Fotoausflug – WIEN in fünf Tagen / 5 Es lebe der Zentralfriedhof
Es lebe der Zentralfriedhof
Und olle seine Toten …
(Wolfgang Ambros, österreichischer Liedermacher und Rock-/Popsänger)



Mit seinen um die 330.000 Grabstellen mit etwa drei Millionen Verstorbenen ist der Wiener Zentralfriedhof der größte Friedhof in Europa. Er hat mehr Einwohner unter der Erde als ganz Wien über der Erde. Es gibt Tage, da gibt es von Halle 1 aus mit mehreren Beerdigungsräumen von 8 bis 15 Uhr alle 30 Minuten eine Beerdigung.
Mit einer Fläche von fast zweieinhalb Quadratkilometern kommt der Zentralfriedhof im 11. Wiener Gemeindebezirk gleich nach jenem von Hamburg-Ohlsdorf mit fast vier Quadratkilometern. Wegen des weitläufigen Areals, der hohen Dichte von Ehrengräbern und der Jugendstil-Bauwerke zählt der Zentralfriedhof zu den besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt Wien.
Den Einheimischen dient die Totenstätte nicht nur als letzte Ruhestätte, sondern auch als Naherholungsgebiet. Es ist ein Naturparadies mit hoher Biodiversität. Mit über 1.000 erfassten Tier- und Pflanzenarten, darunter Rehe, Füchse, Feldhasen und Fasane, bietet er Lebensraum für viele Wildtiere in der Stadt.







Den Wienern wird ein besonderes Verhältnis zum Tod nachgesagt. Davon zeugen unter anderem viele Lieder, die schonungslos vom Sterben handeln wie auch dieses hier:
Da droben auf der goldenen Himmelbastei
Da sitzt unser Herrgott ganz munter
Und trinkt a Glas Wein oder zwei oder drei
Und schaut auf die Wiener Stadt runter
Die Geister, die geistern bei ihm umeinand
Ja, er hat’s in der Hand jederzeit
Das Glück und das Unglück, den Tod und die Schand
Und die Lieb und den Zorn und den Neid
Und den Geiz und die Gier und die Gall und die Gicht
Ja, da gibt’s eine sehr große Schar
Wie die Geister dort ausschau’n, also das weiß ich nicht
Aber eines ist mir völlig klar
Der Tod, das muss ein Wiener sein
Genau wie die Lieb a Französin
Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür?
Ja, da hat nur a Wiener das G’spür dafür …
(Georg Kreisler, Meister des schwarzen, oft makabren und apokalyptischen Chansons)
Dieser morbide Klassiker von Georg Kreisler gilt als eine Hommage an die ganz eigene, spezielle Wiener Mentalität und ihren unverwechselbaren Humor, den sogenannten »Wiener Schmäh«, der als Galgenhumor oft auf der Grenze zwischen Charme, Melancholie, Sarkasmus und liebevoller Bosheit balanciert und dazu dient, mit einem Augenzwinkern den grantigen Alltag etwas erträglicher zu machen.






Wenn die Wiener sagen »er hat den 71er genommen«, wenn jemand gestorben ist, bezieht sich das auf die Straßenbahnlinie 71, die direkt zum Wiener Zentralfriedhof führt. Ein pompöses Begräbnis (»a schöne Leich«) hat in Wien Tradition. Bestatter heißt auf Wienerisch Pompfüneberer. Die Wiener Bestattungstradition mit aufwendigen Zeremonien, Kutschen und Musikkapellen, wurde sogar in das Verzeichnis des immateriellen UNESCO-Kulturerbes aufgenommen. Da der Tod als wichtiger Teil des Lebens angesehen wird, ist eine schöne Leich, also eine würdevolle Beisetzung, wichtig.
Der Tod ist unvermeidlich, also feiern wir ihn – dieser Ausdruck einer Lebenshaltung, mit der die Wiener den Tod als ständigen Begleiter zelebrieren, ist weltweit einzigartig. Der offene Umgang mit dem Tod prägt die österreichische Musik, Kunst und Literatur und zeigt sich durch schwarzen Humor bzw. einem Hang zur Morbidität, aber auch durch tiefe Melancholie und die enge Verwobenheit mit der Wiener Seele.






Rechts: Franz Schubert – Wiener Zentralfriedhof | © Iris Sofie Bayer

Das Wiener Bestattungsmuseum, das wir besuchen wollten, hat nur an bestimmten Tagen geöffnet, sodass wir leider nicht mehr über Trauerkultur, skurrile Begräbnisrituale und historische Särge erfahren konnten. Dennoch war für uns der Besuch des Wiener Zentralfriedhofs ein weiterer Höhepunkt unserer Wienreise. Als Naturidylle schenkte er uns eine Ruhe und innere Einkehr, die wir nach den vorangegangenen städtischen Sightseeing-Touren als besonders wohltuend empfanden.








Rechts: Johann Ritter von Herbeck (1831-1877), österreichischer Dirigent und Komponist, Kapellmeister der
Wiener Hofoper, begründete auch den Wiener Singverein (Konzertchor des Wiener Musikvereins) | © Iris Sofie Bayer



Wiener Zentralfriedhof | © Iris Sofie Bayer


Hier ruhen alle sieben bisher verstorbenen Bundespräsidenten der Zweiten Republik Österreich mit Ehegattinnen.
Ich schließe all die Eindrücke vom Wiener Zentralfriedhof mit einem »echten Wienerlied« ab:
Er hat an Abgang g´macht.
Er hat die Patsch´n g´streckt.
Er hat a Bank´l g´rissn.
Er hat se niedag´legt.
Er hat se d´ Erdäpfel von unt´ ang´schaut.
Er hat se sozusagn ins Holzpyjama g´haut.
(Roland Neuwirth, österreichischer Autor, Sänger und Komponist)
Bevor es Zeit für den »Holzpyjama« ist, genießen Oliver und ich unseren Lebensabend in vollen Zügen. So fand unsere fünftägige Wienreise an diesem Abend ihren krönenden Abschluss, indem wir auf einer Tanzparty der Tanzschule Immervoll in Wien einige schwungvolle Wiener Walzer und viele weitere Tänze aufs Parkett legten. Das wundervoll perlende Gefühl des Lebendigseins bot uns Tanzmäusen einen reizvollen Kontrast zur Totenstille des Wiener Zentralfriedhofs.
Mein letztes Exemplar des Paris-Romans Der Elefant des Sonnenkönigs ging an die Dame am Empfang, die uns auf wienerische Art besonders freundlich begrüßte, sodass wir uns in diesem »Tanzreich« sofort herzlich willkommen fühlten. Wie schön zu wissen, dass einige Exemplare meines schöpferischen Werks, in dem es um die Kostbarkeit unserer Lebenszeit geht, in Wien verweilen werden!


Noch ein kleiner Überblick, in welchen Wiener Bezirken wir unterwegs waren:
14. Bezirk Penzing (unsere Ferienwohnung, Tanzschule Immervoll)
13. Bezirk Hietzing (Schlossareal Schönbrunn)
11. Bezirk Simmering (Fiakerpferdeställe, Zentralfriedhof)
9. Bezirk Alsergrund (Freudrunde)
3. Bezirk Landstraße (Hundertwasserhaus, Schloss Belvedere)
2. Bezirk Leopoldstadt (Wiener Prater)
1. Bezirk Innere Stadt (alle anderen von uns besuchten Wiener Sehenswürdigkeiten)
Hier könnt ihr noch die Fotos sehen, die wir auf der Heimreise in Prag an der Moldau gemacht haben.
Wenn euch der Beitrag gefallen hat, würde ich mich über einen Kommentar von euch sehr freuen. Ihr könnt euch gern zu meinem monatlichen Newsletter anmelden.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!