

Auch das Wasser des rund drei Kilometer langgestreckten, L-förmigen Griebnitzsees, das im Südosten Zulauf vom Teltowkanal erhält, fließt unbegrenzt weiter – nach Westen über die Glienicker Lake in die Havel, während nach Osten hin der Griebnitzsee über den Griebnitzkanal mit Stölpchensee, Pohlesee sowie Kleinem und Großem Wannsee verbunden ist. Unser Blick schweift über die Wasserfläche, wo wir weitere fröhliche »Grenzgänger« sehen, die munter die ehemalige deutsch-deutsche Grenze inmitten des Griebnitzsees mit Kajak oder Stand-up-Paddle-Board überqueren.

Wir indes stoßen am Ufer auf strandtriftiges Gut. Ist das dort hinten etwa eine Flaschenpost? Jetzt wird es doch tatsächlich ein bisschen spannend. Werden wir in der Flasche eine Nachricht finden, die jemand in der Hoffnung ins Wasser geworfen hat, dass sie irgendwo ans Land getrieben, gefunden und gelesen wird? Nein, die Weinflasche, die kein Etikett mehr trägt, ist zwar unversehrt, aber leer. Doch – was ist das? Menschliche Fußabdrücke, die direkt ins Wasser führen, aber nicht zurück …? Hat sich hier etwa jemand Mut angetrunken und dann die letzte Grenze des Lebens überschritten? Wer weiß das schon …? Vielleicht weiß es der Vogel, dessen Spuren nicht weit daneben ebenfalls noch im nassen Sand zu sehen sind …?

Es könnten die Fußspuren eines Wasservogels mit Schwimmhäuten sein, vielleicht des Kormorans, der sich auf einem großen, roten Schild mit der Zahl 20 im Wasser niedergelassen hat. Die Zahl 20 gibt an, dass ein Wasserfahrzeug 20 m vom Tafelzeichen entfernt vorbeifahren muss, da das Fahrwasser am Ufer eingeengt ist. Einige Uferflächen wurden zum Schutz solcher Wasservögel sogar eingezäunt – manchmal erfüllen Grenzen also auch einen guten Zweck. Wir wollen den etwas weiter entfernten Kormoran fotografisch genau zu dem Zeitpunkt erwischen, an dem er sich wieder in die Lüfte erhebt – aber dieses Federvieh tut uns den Gefallen nicht, obwohl ein lautes Motorboot in kurzem Abstand an der Wassertafel vorbeifährt. Dieser sonnige Platz ist anscheinend zu attraktiv, um ihn gleich wieder zu verlassen.

Doch wir verlassen kurz darauf den Wald mit den hohen Buchen, deren frisches Grün unsere Augen erfreute, während die Abendsonne noch Tausende glitzernde Lichtsterne auf die Wasseroberfläche des Griebnitzsees zaubert. Das war ein »Grenzspaziergang«, den wir – angesichts der verschärften Corona-Ausgangssperren in anderen Ländern wie Frankreich oder Italien – ganz besonders geschätzt haben. Wie alle anderen werden auch wir froh sein, wenn wir unsere fast »grenzenlosen« Freiheiten als deutsche Bürgerinnen und Bürger wieder umfassend wahrnehmen dürfen.

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