Buchvorstellung – »Taguari«

»Mein Name ist José. Das weißt du doch.« […]
»Der Schamane hat dir diesen Namen gegeben.
Von nun an heißt du bei uns Taguarí. Der Name bedeutet:
Der seine Macht im Wasser hat.« […]
Und was bedeutet der Name des Schamanen?«, wollte ich wissen.
»Etéwa: Der alles sieht«, antwortete Tutex, und ich grinste in mich hinein.
(José und Tutex, S. 85, 86)
Mit Taguarí. Das Leben findet seinen Weg: Die wahre Geschichte des weißen Amazonas-Schamanen, Heyne Verlag, München 2020, Erstveröffentlichung 2013 im Smaragd Verlag (Bücher für eine bessere Welt), tauchte ich als vielseitig interessierte Leserin 432 Seiten lang in eine mir unbekannte, geheimnisvolle und spirituelle Welt ein, die für eine Europäerin nahezu unvorstellbar ist. Angelika Selina Braun erzählt die wahre, schier unglaubliche Geschichte von Don José Ariza.
2015 irrt José als 14-Jähriger tagelang durch den Regenwald Kolumbiens, bevor er von den Piapocos, einem indigenen Stamm, benannt nach dem großen Tukan Piapoco Gargantiblanco (Ramphastos tucanus), gerettet und aufgenommen wird. Zu diesem Zeitpunkt kann er mit der Bezeichnung »Krafttier der spirituellen Welt« noch nicht viel anfangen. Einige Wochen später erklärt ihm die Schamanin Tutex jedoch, dass nach Piapoco-Glauben jeder Mensch drei verschiedene Krafttiere besitzt, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten und helfend zur Seite stehen:
»Das erste Krafttier repräsentiert unsere Persönlichkeit in der materiellen Welt.
Das zweite steht für unsere wesentlichen Charaktereigenschaften im Umgang
mit unserem Nächsten, also für das Ich, das wir nach außen von uns zeigen.
Das dritte Krafttier ist unser Ich in der spirituellen Welt,
der Ebene des erweiterten Bewusstseins.« (Tutex, S. 89)
In den nächsten acht Jahren wird José von den Schamanen Etéwa und Tutex zum Heiler und Schamanen ausgebildet. Inmitten der unberührten Natur und unter dem täglichen Einfluss einer starken psychedelischen [bewusstseinserweiternden] Droge, ein Pflanzensud namens Yagé mit halluzinogener Wirkung (auch unter dem Namen Ayahuasca bekannt), hat er beeindruckende Erlebnisse, die er niemals für möglich gehalten hätte und die sein Leben, ja seine Persönlichkeit, von Grund auf verändern. Er erfährt, dass die heilige Meisterpflanze – ein Sud aus der Liane Banisteriopsis caapi und DMT-haltigen Blättern (wie Psychotria viridis), den Schamanismus am Amazonas schon seit vielen Generationen buchstäblich verkörpert.
»Das Yagé öffnet Türen und nimmt dich mit in andere Dimensionen. Neben der Welt, die du kennst, existieren noch sehr viele anderen Sphären, deren Wesen auf anderen Frequenzen schwingen und daher für das ungeschulte Auge nicht erfassbar sind. Wir Schamanen können diese Welten bereisen, um mit ihren Wesen zu kommunizieren. Dazu müssen wir unser zweites Bewusstsein aktivieren und in unseren zweiten Körper treten. Wir treten dann in einen erweiterten Bewusstseinszustand ein, in dem wir fähig sind, mit allem zu sprechen, was lebt und eine Seele hat.« (Etéwa, S. 153)
»Das kann nur deshalb funktionieren, weil das Trinken von Yagé einem kleinen Tod gleichkommt.«
(Etéwa, S. 155)
»Alles, was in unser Bewusstsein gehoben wird,
kann später geheilt und losgelassen werden.
Bringen wir Licht in unsere Schatten und Bewusstsein in Teile,
die vorher im Unbewussten verborgen waren,
gehen wir ein Stück in Richtung Ganzwerdung,
da auch diese verdrängten Anteile zu unserem integralen Ich gehören.«
(Etéwa, S. 157)
Integrale Therapie, Meditation und Selbstheilung – Raum dafür bietet das Zentrum der Neuen Zeit im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, das von der Autorin geleitet wird. Dabei liegt ihr Fokus auf ganzheitlicher Gesundheit, Yoga, sanfter Körperarbeit und der Aktivierung eigener Selbstheilungskräfte. Denn, davon ist die Autorin überzeugt: In uns selbst finden wir die machtvollste Medizin. Deshalb hat Angelika Selina Braun ein weiteres Buch veröffentlicht: Finde deine eigene Medizin: Ein lichtschamanischer Wegweiser in die neue Zeit.
Es war ein Bandscheibenvorfall, der die ehemalige Leistungssportlerin in Rhythmischer Sportgymnastik dazu brachte, sich auf eine intensive Suche nach der Bedeutung von Krankheit und Heilung zu begeben. Sieben Jahre verbrachte sie in Kolumbien, wo sie bei dem betagten Schamanen Taguarí in die Schätze eines uralten Wissens eingeweiht wurde, vor allem in das Bewusstsein, dass Mutter Natur uns alles zur Verfügung stellt, was wir benötigen, um gesund und glücklich zu leben. Von ihm lernte sie, zu was der Mensch imstande ist, wenn er mit seinen inneren Ressourcen verbunden ist.
Ihr so entstandenes Buch Taguarí wird im Klappentext beschrieben als ein spannendes, inspirierendes Leseerlebnis, das uns tief in die mystische Seele der Natur blicken lässt und zugleich ein Wegweiser zu unseren eigenen verborgenen Kräften ist. Sehr interessant fand ich die Schilderung einer Geburt, bei der die indigene Mutter einen Ausdruck von Genuss und Hingabe in ihrem Gesicht hatte, als sie ihrem ersten Sohn das Leben schenkte. Taguarí erfährt, dass die Geburt für die meisten Frauen der Piapocos, unter anderem wegen diverser schmerzstillender Kräuter, nicht schmerzhaft ist.
> Dies zwingt Taguarí, seine bisherige »Wahrheit«, nämlich dass Geburten zwangsläufig wehtun müssen, zu überdenken. Er fragt sich: Gibt es eine objektive Wahrheit oder ist die Wahrheit von jeweiligen Erfahrungen und kulturellen Hintergründen eines Menschen abhängig – und somit doch sehr individuell und persönlich? Mit der Zeit wird ihm immer klarer: Wir selbst sind die Schöpfer unserer Erfahrungen.
Morgen- und Abendritual
Eines der ersten Rituale, das Taguarí lernt – später wird er mit weiteren wie dem Ritual der Toten oder dem Erdheilungsritual vertraut gemacht – ist der allmorgendliche und allabendliche Sonnengruß. Dabei bedankt er sich für all die Geschenke, die sie jeden Tag schickt, vor allem für das Geschenk des Universums, mit Leben erfüllt zu sein und vor einem frischen Tag voller Möglichkeiten zu stehen. Zudem bittet er die Sonne, ihn während des gesamten Tages mit ausreichend Kraft, Vitalität und Willen zu versorgen, um die Erfahrungen, die er machen wird, meistern zu können. Am Abend bedankt er sich für alle Erfahrungen des Tages, egal, ob sie zunächst positiv oder negativ erscheinen.
> »Dankbarkeit ist das Gefühl des Staunens und der Feier des Lebens«, so formuliert es Robert Emmons, ein derzeit weltweit führender Forscher über Dankbarkeit (Handbook of Positive Psychology 2002). Die Glücksforschung zeigt: Dankbare Menschen sind glücklicher, optimistischer, hilfsbereiter und einfühlsamer.
Die Pflanze Yagé spricht zu Taguarí
Die Schilderung der unterschiedlichen Bewusstheitszustände während der unzähligen Yagé-Räusche, die meist davon begleitet sind, dass sich Taguarí einige Male kraftvoll übergeben muss, werden im Buch ausführlich und phantasievoll beschrieben. Sein Bewusstsein wird auf eine andere, nicht die alltägliche materielle Realität ausgerichtet, in der er besondere Energien, farbenfrohe Bögen, undefinierbare Formen, chaotische Konstellationen und die Musik der Erde wahrnimmt.
»Hör auf, Antworten in der Außenwelt zu suchen.
Finde sie in dir! Hier findest du alles, wonach du suchst«, raunte es in mir.
Ich erinnerte mich daran, dass Tutex mir wiederholt von den
Botschaften des Yagé erzählt hatte, auf die man besonders achtgeben sollte.
Aber war es wirklich möglich, dass der Geist der Pflanze zu mir sprach?
War das, was ich da hörte, nicht vielmehr ein Trick meines Unterbewusstseins,
das mir etwas vorzugaukeln suchte? (Taguarí und die Pflanze Yagé, S. 129/130)
> Bisher konnte Taguarí das Glück seines Daseins nicht in seinem gesamten Umfang erfassen, wie das auch den meisten Menschen in unserer rationalen, kopfgesteuerten Welt ergehen dürfte. Doch nun verspürt er das integrale [umfassende, ganzheitliche] Glück, einen Körper zu haben, mit all seinen Empfindungen und Gefühlen.
»Worte sind schön und gut, aber sie helfen dir nicht sonderlich dabei, ein Schamane zu werden.
Vergiss nicht: Es geht nicht um das Verstehen, es geht um das Fühlen und das Tun!« (Etéwa, S. 186)
Ich versuchte, alle verstandesgelenkten Überlegungen aus meinem Hirn zu verbannen, denn genau das war eine der wichtigsten Eingangslektionen meines Lebens gewesen, die ich als geschriebenes Gesetz durch mein Leben trage: »Ein rationaler Mensch kann kein guter Schamane werden,
da sein ›Warum?‹ ihm immer im Weg stehen wird!« (Taguarí, S. 194)
Taguarí trifft seine Krafttiere
Taguarí gelingt es immer mehr, einen engen Kontakt zur Natur aufzubauen, die Stimme des Waldes zu hören, bis er in der Lage ist, sich mit Pflanzen, Bäumen und Tieren zu unterhalten, zum Beispiel mit dem Vogel Piapoco, der zu seinem persönlichen Wegweiser wird.
Bei schamanischen Traumreisen (Ensueños) erlebt Taguarí sich selbst außerhalb seines Körpers wie aus einer Vogelperspektive, bis er wieder zurück in seinen Körper fällt. Ein Schrecken durchfährt Taguarí, als er das erste Mal in einer anderen Dimension auf sein Krafttier Jaguar trifft, der gut zwei Köpfe größer ist als er und ihm direkt ins Gesicht blickt. Er bekommt das Gefühl, sich wie hypnotisiert in der Tiefe seiner roten Augen zu verlieren. Kurz darauf darf er Etéwa bei Heilungen begleiten und wird dabei selbst zum Heiler ausgebildet, der mit Kräutern arbeitet, aber auch mit der »Medizin des Wortes«. Auch wird er mit den heilenden Kräften, die in Feuer, Wasser und Luft stecken, vertraut gemacht.
> Piapocos glauben beispielsweise, dass bewegte Luft eine heilende Wirkung auf uns Menschen hat. Das steht in krassem Gegensatz zu unserer westlichen Meinung, dass Zugluft krank machen kann.
Bald schon heilt Taguarí seinen ersten Patienten, einen vierzigjährigen Mann, der von einem Leoparden angefallen worden ist, viele blutenden Wunden hat und starken Schmerzen leidet. Bei der Heilung tiefsitzender Krankheiten hilft ihm sein Krafttier Kolibri. Der Vogel kann mit seinem langen Schnabel tief in den energetischen Körper eines Kranken vordringen, um dort mit seiner puren Lichtenergie alles herauszupusten, was die Krankheit hervorgerufen hat.
Zuletzt stellt sich Taguarí auch seiner Angst, die sich als »Umarmung« einer schwarzen Schlange äußert, seinem mächtigsten Krafttier: Es ist die Anakonda, die zum Element des Wassers gehört. »Nutze deine Angst und wandle sie um zu deiner Stärke!«, hört er in seinem Inneren.
Einweihungsritual
Taguarí unterzieht sich dem Einweihungsritual zum Schamanen, bei dem er die Musik der Erde vernimmt und sich wie pure Energie und vollständig eins mit einem Baum fühlt, und diesen erweiterten schamanischen Bewusstseinszustand erreicht er völlig ohne die sonst übliche Einnahme von Yagé!
»Ich, Etéwa, Schamane und Anführer des Stammes Los Piapocos, übergebe dir, Taguarí, hiermit die Macht dieses Stabes in deine Hände. Mögen sämtliche Handlungen, ausgeführt mit diesem Stab, vom Großen Geist gesegnet sein und im Auftrag des Lichts und des Lebens einen Beitrag zum Gleichgewicht unseres Lebensraums beitragen. So sei es. Und so ist es.« (Etéwa, S. 295)
Zuvor schon hat Taguarí einen ähnlich magischen Moment im Wasser verbracht, dem kraftvollen Element seines Namens: Der seine Macht im Wasser hat:
»In diesem Moment des absoluten Glücks erfuhr ich am eigenen Körper,
dass im schamanischen Bewusstseinszustand alles möglich war:
Ich war nicht mehr Mensch,
fühlte mich mit Haut und Gräten,
wie ein Fisch sich fühlen musste.
Gedankenlos tauchte ich unter die Wasseroberfläche.
Hier hörte ich die Musik [die Melodie des Wasser] noch viel eindrücklicher,
und es gab keine bessere Art, ihr zu huldigen,
als meinen Körper zu wiegen und ihn tanzend aussprechen zu lassen,
wofür mein Verstand keine Worte fand.
Lange Zeit war ich so sehr Teil des Wassers, dass ich aufhörte zu atmen.
Als mir dieser Umstand ins Bewusstsein rückte, schreckte ich hoch und fiel,
nicht ganz freiwillig, in die alltägliche Wirklichkeit zurück.« (Taguarí, S. 216)
Später erhält Taguarí vom Schamanen einen Beutel, in dem sein »Verbündeter« ist. Es ist ein silberfarbener Fisch, den er vor einigen Tagen gefangen und dort verstaut hat. Er ist zu Holz geworden, in derselben Form und Größe wie der lebende. Etéwa erklärt ihm, dass dies sein »Beutel der Macht« sei, den er von nun an Tag und Nacht an seinem Körper tragen müsse, damit ihn der Verbündete machtvoll vor seinen Feinden beschützen könne. Er habe die Macht, Taguarí in jegliche äußere Form zu verwandeln, beispielsweise in ein Tier oder einen Stein, ja sogar ihn unsichtbar zu machen.
Das ist noch ehrfurchteinflößender als alle Schutzmantras, die Taguarí zuvor gelernt hat, wie zum Beispiel (übersetzt): Ich befehle dir, nichts Böses zu tun! Und er wird noch viel mehr erleben: das Tao-Mantra, durch das er sich mit gezielter Geisteskraft an jeden gewünschten Ort bewegen kann, das Geheimnis, wie der körperliche Alterungsprozess verzögert werden kann, oder magischen Sex, durch den er eine Menge an Energie aufbaut, die er in sich speichern und für sich nutzbar machen kann. Er erfasst, dass das Männliche das Weibliche braucht, um zu einem Ganzen zu werden, weil alles im Leben Balance braucht und den gleichmäßigen Gebrauch beider Pole, um sich voll und ganz entfalten zu können. Deshalb, so erzählt Don José Ariza der Autorin, haben alle machtvollen Schamanen eine Frau an ihrer Seite, die ihre Energie vervollständigt und in neue, ungeahnte Höhen emporhebt.
Tod
Taguarí lernt, dass der Tod bei den Piapocos als etwas Positives gesehen wird. Er gilt als eine Befreiung, als ein Aufstieg in eine höhere Dimension. Der Tod ist für sie lediglich ein Moment der Formveränderung. Man bewegt sich, in seiner wahren Natur betrachtet, in dieser Sekunde der Transformation immer Gott entgegen. So vollzieht sich der Schritt von einem Leben zum nächsten immer hin zur Liebe und zum Licht. Man löst sich vollkommen aus der Welt der Materie und betritt eine Ebene, in der körperliche Beschwerden und Ängste nicht existieren.
> Das Ritual der Toten bei den Piapocos zielt darauf ab, sich auf den Moment des Todes vorzubereiten. Man glaubt, dass das einzig Unangenehme am Tod durch das ignorante Verhalten des Menschen hervorgerufen wird, durch das angstvolle Wegsehen und dass durch das unvorbereitete Erleben des Sterbens der Tod unnötig zu etwas Schmerzhaften wird.
Am Wasserfall
Der Wasserfall mit dem Papageien auf dem Cover wird im Buch als vollkommene Schönheit beschrieben, von dem eine fast greifbare Wolke der Liebe und des Friedens auszugehen scheint, die in Taguarís Bewusstsein strömt. Sein Körper öffnet sich und nimmt genussvoll die Energie in sich auf. Durch sein Körpererleben begreift er, dass absolute Harmonie möglich ist und wie sie sich anfühlt …
An einem dreißig Meter von den Klippen fallenden Wasserfall, der lautstark in den Fluss Inírida fällt, stellt sich Taguarí seiner blanken Angst, die leise und verhalten seinen Brustkorb emporzuklettern scheint. Er dreht seinen Kopf in Richtung des tosenden Wassers und sieht einen Regenbogen, der aus dem Fluss emporzusteigen scheint und bis in die unendliche Weite des Horizonts reicht, bevor er in den schwerelosen Zustand eines Beobachters fällt. Im nächsten Augenblick erscheint der Kopf mit den hellgrünen Augen der gefürchteten schwarzen Schlange direkt vor ihm. Es fühlt sich so an, als ob sein Herz aufhört zu schlagen und seine Lungen ihre Arbeit niederlegen. Er macht die Augen zu und atmet der Angst entgegen und fühlt plötzlich eine sehr kraftvolle Energie an seiner linken Seite. Als er sich vorsichtig dorthin dreht und die Augen öffnet, erblickt er die Gestalt einer schwarzhaarigen Meeresgöttin, die ihm versichert, dass er sich nicht vor ihr fürchten muss, da sie ihn auf seinem Weg schützend begleite. Ohne jegliche Vorwarnung ändert sie ihre Gestalt zur schwarzen Anakonda, öffnet ihr riesiges Maul, sperrt Taguarí zwischen ihre Eckzähne und springt mit ihm ins eiskalte Wasser. Er sinkt mir ihr hinab in die unendliche Stille und Dunkelheit …
»Es ist nicht so kompliziert, wie du denkst, Taguarí.
Vergiss nicht: Alles im Leben ist leicht.
Nur die Menschen verkomplizieren es,
weil sie zu viel denken!«
(Etéwa, S. 336)
Schon längst hatte mein Verstand als Leserin aufgegeben, die unbekannte, geheimnisvolle und spirituelle Welt der Schamanen erfassen zu wollen. Konnte es überhaupt noch eine Steigerung dessen geben, was ich auf den bereits gelesenen Seiten des Buches miterleben könnte? Ja, die Endprüfung Taguarís, die ebenfalls am Wasserfall stattfindet: Die Konfrontation mit dem Tod.
Viele Stunden sitzen sie am Feuer, halten sich in den Armen und würdigen gemeinsam die tiefe Verbindung der Liebe, die über Raum und Zeit und alle sonstigen Grenzen menschlichen Seins meilenweit hinausragt. Etwas Wahrhaftiges. Etwas, was ihre tiefste Essenz berührt. Am nächsten Morgen steht Taguarí auf der fünfzig Meter hohen Klippe des Wasserfalls und nimmt die Energie des erhabenen Moments in sich auf. Einige strahlend bunte Papageien ziehen krächzend an seinem Kopf vorbei und zaubern für ein paar Sekunden die Erinnerung an die Heiterkeit, die Farbenfreude und das wohlige Gefühl der Leichtigkeit in Taguarís Sein. Er ist sich sicher: Er wird die Endprüfung bestehen.
»Der Aufprall wird [deinen] physischen Körper in viele Einzelteile zerlegen.
[Deine] Aufgabe wird es sein, in [deinem] zweiten Körper dem Licht entgegenzureisen
und [dich] mit den Seelen unserer Vorfahren zu treffen, […]
Später [findest du] dann die Fragmente [deines] Körpers,
[flickst] sie mit Geisteskraft wieder zusammen
und [kommst] zurück zu uns ins Lager.«
Fasziniert und gleichzeitig voller Angst beobachtet Taguarí, wie der Körper seines schamanischen Lehrers pfeilschnell nach unten rast und unter ihm eine riesige weiße Wolke formt, die seinen Aufprall in den Fluss meldet. Die Wasserwolke steigt langsam zu ihm hinauf und projiziert einen wunderschönen Regenbogen, der sich langsam nach links wegbewegt und dann auflöst. Dann springt er selbst in den Tod.
Der Tod der Schamanen ist hier nicht symbolisch gemeint, sondern vollkommen real. Er ist das große Finale, das unter Beweis stellt, dass der Geist nun vollkommen über den Körper herrscht, dass der Tod mit einem erweiterten Bewusstsein überwind- und umlenkbar ist.
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