Buchvorstellung – »Wilde Stille«

»Ich kann die Stimme hören,
aber ich weiß nicht, was sie sagt.
Irgendwo tief in meinem Kopf,
ein Geräusch zwischen dem Rauschen des Blutes
und dem Knistern der Synapsen,
ist es ein Klang
oder
ein Gefühl?
Tief und leise,
eine Stimme
wie gesummte Worte …«
Dies ist das zweite Buch der Bestseller-Autorin Raynor Winn, sozusagen einen Fortsetzung ihres Reiseberichts Der Salzpfad, in dem sie von ihrer entbehrungsreichen Wanderung auf dem South West Coast Path berichtete. In Wilde Stille, DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2021, erzählt die Autorin, die inzwischen zu den wichtigsten Nature Writing-Autorinnen Englands gehört, wie es danach weiterging:
»Ich hätte eigentlich im Bett sein sollen, friedlich schlummernd wie der Rest des Landes in den ersten Stunden des neuen Jahres, und nicht auf einer eiskalten Klippe. Doch als ich im Dunkel der Winternacht die Augen aufschlug, verspürte ich dieselbe Unruhe, die mich schon seit Monaten wachhielt, hörte ich dasselbe Flüstern in meinem Kopf, und ich musste einfach raus und …«
Draußen sein, sich in der Natur aufhalten und lange Strecken wandern – das gehört einfach zu Raynor Winns Leben, denn aus der Nähe zur Natur schöpft sie Zuversicht, Selbstvertrauen und die Kraft für die Zukunft. Während Moth sich durch sein Gartenbau-Studium kämpft, das sich wegen seiner unheilbaren Krankheit CBD (Corticobasale Degeneration) äußerst mühevoll gestaltet, kämpft Raynor innerlich:
»Wenn ich nur mit den Veränderungen in unserem Leben genauso umgehen könnte wie er. […] Unser abgerissener, ausgefranster Lebensfaden fügte sich allmählich wieder zusammen, doch irgendetwas nagte an mir und raubte mir meinen Seelenfrieden.
Nicht nur Moths Krankheit, sondern noch etwas anderes, ein dumpfes Gefühl der Verwirrung, wenn ich in den frühen Morgenstunden die Haustür öffnete, um in den Himmel zu sehen, und nur einen schmalen grauen Streifen zwischen der Kirche und der Felswand erblickte. Oder wenn ich auf die Straße ging und mit all den Menschen um mich herum nirgends allein sein konnte. An solchen Tagen folgte ich dem Pfad zu den Klippen, um mein Gesicht in den Wind zu halten und die Macht der Elemente zu spüren: etwas, was sich real anfühlte.
Und die Stimme in meinem Innern wurde immer lauter, wie ein auflandiger Wind, der einen Sturm vom Meer brachte. Oder war es die Stimme meiner Mutter, die ›Ich hab dich ja gewarnt‹ raunte? Schwer zu sagen.«
Vor was gewarnt? »Ich schäme mich für dich. Du hattest so viele Gelegenheiten, einen Bauern zu heiraten. Was willst du denn mit dem? Er besitzt kein Land. Ohne Land wirst du niemals glücklich sein.« Das waren die Worte ihrer Mutter gewesen. Sie blieben ihr im Gedächtnis und kommen jetzt, da ihre Mutter im Sterben liegt, mit aller Macht wieder hoch, zusammen mit den Selbstzweifeln und der Gehemmtheit in Gesellschaft von Menschen. Raynor steigert sich immer mehr hinein, bis Moth zu ihr sagt:
»Wohin bist du verschwunden? Wo ist die starke, entschlossene Frau, die den gesamten Coast Path bewältigt hat, die mich zurück ins Leben gezwungen, mich dazu gebracht hat, jeden Tag aufzustehen und weiterzulaufen? Such nach ihr – ich weiß, dass sie immer noch da ist.«
Raynor findet draußen in der Natur wieder einen Zugang zu ihrem Inneren:
»Ich hatte immer gewusst, was mir die Stimme in meinem Kopf sagte. Es war das Land, die Erde, das tiefe Hintergrundgeräusch meines Daseins. Dort suchte ich Zuflucht, wenn alles andere zerbrach. ich brauchte die Sicherheit, eins mit dem Land zu sein. Ganz tief in meinem Innern war ich auf das Gefühl dieser vollkommenen Geborgenheit ebenso angewiesen wie auf die Luft zum Atmen. Ohne das würde mir immer etwas fehlen. Es war immer das Land.«
Doch nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer endgültigen Ablösung von Kindheit, Familie und Vergangenheit, wächst in Raynor die Angst, ihren geliebten Mann Moth an die Demenz und schließlich an den Tod zu verlieren. Denn seit der Hochphase am Ende ihrer Küstenpfadwanderung geht es gesundheitlich mit ihm bergab. Nicht einmal an die Begebenheit mit den salzigen Brombeeren, einen Moment, der »leuchtend am Baum [ihrer] Erinnerung hing«, konnte er sich entsinnen. Es muss einen Zusammenhang geben, sagt sie sich, eine physikalisch-chemisch-biologische Ursache dafür, dass es ihm während der langen Küstenpfadwanderung besser gegangen war. Was auch immer es war, sie mussten versuchen, diesen Effekt zu wiederholen. Genau an dem Tag, an dem ihnen der Arzt auf einem Computerbildschirm zeigt, wie in Moths Gehirn die »Lichter verglimmen«, erfährt Raynor, dass ihr Reisebericht gedruckt worden ist. Die beiden wollen es mit einer Wanderung feiern, aber:
Raynor: »Ich sehe immer nur dieses Szintigramm vor mir. Diese verlöschenden Lichter.« […]
Moth: »Vielleicht hast du recht und die Lösung liegt hier in unserer Umgebung, in der Natur, in der Wildnis. Wie damals auf dem Coast Path. Möglicherweise brauchen wir einfach ein Stück Land, wo wir die ganze Zeit draußen sein können, aber trotzdem zum Schlafen ein Dach über dem Kopf haben.«
Raynor: »Genau das ist es, aber wo kriegen wir das her? Ach so, nichts leichter als das, wir brauchen ein Wunder.«
Dann legen sie sich rücklings ins Heidekraut. Raynor spreizt die Finger im Grün und spürt die tröstliche Wärme des Bodens. Ein atmendes Wesen unter ihren Handflächen. Auf einmal ist die Stimme wieder da, die sie schon eine Weile nicht mehr vernommen hatte. Nun hört sie die Stimme ganz deutlich, scharf im Wind zwischen den Felsen, sanft im bewölkten Himmel. Ein Band aus Klängen, wie der Schlag des Herzens, der sich in der Abenddämmerung beruhigt.
Nicht lange danach erreicht sie ein Anruf, der das Potenzial hat, ihr ganzes Leben zu verändern: Ein Unbekannter bietet ihnen seine Farm zur Bewirtschaftung an. Aber noch einmal das Risiko eingehen, alles zu verlieren? Werden sie sich auf das Wagnis einlassen und die Farm in Cornwall tatsächlich zu ihrem neuen Lebensprojekt machen? Wie auch immer, eines würden sie auf jeden Fall tun: »Solange Moths Lichter noch leuchteten, würden wir jedes von ihnen feiern und es an seinem Nachthimmel blinken lassen.«
Zum Beispiel auf einer Wanderung in der rauen Wildnis Island. Moth hofft, dass er auf dem Laugavegur-Trail Angst und Schmerzen einen kräftigen Tritt verpassen und seinen Körper fordern kann, wie er es schon einmal getan hat. Er will frei sein in der Umarmung der Natur, will die unsichtbare Barriere durchbrechen, mit der die CBD seine Gedanken und Bewegungen eingeschlossen und sein Leben vakuumiert hat, als sei er ein eingeschweißter Fisch im Supermarktregal. Er hofft, dass sein Körper einen Weg findet, die Defekte zu umgehen und weiterzumachen.
»Die Stimme hinter allem …
… ein Klang über jede Verbindung oder Zugehörigkeit hinaus.
Das Summen der Teilchen,
vibrierende Energie des Lebens.
Die Stimme des
Herzschlags
Pulsierens
des wilden Schweigens
der Erde.
Die Stimme
der …
Heimat.«
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