Making-of »Kaputtgekündigt…‽«

»Kaputtgekündigt…‽« ist viel mehr als die Berufsgeschichte einer Arbeitnehmerin. Es ist ein schriftlicher Fingerzeig auf das »kranke« deutsche Arbeitssystem. Denn ist es nicht unglaublich, dass die Schieflage zwischen Ost und West nach dreißig Jahren Mauerfall immer noch nicht beseitigt ist? Und ist es nicht unfassbar, dass die Schieflage in der Entlohnung zwischen Mann und Frau auch nach über 150 Jahren – siehe Zitat von Spinner im Blogbeitrag »Making-of – Von der Sekretärin zur Autorin der Rüssel-hoch-Bücher« – noch immer die Regel ist …‽

Was es genau mit dieser Zeichenkombination »‽« auf sich hat, erkläre ich in meiner beruflichen Autobiografie. An dieser Stelle nur so viel: Das Interrobang (Fragerufzeichen) ist eine Kombination aus lat. interrogatio = Frage und bang = informell benutztes Wort unter Druckern für das Ausrufezeichen, also eine Frage, die mit Nachdruck gestellt wird.

Tatort Deutschland: Der Krankenwagen hat gerade eine Frau eingeliefert, die nach einem Kreislaufstillstand das Bewusstsein verloren hat. Akuter Herzinfarkt? Multiorganversagen? Während die Ärzte um ihr Leben ringen, stellt die Frau mit Erstaunen fest, dass sie über ihrem Körper schwebt und alles hören und sehen kann, was im Operationssaal geschieht. Losgelöst von ihrem Körper fühlt sie keine Schmerzen mehr, während in ihrem Inneren so eine Art Lebensfilm abläuft:

»Ich hätte nie geglaubt, dass es noch schlimmer wird. Dieser Sch…job lässt mir gedanklich und seelisch allmählich keine Ruhe mehr. Es ist quälend. Jeder Tag ist endlos lang und nervenaufreibend – im Grunde bin ich einem Dauermobbing ausgesetzt, denn ich werde täglich daran ›erinnert‹, dass ich dies oder das ›als Wessi‹ ja eigentlich besser können, besser wissen, etc. müsste …

Inzwischen leide ich schon unter Angststörungen am Arbeitsplatz, die durch Schweißausbrüche, Herzklopfen und Händezittern zum Ausdruck kommen. Irgendwie schlägt mir das schlechte, zwanghafte Arbeitsklima auch auf die Verdauung, so dass ich unter Durchfällen zu leiden habe – sch…! Ich werde mal wieder streng angesehen, weil ich so oft den Kloschlüssel verlange, was mir zusätzlich Stress macht … in dieser Firma herrscht aber auch von der morgendlichen Stechuhr an Totalkontrolle. Ich darf nichts, aber auch gar nichts selbstständig machen. Nicht einmal selbstständig aufs Klo gehen darf ich, sondern muss jedes Mal vorher um den Schlüssel bitten und mich danach wieder zurückmelden … Dieser Job war ein Griff ins Klo …

Das muss man sich erst einmal richtig vorstellen: Mit einer Stoppuhr muss eine andere Mitarbeiterin, die mich einarbeiten soll, täglich mein Arbeitstempo messen! …

Zum Kuckuck mit diesem ungeduldigen, fordernden Chef im Nacken. Die ständige Fragerei, was ich gerade mache, hat mich schon beim vorherigen Job aufgeregt. Ich gebe immer mein Bestes und leiste hier aus meiner Sicht sogar Unmögliches, aber natürlich ist man nie gut genug …

Ich frage mich, ob ich mich beruflich im Osten auf Dauer wohlfühlen werde. Das ist mir hier alles zu engstirnig, drillmäßig, unflexibel, vor allem finde ich es unmenschlich, wie hier Arbeitnehmer ausgebeutet werden. In dieser Firma wird die Ausbeutung sogar noch damit auf die Spitze getrieben, dass jeder reihum das Klopapier, Seife etc. für die Firmentoilette auf eigene Kosten besorgen muss, und das bei einem Stundenlohn von 7 bis 8 Euro brutto! Und während mein Mann in seiner Firma in Baden-Württemberg 400 Euro Heiratsbeihilfe und einen Tag Sonderurlaub erhält, muss ich den Hochzeitstag im Voraus abarbeiten …

Heute musste ich eine dicke, fette Kröte schlucken. Die Zeitarbeitsfirma hat mich absichtlich hereingelegt. Ich habe heute erfahren, dass eine Weiterbeschäftigung nie geplant war. Das ist mir beim Einstellungsgespräch verschwiegen worden, obwohl ich damals mehr als deutlich gemacht habe, dass eine weitere kurzzeitige Beschäftigung für mich nicht in Frage kommt …

Das war nun der dritte Jobfehlstart hier im Osten. Ich bin wieder einmal bei null, eigentlich schon im Minusbereich, wenn ich meine angeschlagene Gesundheit einbeziehe. Ich habe wieder den gleichen Fehler gemacht, bin wieder über meine Grenzen in meine Kraftreserven hineingegangen, sogar in die eisernen. Jetzt habe ich wegen der ständigen Kündigungen, Jobwechsel und neuen Probezeiten doch tatsächlich ein Jahr lang ohne Urlaub durchgepowert …

In dieser harten Stunde der Wahrheit, als die angedrohte Kündigung schriftlich auf den Tisch kam, sagte ich meinem Chef, dass ich sowohl die Abmahnung als auch die Kündigung ungerechtfertigt finde. Ich konfrontierte ihn auch damit, dass er mich hintenherum beim Team schlechtgemacht hat. Das hat er natürlich gar nicht gern gehört und mir daraufhin wortwörtlich klargemacht, ja mehrmals wiederholt, fast schon stereotyp, dass »er die Sonne sei, um die sich hier alles drehe«, und nicht ich.

Er sei hier der Chef und er hätte hier das Sagen. Das stimmt, aber was für ein ›Sonnenkönig‹! Der Name passt – wie das Original pflegt er einen absolutistischen und egozentrischen Herrscherstil. Ich will gar nicht wissen, wie viele selbstermächtigte Sonnenkönige es in ganz Deutschland gibt, die genauso selbstherrlich und willkürlich in ihrem kleinen Reich regieren und schikanieren – und dafür auch noch absolute Untertanentreue verlangen!

Wieder eine Kündigung. Weitere Ungerechtigkeiten und tiefgreifende negative Erfahrungen liegen hinter mir, die bei mir einen inzwischen freiliegenden Nerv getroffen haben. Wieder fühle ich mich ausgeliefert, abgelehnt und geringgeschätzt. Die in mir aufsteigende aggressive Wut und der wachsende depressive Kummer darüber kommen mit der Urgewalt einer riesigen Flutwelle über mich und reißen mir den Boden unter den Füßen weg …

Mein sechster Job im Osten war so ein Volltreffer. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, wie die glänzende Fassade auf einen Schlag zusammengebrochen ist …

Es ist ein berufliches Dilemma für uns beide – nicht nur für mich als niedrigverdienende Frau, sondern auch für meinen geringverdienenden Mann. Diese berufliche Situation sägt gleichzeitig sowohl an seiner männlichen Würde als auch an meiner weiblichen Würde …

Ich habe die beiden Vorstände um ein weiteres Gespräch gebeten. Jetzt haben die mir doch als detailliertere Begründung für die angekündigte Kündigung tatsächlich gesagt, dass ich nicht gemerkt hätte, dass hier alle durcharbeiten, sondern ich meine Pause nehmen würde, dabei sogar das Haus verlassen würde …

Die abwertende Behandlung in dieser Firma, nun auch durch den Geschäftsführer, enttäuscht mich zutiefst. Aber heute kam es noch schlimmer: Anstatt Lob oder gar Dank für mein loyales, opferbereites Verhalten zu erhalten, wurde ich gekündigt, von einem Tag auf den anderen, auf ganz unfaire Art und Weise, sozusagen aus »heiterem« Himmel. Unglaublich, aber wahr! Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass eine aus Loyalität zur Firma freiwillig stornierte Reise ein Kündigungsgrund sein könnte. So also wird mein voller Einsatz für diese Firma gedankt. Ich empfinde tiefste Abscheu!

Mich versetzt die Aussicht in Höchststress, so weiterarbeiten zu müssen, weil es so wehtut, wenn man so geringschätzig behandelt wird, obwohl man einen guten Job macht. Ständig werde ich aufgerieben und gestresst, nur weil ich nicht genauso hart und kühl bin, sondern ein freundliches, hilfsbereites und nachgiebiges Wesen habe …

Manche Menschen haben einfach keine Sensoren dafür, wann sie andere verletzen. Ich werde damit rechnen müssen, auch künftig immer wieder mit Worten gepiesackt und – auch hinterrücks – absichtlich in den Staub getreten zu werden. Meine Seele hat einen deutlichen Riss bekommen. Welch eine Qual! Mein ganzer Bauchraum tut weh, mein Herz krampft und auf meinem Brustkorb liegt eine schwere Panzerplatte.«

Zurück im OP-Saal: Die Ärzte kämpfen immer noch um das Leben der Frau, deren Blut von Stresshormonen geradezu überflutet ist. »Offene Herzmassage!«, weist ein Arzt an. Er öffnet den Brustkorb und erlebt eine Überraschung. Die linke Herzkammer hat eine veränderte Form. Die Herzspitze ist ballonartig erweitert und die Hauptschlagader dagegen stark verengt, so dass kein Blut mehr in den Körper gelangt – Broken-Heart-Syndrom (Syndrom des gebrochenen Herzens) – eine Krankheit, die durch starken Stress ausgelöst wird, insbesondere bei heftigen emotionalen Ereignissen. »Kein Herzinfarkt, sondern Herz- und Gefäßverkrampfung durch Stress-Kardiomyopathie, das bekommen wir mit Beruhigungsmitteln und Betablockern in den Griff«, kommentiert der Arzt, »aber woher kommen diese Stichwunden am Herzen?«

Die Frau weiß, woher sie kommen. Es sind all die gedankenlos, aber auch bewusst abwertend und ausgrenzend gesprochenen Worte, die sie gehäuft und wiederholt wie Schwertstiche mitten ins Herz getroffen haben, während sie die verschiedenen beruflichen Straßen gegangen ist. Manche Wunden dieser seelischen Schikanen, Quälereien und Ungerechtigkeiten sind schon vernarbt, andere noch ganz frisch. Will sie wirklich wieder in diesen schmerzenden kaputten Körper zurück, jetzt, wo sie sich so losgelöst und von jeglicher Trauer und Last erleichtert fühlt? Ja, denn sie fühlt in diesem Moment die unendliche Liebe zu ihrem Mann und den sehnsüchtigen Wunsch, zu ihm zurückzukehren.

»Kaputtgekündigt…‽« soll vor allem eines: Mut machen, sich in der Berufswelt nicht unterkriegen zu lassen, besser noch, selbst rechtzeitig aktiv zu werden, um zu vermeiden, dass die eigene Gesundheit kaputtgeht! Und wenn man sich bereits in einem tiefen Seelenloch befindet? Dann hoffe ich, dass meine berufliche Autobiografie ein Augenöffner wird und alle Rüssel-hoch-Tipps, die mir selbst sehr geholfen haben, auch andere dabei unterstützen, einen solchen absoluten Tiefpunkt zu überwinden und den Absprung in ein neues, und vor allem in ein besseres berufliches Leben zu schaffen.

Immer wieder aufzustehen, wenn man umgeworfen wird, ist Daseinsbewältigung im Sinne einer Re-Aktion. Aktion im Sinne einer Daseinsgestaltung ist dagegen, von sich aus einen neuen beruflichen Weg zu beschreiten. Es lohnt sich immer, einen neuen beruflichen Weg zu beschreiten, denn er birgt die Chance, dass er zu einem Leben führt, das nicht nur anders, sondern besser ist. Deshalb: Nur Mut und Rüssel hoch!

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