Elefantöses – Rüsselspringer

Relief des altägyptischen Wüstengotts Seth mit tierähnlichem Kopf mit langer, gebogener Schnauze, Ägyptisches Museum Berlin| Neithsabes / CC BY-SA

Kürzlich entdeckte ich bei Recherchen das Wort »Rüsselspringer«. Bei »Rüssel« denke ich als Elefantenliebhaberin natürlich sofort an Elefanten. Mein Interesse war geweckt. Was hatte es mit diesen Rüsselspringern auf sich? Zu meinem Erstaunen handelte es sich um Rüsselmäuse, von denen einige Forscher glauben, dass sie Modell des altägyptischen Wüstengottes Seth gewesen sein könnten.

Die Rüsselspringer sind mit keiner anderen Säugetiergruppe näher verwandt und werden deshalb in einer eigenen Tierordnung namens Macroscelidea geführt, die gegenwärtig 20 Arten in 5 Gattungen umfasst. Alle diese Rüsselspringer – der Name bezieht sich einerseits auf die sehr bewegliche, rüsselartige Nase und auf die typisch springende Fortbewegung – sind ausschließlich in Afrika beheimatet. Na, da haben wir ja schon die erste Gemeinsamkeit mit den Afrikanischen Elefanten (Loxodonta africana).

Schon seit langer Zeit tragen die Rüsselspringer den Namen »Elefantenspitzmäuse«. Doch nach genetischen Untersuchungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind sie nicht mit den Spitzmäusen verwandt, wie beispielsweise unserer Waldspitzmaus, noch nicht einmal mit der Afrikanischen Waldspitzmaus, sondern – ja, tatsächlich! – mit den Elefanten.

Es ist allerdings eine weit entfernte genetische Verwandtschaft über die originär afrikanische Tiergruppe der Afrotheria (eine der vier Hauptlinien innerhalb der Höheren Säugetiere), die neben Erdferkeln, Rüsselspringern und Tenrekartigen auch Seekühe, Schliefer und unsere heutigen Elefanten einschließt.

Voilà, da haben wir’s und – die Größe dieser Elefantenrüsselmäuse ist bei dieser elefantösen Verwandtschaft völlig »irrelefant«.

Kommen wir also zu den »relevanten«, den fünf noch lebenden Gattungen in der Familie der Rüsselspringer (Macroscelididea):

1 Rüsselhündchen (Rhynchocyoninae)

2 Rüsselratte (Petrodromus)

3 Nordafrikanische Spitzmaus (Petrosaltator)

4 Elefantenspitzmäuse (Elephantulini)

5 Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides)

Foto 1 Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi) |Joey Makalintal from Pennsylvania, USA / CC BY

Die Rüsselhündchen (Rhynchocyon) sind die größten unter den Rüsselspringern. Ihr Gewicht liegt zwischen 320 und 750 Gramm, ihre Kopfrumpflänge zwischen 22 und 32 cm und ihr Schwanz wird 21 bis 27 Zentimeter lang. Sie haben eine lange, rüsselförmige Schnauze und lange, dünne Beine, wobei ihre Hinterbeine länger als die Vorderbeine sind. Foto 1 zeigt ein intensiv gefärbtes Rotschulter-Rüsselhündchen (Rhynchocyon petersi), dessen Lebensraum im östlichen Afrika hauptsächlich Wälder oder Buschländer mit dichtem Unterholz sind.

Foto 2 Rüsselratte (Petrodromus tetradactylus tordayi) |Daderot / CC0

Auch die Rüsselratten (Petrodromus tetradactylus) zählen zu den größeren Arten der Rüsselspringer. Sie sind im zentralen, östlichen und südöstlichen Afrika verbreitet, vorrangig in Wäldern, Flussauen und Buschlandschaften. Ihre Hauptnahrung besteht aus Insekten, vor allem Ameisen, Termiten und Käfer. Charakteristisch – wie bei allen Rüsselspringern – ist die rüsselartig verlängerte Nase, die sie beim Trinken nach oben biegen. Auch die hüpfende Fortbewegung ist typisch für Rüsselspringer. Da sie längere Hinter- als Vorderbeine haben, können sie wie ein Känguru springen bzw. hüpfen. Auf Foto 2 sind zwei präparierte Exemplare der Rüsselratte (Petrodromus tetradactylus tordayi) abgebildet.

Foto 3 Nordafrikanische Elefantenspitzmaus (Petrosaltator rozeti) | Daderot / CC0

Die Nordafrikanische Elefantenspitzmaus (Petrosaltator rozeti) lebt als einziger Vertreter der Rüsselspringer im Norden Afrikas – von Marokko bis Libyen. Ihre Vorfahren lebten ursprünglich auch im östlichen Afrika. Ein Vertreter dieser Rüsselmaus von Foto 3 könnte, wie einige Forscher glauben, das Modell für den tierähnlichen Kopf mit langer, gebogener Schnauze des altägyptischen Gottes Seth (vergleiche Titelfoto) gewesen sein. Er galt als Wüstengott. Einerseits wurde er mit Stürmen und Unwettern in Verbindung gebracht, andererseits war er aber auch der Schutzgott der Oasen, wo es früher einige Kultstätten für ihn gab.

Foto 4 Trockenland-Elefantenspitzmaus (Elephantulus intufi) im Kgalagadi National Park, Südafrika |Joachim Huber / CC BY-SA

Die Elefantenspitzmäuse (Elephantulini), auch Elefantenrüsselmäuse genannt, leben im südwestlichen Afrika in besonders trockenen, savannenartigen Gegenden, sogar in der zentralen Kalahari, und sind deshalb auch unter dem Namen Trockenland-Rüsselspringer bekannt. Auf Foto 4 ist eine Trockenland-Elefantenspitzmaus (Elephantulus intufi) zu sehen. Ihre Ohren und ihr Rüssel sind ständig in Bewegung. Neben Duftmarken aus Drüsensekreten kommen bei der innerartlichen Kommunikation auch verschiedene Laute zum Einsatz, beispielsweise ein schriller Ton zur Warnung. Auch das Fußtrommeln gehört dazu; dabei erzeugt sie – wie auch andere Arten von Elefantenspitzmäusen – die Trommelschläge mit den Hinterbeinen. Innerhalb der Gattung der Elefantenspitzmäuse gibt es viele Arten:

Dunkle Elefantenspitzmaus (Elephantulus fuscus)

Schwarzfuß-Elefantenspitzmaus (Elephantulus fuscipes)

Somali-Elefantenspitzmaus (Elephantulus revoili)

Rotbraune Elefantenspitzmaus (Elephantulus rufescens)

Kurznasen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus brachyrhynchus)

Westliche Klippen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus rupestris)

Trockenland-Elefantenspitzmaus (Elephantulus intufi)

Östliche Klippen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus myurus)

Kap-Elefantenspitzmaus (Elephantulus edwardii)

Karoo-Klippen-Elefantenspitzmaus (Elephantulus pilicaudus)

Foto 5 Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides proboscideus) |Bildnachweis: Jutta234 / CC BY-SA 3.0 DE

Die Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides) sind in den Halbwüstenlandschaften des südwestlichen Afrika verbreitet. Ihre Ohrlänge beträgt etwa 21 bis 29 mm und ist damit nicht viel kürzer als bei den anderen Rüsselspringern. Inzwischen werden sie eher als Rundohrrüsselspringer bezeichnet, da ihr Ohren eine runde und breite Form haben, genau wie Kopf und Körper. Das ist auf Foto 5, das Macroscelides proboscideus zeigt, gut zu sehen. Sehr scheu und vorsichtig graben sie kurze Baue unter Büschen, die aus Sicherheitsgründen oft mehrere Ausgänge haben. Auf ihren zuvor angelegten Trampelpfaden erreichen sie auf der Flucht bis zu 20 km/h. Als Allesfresser ernähren sie sich nicht nur von Insekten, sondern auch von Wurzeln, Beeren, jungen Trieben und fettreichen Sämereien.

Erst seit wenigen Jahren können mit dem Namib-Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides flavicaudatus) und dem Etendeka-Kurzohrrüsselspringer (Macroscelides micus) zwei weitere Arten beschrieben werden. Letztere, Macroscelides micus, ist mit 28 Gramm und 19 cm Länge (einschließlich Schwanz) nicht nur der kleinste bekannte Rüsselspringer, sondern ihr Vorkommen ist auch auf ein winziges Gebiet in Namibia beschränkt. Diese kleine, kuschelige Rüsselmaus gräbt nicht, sondern schläft in Büschen und benutzt ihre bewegliche lange Rüsselnase, um nach Bodeninsekten zu suchen. Ihr Nachwuchs kann von Geburt an davonlaufen.

Damit dürfte ihre Gattung aus der Tierordnung »Rüsselspringer-Macroscelidea« größere Überlebenschancen haben als die Afrikanischen Elefanten der Tierordnung »Rüsseltiere-Proboscidea«, während die fortschreitende Zerstückelung und Vernichtung ihrer natürlichen Lebensräume für die beiden weitläufig miteinander verwandten afrikanischen Tierarten gleichermaßen immer mehr zum Problem wird.

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