Buchvorstellung – »Der Ruf der Kalahari«

Da uns Delia Owens Roman Der Gesang der Flusskrebse unglaublich beeindruckt hat, haben wir uns anschließend gemeinsam die fast 15 Stunden packender autobiografischer Erinnerungen von Mark und Delia Owens angehört, wie sie von 1974 bis 1981 Seite an Seite sieben erlebnisreiche Jahre mit Wildtieren in der unwirtlichen Kalahari-Wüste verbrachten. Übrigens, der Name Kalahari leitet sich von dem Tswana-Wort Kgalagadi ab, was Ort ohne Wasser bedeutet und in den spannenden Erzählungen über Löwen, Schabrackenhyänen und viele andere Wildtieren eine überlebenswichtige Rolle spielt.
Wir verstehen nun auch, wie diese Forschungsreise in eines der letzten unberührten Gebiete der Erde – das Deception Valley im Herzen der Kalahari-Wüste in Botswana – zur Inspiration für den Roman Der Gesang der Flusskrebse werden konnte. Denn diese wahren Erlebnisse der beiden Zoologen und Naturschützer zeigen auf eindringliche Weise ihre tiefe Liebe zur Natur, die auch im Roman Der Gesang der Flusskrebse so außergewöhnlich stark zum Ausdruck kommt. Der im Titel genannte »Ruf der Kalahari« bezieht sich auf die typischen Verständigungslaute von Wildhunden der afrikanischen Savanne, auf die der Schabrackenschakale.
Die Originalausgabe des hier vorgestellten Buches Der Ruf der Kalahari, Hörbuch Hamburg Verlag, Hamburg 2024, erschien 1985 unter dem Titel Cry of the Kalahari, wurde ein internationaler Bestseller und erhielt 1985 die John-Burroughs-Medaille – eine Auszeichnung für das beste naturhistorische Buch des Jahres. Zu Recht, finden wir, wir hätten noch ewig zuhören können. Fotos von Delia Owens (Jahrgang 1949), beispielsweise auch von der Hyäne Pepper, die im Buch vorkommt, sind auf der Autorenwebsite zu finden. Nach Afrika lebte sie in den nördlichen Rocky Mountains von Idaho. Die inzwischen 76-Jährige wohnt heute in den Bergen von North Carolina.
Mit nicht viel mehr als einem alten Geländewagen, Fernglas und einem Zelt im Gepäck begeben sich Mark und Delia Owens ein Jahr nach ihrer Heirat in die Wildnis Afrikas – hunderte Kilometer entfernt von Straßen, anderen Menschen oder der nächsten Wasserquelle. In dieser trockenen Einöde, unter einfachsten Lebensbedingungen, erforschen sie begeistert die Tierwelt der Kalahari. Sie wollen herausfinden, wie die Tiere dort überleben können, wie sie sich an das Leben unter diesen rauhen Bedingungen angepasst haben. Mit echtem Pioniergeist und großem Forscherdrang studieren sie das Wander- und Sozialverhalten von Wildtieren, um den Geheimnissen des Lebens in diesem Tal, einem letzten kleinen Stück von Menschen noch unberührter Natur, auf die Spur kommen. Unwillkürlich fieberten wir mit, wenn es für Mensch oder Tier lebensgefährlich wurde. Ein beispielhafter Auszug:
… Wir hatten uns neben einem Gebüsch auf einer kleinen grasbewachsenen Lichtung zum Schlafen gelegt. Wie zwei große, fette Raupen glänzten unsere taubedeckten Nylonschlafsäcke in der Morgensonne.
Aaoouu – ein leises Grollen schreckte mich auf. Langsam hob ich den Kopf und lugte über meine Füße hinweg. Mir stockte der Atem. Es war eine sehr große Löwin, mehr als einhundertfünfzig Kilogramm schwer, und aus meiner Froschperspektive wirkte sie noch gewaltiger. Noch fünf Schritte entfernt, bewegte sie sich auf uns zu. Ihr Haupt schwang hin und her, und ihre schwarze Schwanzquaste zuckte. […] Die Löwin kam näher, ihre breiten Pranken hoben und senkten sich in gleichmäßigem Rhythmus, Tröpfchen funkelten wie Edelsteine in ihrem Schnurrbart, und ihre dunklen Bernsteinaugen waren direkt auf mich gerichtet. […]
»Delia! Schschsch, wach auf! Die Löwen sind da!« Delias Kopf kam langsam hoch, und ihre Augen weiteten sich. Der lange Körper der Katze, der von der Nasenspitze bis zur Schwanzquaste fast drei Meter maß, glitt an unseren Füßen vorbei und auf einen gut drei Meter entfernten Busch zu. Da ergriff Delia meinen Arm und zeigte stumm nach rechts.
Als ich mich leicht umwandte, erblickte ich, etwa vier Schritte entfernt, eine zweite Löwin … dann eine dritte, eine vierte. Das »Blaue Rudel«, neun Tiere insgesamt, war vollzählig um uns versammelt, und fast alle schliefen noch. Wir hatten buchstäblich das Lager mit einem Rudel wilder Kalahari-Löwen geteilt! […]
Hinter ihr [der Löwin Blue] lag Bones, der mächtige Löwenmann mit der zottigen schwarzen Mähne und der runzligen Narbe über dem Knie, Überbleibsel eines überhasteten chirurgischen Eingriffs, den wir vor Monaten in einer finsteren Nacht vorgenommen hatten. Zusammen mit Chary, Sassy, Gypsy und den übrigen mußte er sich irgendwann vor Tagesanbruch zu uns gesellt haben.
Wir erlebten noch viele hautnahe Begegnungen mit Kalahari-Löwen, und nicht immer ging es dabei so freundschaftlich zu. Aber das »Blaue Rudel« hatte uns so vollständig akzeptiert, daß es sich neben uns zum Schlafen ausstreckte.
Das war einer der beglückendsten Augenblicke seit dem Beginn unserer Forschungsarbeit in der Kalahari, mitten in Botswana, im Herzen Südafrikas …
Es gehört schon viel Idealismus, Mut und Durchhaltevermögen dazu, so ein Forschungsprogramm in kompletter Abgeschiedenheit von der Zivilisation unter großen Entbehrungen mit einfachsten Mitteln durchzuziehen, während sie ihre Forschungsergebnisse damals noch mit Stift und Papier notierten, meist kaum etwas zu essen und zu trinken hatten und immer in der Sorge lebten, ob sie noch für ein weiteres Jahr finanzielle Unterstützer finden würden. Doch Mark und Delia Owens durften auch unbeschreiblich nahegehende Naturerlebnisse machen, wie sie niemand sonst erlebt hat. Nicht einmal diejenigen, die schon auf einer Afrika-Safari waren, haben Afrika und seine Wildtiere auf diese intensive Art erleben können – und genau das ist das Einzigartige, was den Reiz dieses besonderen Buches ausmacht.
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