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Iris Sofie

Buchvorstellung – »Elementarwellen«

04.09.2026/0 Kommentare/in Bücher /von Iris Sofie
Cover fürs Buch »Elementarwellen«

»Rau und stürmisch trifft einen das Buch ins Mark.«
Raynor Winn, Autorin des Bestsellers Der Salzpfad

Die Frauenbiografie Elementarwellen, HarperCollins Taschenbuch, Hamburg 2023, habe ich aufgrund der Empfehlung von Raynor Winn gelesen. Der Sturm der Gefühle der britischen Autorin und Fotografin Tamsin Calidas, die in Werbung, Verlagswesen und für die BBC in London gearbeitet hatte, bevor sie 2004 das alles aufgab, ist sehr berührend beschrieben, doch ist ihre Lebensgeschichte keine leichte Kost.

In der zweiten Hälfte des Buches hatte ich mich dann in den rauen Schreibstil eingelesen und verstand immer besser, was diese starke Frau veranlasst hat, auf eine abgeschiedene Insel der Äußeren Hebriden zu ziehen. Den Originaltitel I am an Island (Ich bin eine Insel) hätte ich passender gefunden, da vor allem ihre ständig an ihrer seelischen Substanz nagenden Gefühle der Einsamkeit und des Ausgeschlossenseins aufgrund sozialer Ausgrenzung durch die Inselbewohner dominieren. Die deutsche Erstausgabe erschien unter dem Titel Vor mir nichts als Meer, was sich auch im Cover widerspiegelt.

»Wer in Oban ankommt, sieht als Allererstes das graue Meer und eine schmale Bucht, die sich in den schützenden Arm des tief liegenden Hafens schmiegt. Aus der Ferne wirkt die See merkwürdig zäh, eine unförmige Wassermasse, rastlos und schwerfällig.«

So beginnt Tamsin ihre Biografie. Oban ist eine malerische Hafenstadt an der Westküste von Schottland, bekannt als »Tor zu den Inseln«, ist sie der wichtigste Fährhafen für Reisen zu den Inneren und Äußeren Hebriden.

»Seit Jahren hatte ich davon geträumt, auf einen rauen, weiten Horizont zu schauen – seit ich im Flur meiner Wohnung eine alte Karte von Schottland aufgehängt hatte. Sie erstreckte sich über eine komplette schmale Wand. Immer wenn ich an ihr vorüberging, streifte sie mein Blick und wurde aufgrund des Winkels jedes Mal in die Lücke zwischen den Landmassen geleitet. Es geschieht immer in diesem Transit, im Übergang von einem Ort zum nächsten, dass sich das Herz öffnet und alle Träume ihren Anfang nehmen.«

Tamsin hält an ihrem Traum fest und bleibt auf der als neue Heimat gewählten Hebrideninsel, auch nachdem die Beziehung mit ihrem Freund Rab zerbricht. Sie lebt noch heute dort auf einem Croft und betreibt eine Pferde- und Schafzucht.

»Ich weiß nicht, was Möwen an sich haben, dass sie unseren Blick dazu einladen, sich vom Horizont zu lösen und nach einem Himmel dahinter Ausschau zu halten, der sich jenseits unserer unmittelbaren Umgebung erstreckt. Immer wenn ich ihre wehklagenden Schreie höre, verfängt sich mein Herz und wagt es, sich treiben zu lassen. Es ist, als würde sich etwas in meinem Innern losmachen, die feinen Bande und engmaschigen Netze entwirren, die einen an ein Leben binden, von dem man weiß, dass es zu eng ist. […] Manchmal kann sich das Leben beengt anfühlen, als trüge man einen Pullover, der im Laufe der Zeit zu klein geworden ist, in dem man sich nicht bewegen kann. Man will sich strecken und ihn abstreifen. Jahrelang hatte ich mir insgeheim gewünscht, den letzten Faden abzureißen.«

Nun setzt dies in die Tat um. Und diese Veränderung in ihrem Leben ist frisch, messerscharf und vitalisierend. Aber Tamsin liebt den wilden Schrei der Möwen. Mit den Menschen verhält es sich anders. Sämtliche Augenpaare sind auf sie gerichtet, als sie auf der Insel ankommen. »Neulinge.« Tamsin hört auf den Klang des Wortes, das wie Abfall auf die Straße geworfen wird. »Ja«, denkt sie, »aber hoffentlich nicht mehr lange.« Wenn sie sich da mal nicht täuscht!

Doch in ihrem Cottage, das aus Inselfelsen gebaut ist, herrscht eine Stille wie kaltes, klares Wasser, eine Stille, nach der sie sich so lange gesehnt hatte. Sechs Wochen später ist der Hof mit seinen Weideflächen, den man hier Croft nennt, ihr gemeinsames Zuhause, ein sehr spartanisches Zuhause. Doch sie findet auf der Felseninsel einen Teil von sich selbst, der ihr unbekannt und neu ist: »Ich bin wild und frei«, schreibt sie, und kurz darauf:

»Ein Leben in der Natur ist nichts für schwache Nerven. Die Wahrheit ist, dass man sich als Selbstversorger ungeheuren Kosten gegenübersieht. Es braucht viel Kapital, um einen Hof komplett neu aufzubauen, und zu Beginn werfen unsere Ausgaben herzlich wenig ab.«

Werden sie je von dem leben können, was der Croft abwirft? Zumal sich Tamsin so sehr wünscht, Mutter zu werfen, eine Familie gründen zu können. Doch als selbst künstliche Befruchtung nicht zum Ziel führt, verliert sie die Orientierung:

»Es tut weh, dass ich nicht schwanger werden kann, dass ich diese Aufgabe nicht erfüllen kann, Leben zu erschaffen und zu gebären. […] Ich weiß, was mit Kühen und Schafen und Hündinnen passiert, die keine Nachkommen austragen können. Man bezeichnet sie als »güst«, also unfruchtbar. Selbst auf dem Markt sind sie wertlos. Eine aussätzige Aue [weibliches Schaf] will niemand haben.«

Ihr Herz ist wie in einem langen Winter gefroren. Ihre Unfruchtbarkeit ist wie eine riesige Bruchlinie, die sich nicht nur durch ihren Körper, sondern durch ihr gesamtes Leben zieht. Als ihr Mann Rab fremdgeht und sich danach ihr Leben mit ihm immer mehr auflöst, als würde sie einer Spule dabei zusehen, wie sich ihr Faden blitzschnell abwickelt, beginnt sie wütend und verzweifelt, Kraft aus der Natur zu ziehen:

»An den meisten Tagen gehe ich zur Küste. Ich sehe zu, wie das Meer kommt und geht, stehe mit Maude [ihre Hündin] da und horche auf die Wellen. […] Ich blicke zum Horizont. Sein zerbrechliches Licht hat nie so weit weg gewirkt, so ungreifbar. Doch während ich atme, spüre ich, dass diese Wellen leise eine tiefe Stärke in mir sammeln und anspülen.«

Als sie sich beide Hände bricht und allein auf dem Hebriden-Eiland, 24 km lang, 0,8 km breit mit 120 voreingenommenen, alteingesessenen Bewohnern zurückbleibt, wird ihre Lage lebensbedrohlich:

»Als mein Magen eines Tages im Garten vor Hunger knurrt und krampft, strecke ich die Hand aus und reiße eine Handvoll Blätter ab. Ich sehe sie mir genau an. Ich frage mich, wie sie wohl schmecken. Zunächst widerstrebt es mir, Blätter zu essen. Zu wild und verzweifelt fühlt es sich an. Doch das Gute ist, dass so viel davon da ist. Es ist beruhigend, eine Nahrungsquelle zu haben, die nie versiegt, solange die Sonne scheint und Regen fällt. […] Das Sammeln der eigenen Nahrung lehrt einen nicht nur, was essbar ist und was nicht, sondern so viel mehr.. Dankbarkeit, Widerstandskraft.«

Auch ihre Gemütslage verschlechtert sich derart, dass sie später in einen Selbstmordversuch mündet:

»Hauptsächlich bewege ich mich am Rande der Erschöpfung. Meine Ehe ist zu Ende, und ich lebe plötzlich allein. […] Ich beiße die Zähne zusammen und tauche ab zu einem Ort, den ich in mir gefunden habe, an dem ich nichts mehr spüre. Der Fachausdruck dafür lautet wohl Dissoiation, doch ich nenne es einfach ›die Schmerzen schlucken‹. Wo auch immer dieser Ort ist, so langsam gefällt es mir hier. Es ist ruhig und friedlich, wie unter Wasser, wenn man im dunklen, stillen, kalten Meer treibt.«

Ihre tiefe Freundschaft zu einer Inselbewohnerin namens Christall, der sie ihr Buch gewidmet hat, bedeutet ihr sehr viel, gibt ihr sehr viel, bis diese tragischerweise verunglückt. Tamsin ergraut über Nacht.

»An manchen Tagen fühle ich mich ihr [Christall] so nahe, als wäre sie in jedem Flügelschlag, in jedem Lichthauch oder raschelnden Blatt. Ich versuche, mit meiner Trauer fertigzuwerden, doch jeden Tag kommt erneut die Welle und überrollt mich, bricht über mich herein. Jeden Tag wird es schwieriger, mit dem leeren Horizont allein klarzukommen. […] Ich bin eine Insel. Ich trage einen Namen. Eine Handvoll Wind ist meine ganze Stimme. Ich übergebe der See die kalte Stille in mir.«

Tamsin beginnt, ihre Welt – teilweise in zunehmend extremer Weise – mit der Natur zu füllen, was – im Gegensatz zum Kontakt mit ihrer eigenen Spezies – für sie etwas Friedliches hat. Denn die Inselbewohner geben ihr auf diskriminierende Weise zu verstehen, dass sie nicht hierher gehört, die Insel nie ihr Zuhause werden wird. Einer der Gründe dafür ist, dass sie aufgrund ihrer asiatisch-südafrikanischen Wurzeln ziemlich dunkelhäutig ist.

»Durch dieses wilde Land, das Meer und den See vor meiner Haustür spüre ich allmählich eine neue Verbundenheit mit der vor Leben strotzenden Erde und der Luft. Ich bin dankbar für mein Essen, jeden Tag aufs Neue. Ich schaffe meine eigenen Rituale, fülle die Leere mit Sinn, der neue Hoffnung in mir weckt. Während ich lerne, was es heißt zu überleben, statt nur zu leben, werde ich plötzlich stärker, meine Haut widerstandsfähiger, meine Hände rauer, ein seltsames Gefühl. […] Ich fühle mich von Meer und Himmel umarmt, verbunden mit beiden. […] Mit der Wildnis fühle ich mich vollkommener und verbundener, als es mir je mit einem Menschen ergangen ist.«

Tamsin gibt nicht auf. Mutig, zäh und ausdauernd beißt sich durch und überwindet das Chaos in ihrem Leben. So wird die kleine Hebrideninsel mit ihrer wilden Schönheit letztendlich – aller Widrigkeiten und Anfeindungen zum Trotz – zu dem Zuhause, das sie sich erträumt hat. Wahrhaft eine Lebensgeschichte, die unter die Haut geht und erst zum Ende hin zarte positive Schwingungen entwickelt:

»Vertrauen ist eine goldene, eindringliche Note. Glück ist ein starker dominanter Akkord, einer der schönsten, den ich kenne. Er birgt die Möglichkeit, Unsicherheiten, Schmerz und Sorgen zu vertreiben, einen fröhlicheren Ausklang nach dunkleren, rastlosen Mollakkorden.«

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Schlagworte: Buchvorstellung
https://ruessel-hoch.de/wp-content/uploads/2020/07/Logo3.png 0 0 Iris Sofie https://ruessel-hoch.de/wp-content/uploads/2020/07/Logo3.png Iris Sofie2026-09-04 07:34:562026-09-10 14:25:37Buchvorstellung – »Elementarwellen«
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