Elefantöses – Wie Elefanten Probleme lösen

Heute, am 9. September 2026 wurde im Fachjournal Plos One eine erstaunliche Studie zur Impulskontrolle von Elefanten bei einer sogenannten Umwegaufgabe bzw. Umweg-Problemstellung veröffentlicht:
Asian elephants (Elephas maximus) demonstrate inhibitory control in a detour task [Asiatische Elefanten (Elephas maximus) zeigen bei einer Umwegaufgabe inhibitorische Kontrolle]
Sydney F. Hope , Sarah L. Jacobson, Sangpa Dittakul, Gillian Schmitt, Mananya Pla-ard, Marnoch Yindee, Taweepoke Angkawanish, Joshua M. Plotnik / Published: September 9, 2026 / https://doi.org/10.1371/journal.pone.0356549
Forscher stellten 16 Asiatischen Elefanten (8 männlichen, 8 weiblichen) eine Umweg-Herausforderung, um ihre Problemlösungskompetenz zu erforschen. Umweg-Aufgabe deshalb, weil eine indirekte Problemlösung erforderlich war, um das Problem zu lösen, denn das Ziel (leckeres Obst) konnte nicht direkt angesteuert bzw. erreicht werden.
Das Problem
Die Kognitionsbiologen führten im National Elephant Institute (NEI) in Lampang, Thailand von August 2023 bis Januar 2024 mit 16 Elefanten ein Experiment durch, bei dem Früchte in einer transparenten Box mit kleinen Löchern präsentiert wurden. Die Tiere konnten das Obst also sehen und riechen. Der Impuls, auf direktem Wege mit dem Rüssel nach der Nahrung zu greifen, führte wegen der transparenten Barriere nicht zum Ziel.
Die Lösung
Stattdessen konnten die Elefanten die Frucht über eine offene Seite der Box erreichen – und lernten dies auch. Selbst als die Box gedreht wurde, sich also die Stelle der Öffnung änderte, und sie sich zunächst impulsiv zu der Stelle orientierten, wo die Öffnung vorher gewesen war, lernten die Elefanten, auch damit umzugehen. Sie passten ihr Verhalten an und wurden mit einer leckeren Frucht belohnt. Das Geschlecht spielte bei der Lösung der Aufgabe keine Rolle, aber ältere Elefanten – die Elefanten waren zwischen 4 und 60 Jahre alt – brauchten für die Anpassung etwas länger als jüngere, kamen aber ebenfalls zum Ziel. Alle 16 Elefanten schafften es in weniger als einer Minute!
Was ist daran so erstaunlich?
Die Reaktionshemmung bzw. Impulskontrolle. Erstmals wurde belegt, dass Elefanten Impulse unterdrücken und »rational« handeln können. Dass alle Elefanten so schnell lernten, eine zuvor belohnte, aber nicht mehr wirksame motorische Reaktion zu hemmen, und ihr Verhalten flexibel änderten, um auf neue Art und Weise wiederum zum Ziel zu kommen – deutet auf eine starke inhibitorische (hemmende, unterdrückende oder blockierende) Kontrolle hin. Die Tiere können ihren Impulsen widerstehen, wenn diese eigentlich zu ineffektiven Handlungen führen – und sich stattdessen für eine effektivere Handlung entscheiden.
Sidney F. Hope: »Wir haben festgestellt, dass Elefanten, wenn sie mit einer Situation konfrontiert wurden, in der sie ein impulsives Verhalten unterdrücken müssen – sei es den Impuls, auf direktem Wege nach Futter zu greifen, oder den Impuls, eine zuvor erfolgreiche Technik weiter anzuwenden, im Allgemeinen in der Lage waren, diesen Impuls zu unterdrücken. Diese Fähigkeit könnte für die sozialen Interaktionen der Elefanten oder für andere Aspekte der Kognition, wie beispielsweise das Lösen von Problemen, von Bedeutung sein.«
Joshua M. Plotnik: »Je besser wir verstehen, wie Elefanten denken, Entscheidungen in Bezug auf Risiken treffen und sich an vom Menschen verursachte Umweltveränderungen anpassen, desto besser können wir vorhersagen, was sie als Nächstes tun werden.« Und das könnte dabei helfen, weitere Strategien für eine bessere Koexistenz von Menschen und Elefanten zu entwickeln, deren Lebensräume immer mehr zusammenrücken. Ein Beitrag zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Tierart Elefant.
Plotnik beschäftigt sich schon seit langem mit dem Verhalten und der Intelligenz von Elefanten und wurde von mir schon häufiger zitiert. Er fand unter anderem heraus, dass sich Elefanten im Spiegel selbst erkennen können, und es gibt nur wenige Tiere, die über so viel Selbstwahrnehmung verfügen. Er stellte auch fest, dass Elefanten rechnen können, quasi eine Nase für Quantitäten haben. Und was Elefanten bei Stress hilft. Jetzt fehlt nur noch, dass Elefanten auch tanzen können.
Fazit der Studie
Die Forscher betonen, dass ihre Studie erst der Anfang des Verständnisses der inhibitorischen Kontrolle bei Elefanten sei, und damit ihrer Fähigkeit, Probleme zu lösen. Zukünftige Studien sollten sich auf Methoden konzentrieren, die weiterhin die taktilen, olfaktorischen und/oder auditiven Sinne von Elefanten berücksichtigen. Ein Aspekt, den sie in dieser Studie nicht vollständig berücksichtigen konnten, waren die potenziellen Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und der so wichtigen inhibitorischen Kontrolle bei der Problemlösungskompetenz. Es seien weitere Untersuchungen erforderlich, um explizit zu quantifizieren, ob Persönlichkeitsaspekte – wie Kühnheit, Proaktivität oder Erkundungsverhalten – individuellen Unterschieden in der inhibitorischen Kontrolle zugrunde liegen.
Der Elefant auf obigem Titelfoto hat jedenfalls nicht geduldig gewartet, bis Oliver ihm jedes Fruchtstück einzeln reichte, sondern griff gleich mal ganz impulsiv und hemmungslos in die ganze Schale. Ich konnte das gut verstehen. Warum umständlich vorgehen, wenn doch die Lösung direkt vor einem auf dem Silbertablett liegt – also da würde ich doch auch meinem Impuls nachgeben, die Salami-Taktik umgehen und direkt nach der Belohnung greifen, direkt ins Volle 😉
Tja, und wie schwer es ist, eine zuvor erlernte Reaktion zugunsten eines langfristig effektiveren Verhaltens zu unterdrücken, wird uns spätestens dann klar, wenn wir abends auf der Couch sitzen und impulsiv nach einem Snack greifen, direkt ins Volle und bis zum letzten Bissen. Selbst wenn uns bekannt ist, dass ältere Elefanten ihren Rüssel im Allgemeinen langsamer bewegen als jüngere, das Ergebnis bleibt gleich. Aber immerhin haben wir mit 60 die passende Ausrede parat: Alles deutet darauf hin, dass es für ältere Personen im Vergleich zu jüngeren möglicherweise schwieriger ist, eine zuvor erlernte Reaktion zu hemmen. Die Macht der Gewohnheit. Aber was diese Elefanten schaffen, das schaffen wir doch auch, oder?
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