Buchvorstellung – »Schillerhöhe«

Schillerhöhe (Gerlingen)
Die Bezeichnung Schillerhöhe verbinde ich gedanklich zuerst mit dem Ort, wo ich aufgewachsen bin. 1937 beschloss der Gerlinger Gemeinderat, die in den 1930ern entstandenen Häuser um das Kurhaus Schillerhöhe (heute Waldrestaurant Schillerhöhe) auch offiziell als Ortsteil Schillerhöhe zu bezeichnen. In einem dieser Schillerhöhe-Häuser lebte ich bis 1987.

Das Bronzerelief zeigt Friedrich Schiller bei der ersten Lesung seines Schauspiels Die Räuber vor Freunden im Stuttgarter Bopserwald nach einer Zeichnung von Schillers Mitschüler Victor Heideloff. Friedrich war unter sechs Kindern der einzige Sohn von Johann Kasper Schiller, der 1796 auf Schloss Solitude verstarb, das von 1858 bis 1942 zur Gemeinde Gerlingen gehörte. Friedrichs Vater, welcher Offizier und Hofgärtner von Herzog Carl Eugen von Württemberg gewesen war, wurde an der Petruskirche in Gerlingen beigesetzt.

Auch Friedrich Schiller verbrachte einige Zeit als Eleve (Student) auf der Solitude, wo er auf herzoglichen Befehl und gegen den Willen der Eltern am 16. Januar 1773 in die herzogliche Militärakademie, die spätere Hohe Karlsschule, eintreten musste. In dieser Eliteschule für Söhne angesehener württembergischer Familien studierte Friedrich bis 1780, zunächst Jura, dann Medizin.

auf dem Schillerstein der Schillerhöhe in Gerlingen, Baden-Württemberg | © Oliver Bayer
Das Medaillon basiert auf dem Profilbildnis, das Johann Heinrich Dannecker im Jahr 1794 von Schiller schuf, der ihn als Apoll, den Gott der Musen, stilisierte. Der Lorbeerkranz im Haar symbolisiert Ruhm. Den Rahmen des ursprünglichen Bildnisses zierten ein Schwan, der dem Apoll zugeordnet war, und eine Lyra, das Symbol der Dichter und Denker, aus dem sich später der Begriff Lyrik entwickelte.

ausgehend vom Schlossberg der Gerlinger Schillerhöhe, alle Menschen weit im Land zur Vernunft mahnt | © Oliver Bayer
[Der Löwe wurde 1953 als Mahnmal für die im Krieg Gefallenen vom späteren Ehrenbürger Professor Fritz von Graevenitz
auf der historischen Stätte der alten Burg Richtenberg auf einer Höhe über Gerlingen errichtet, die heutige Schillerhöhe.]
Der für seine Hausaltäre
Kämpfend sank, ein Schirm und Hort,
auch in Feindes Munde fort
Lebt ihm seines Namens Ehre.
Drum erhebe frohe Lieder,
wer die Heimat wiedersieht,
Wem noch frisch das Leben blüht!
Denn nicht alle kehren wieder.
Ode von Johann Christoph Friedrich Schiller
(* 10. November 1759 in Marbach am Neckar; † 9. Mai 1805 in Weimar)
Schillerhöhe (Marbach am Neckar)
Nun zur Schillerhöhe in der Stadt Marbach am Neckar, der Geburtsstadt Friedrich Schillers, die seit 2022 zusätzlich auch die offizielle Bezeichnung Schillerstadt führt, wo sich der hier vorstellte 274-seitige Schiller-Krimi Schillerhöhe, Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2009, von Oliver von Schaewen abspielt. Neben dem Deutschen Literaturarchiv, dem Schiller-Nationalmuseum, das baulich Schloss Solitude nachempfunden ist, dem Literaturmuseum der Moderne und der Marbacher Stadthalle befindet sich auf der Schillerhöhe ein Denkmal des berühmten deutschen Dichters.
In den Erstlingsroman des Redakteurs der Marbacher Zeitung ist einiges von ihm selbst eingeflossen, beispielsweise lebt er selbst wie der ermittelnde Kommissar in seinem Krimi als Westfale unter Schwaben, und höchstwahrscheinlich ist auch ein bisschen Eigenerfahrung bei dieser Szene dabei, die in der Redaktion des fiktiven Marbacher Kuriers spielt:
»Herr Santos, ich bräuchte Sie für eine wichtige Geschichte«, meinte Zorn mit argloser Miene. Er blies den Zigarrenrauch diesmal rücksichtsvoll in Richtung Decke. »Rellink, unser Feuilletonist, hat sich krankgemeldet. Können Sie heute Abend eine Lesung im Schlosskeller übernehmen? Ich plane mit 80 Zeilen und einem Bild mit Erika Scharf. Sie wissen schon, diese Ossi-Schreiberin, die jetzt gerade durch die Republik tourt, nachdem einige dieser abgedrehten Literaturexperten sie in den Himmel gehoben haben.« Luca Santos schluckte. Inständig hatte er gehofft, dass er nicht doch noch einen Abendtermin verpasst bekam.
Diese Lesung war freilich nicht irgendein Termin, mit Erika Scharf kam eine ambitionierte Schriftstellerin. Sie galt als eine Frau mit einer wunderbaren Ausstrahlung, die es verdient hätte, zu den ganz Großen der gesamtdeutschen Literaturgeschichte gezählt zu werden. Aber tatsächlich hatte sie erst jetzt, im reifen Alter von etwa 70 Jahren, den Durchbruch geschafft. Viel zu lange hatte sie ihre Manuskripte in der Schublade gelassen. Erst jetzt, 20 Jahre nach dem Mauerfall, wagte sie sich an das Licht der Öffentlichkeit – und ihr erster Roman, entstanden aus einer Sammlung lange gehegter Tagebucheinträge aus ihrem Leben in der ehemaligen DDR, zeigte ihre Größe.
Eine solche Gelegenheit, sich beim Marbacher Kurier zu profilieren, konnte der Praktikant auf keinen Fall ablehnen. »Na klar, die 80 Zeilen sind fix«, hörte er sich antworten. »Schön, mein Junge. Sie wissen ja, wie man solche Sachen anpackt: Kein Germanistengesäusel ‐ wir wollen den Menschen kennenlernen.«
Der obige Auszug bildet den Auftakt bzw. geschichtlichen Hintergrund des Schillerkrimis, der sich um eine Leiche im Keller des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar dreht, in dem die Nachlässe renommierter Schriftsteller aufbewahrt werden. Das Opfer ist Dietmar Scharf, Ehemann und geschäftlicher Manager der bekannten Autorin Erika Scharf, die am Abend zuvor im Marbacher Schlosskeller gelesen hat.
Am Tatort steht der Stuttgarter Kriminalkommissar Peter Struve, der an einer Stelle des Krimis als »Elefant im Porzellanladen« betitelt wird, vor einem Rätsel: Warum wurde er mit Pfeilen aus einer Armbrust-Schussanlage getötet? Was soll der Apfel neben der Leiche als offensichtliche Anspielung auf den Tyrannenmord in Schillers Wilhelm Tell?
»Der Apfel neben dem Opfer könnte eine Art Unterschrift sein«, vermutete seine Kollegin. »Vielleicht wollte der Täter damit etwas mitteilen.«
»Gut möglich«, stimmte der Kommissar zu. »Er wollte die Schillerstadt sozusagen herzlich grüßen.«
»So habe ich es nicht gemeint«, entgegnete Melanie Förster. »Ich wollte damit sagen, dass der Apfel ein Symbol für Befreiung von Tyrannei ist. Möglicherweise sieht sich der Täter als Befreier.«
Struve zuckte mit den Schultern. Er wollte nicht zugeben, dass er Schillers Wilhelm Tell gar nicht so richtig kannte.
Das dürfte vielen Leser/innen auch so gehen, doch tiefere Literaturkenntnisse sind auch nicht notwendig, um den Ermittlungen folgen zu können. Mir persönlich hätte in diesem Schiller-Krimi ein bisschen weniger journalistisch-sachliche Thematik und mehr literarisch-sprachlicher Tiefgang besser gefallen.
In einem Interview erzählte Oliver von Schaewen, dass er den entscheidenden Schreibimpuls von einer Schriftstellerin bekam, die zum Ausdruck gebracht habe, dass sie das Schreiben für eine Zeitung als einseitig empfände; das habe ihm zu denken gegeben. Es muss ihm Spaß gemacht haben, diesen Kriminalroman zusammenzuschmieden, denn inzwischen hat sich der Journalist weitere Schiller-Krimis ausgedacht, in denen Peter Struve ermittelt: Räuberblut (2010), in dem es dann doch von Schillerzitaten, vor allem aus Schillers Drama Die Räuber, nur so wimmelt, Glockenstille (2014), in dem Schillers Glocke und sein Gedicht Das Lied von der Glocke kräftig läuten, und Liebestrug (2020), in dem sich der Autor an Schillers Drama Kabale und Liebe und eigene Liebeslyrik heranwagt.
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