Fotoausflug – WIEN in fünf Tagen / 4 Vom lieben Augustin
Ei, du lieber Augustin …
Sigmund Freund – Kaiserliche Schatzkammer – Michaelerplatz – Nationalbibliothek – Griechenbeisl

goldfarbene Doppeladler historisch typisch für die Stadt Wien war, Griechenbeisl, 1. Bezirk, Wien | © Oliver Bayer
Ein legendärer Wiener ist weit über die Stadtgrenzen hinaus bekanntgeworden, was insbesondere dem wesentlich später (um 1800) entstandenen Volkslied Oh, du lieber Augustin zu verdanken ist. Der »liebe Augustin« bzw. Marx Augustin (1645-1685) war ein Spielmann, Sackpfeifer, Bänkelsänger, Stegreifdichter, doch vor allem ein Wiener Original. Als stadtbekannter Kauz, der für seinen unverwüstlichen Humor bekannt war, musizierte er in Kneipen und ließ das erspielte Geld gleich dort im Schankraum.
Zur Legende wurde Augustin in finsteren Zeiten, als in Wien eine schreckliche Pest wütete. Einmal hatte er sich einen tüchtigen Rausch angetrunken, sodass die Siechknechte den auf der Gasse Schlafenden für tot hielten und die Schnapsleiche zusammen mit den Pestleichen auf ihren Sammelkarren luden und in die Pestgrube warfen. Das gab anderntags ein böses Erwachen. Jedoch entstieg der Unverwüstliche dem Massengrab »pumperlgsund« und wurde so zu einem Symbol der Hoffnung. Seit damals gilt: Ein echter Wiener geht nicht unter. Die Figur des lieben Augustin wurde zum Inbegriff dafür, dass sich mit Humor alles überstehen lässt.
Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Geld ist weg, Mäd‘l ist weg,
Alles hin, Augustin.
Oh, du lieber Augustin,
Alles ist hin.
In so einer trostlosen Gemütslage dürften sich wohl viele Patienten des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud (1856-1939) befunden haben, dessen Lebensspuren wir an diesem vierten Tag im 9. Gemeindebezirk von Wien folgen wollten.
Gestern waren wir noch den Spuren eines berühmten Wiener Elefanten nachgegangen, heute würden wir den Spuren des inneren Elefanten folgen, unserem Unbewussten. Das tat nämlich Sigmund Freud, der fast 80 Jahre seines Lebens in Wien verbrachte und dabei die Psychoanalyse begründete, eine Theorie über unbewusste psychische Vorgänge und zugleich psychotherapeutisches Verfahren, um unbewusste Konflikte bewusstzumachen, zu verarbeiten und so die Ursachen psychischer Probleme aufzulösen.


Sigmund Freud, ein österreichischer Arzt, Neurophysiologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker, ist der Begründer Psychoanalyse und gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Er begann 1873 sein Medizinstudium an der Universität Wien und promovierte 1881 zum Doktor der Medizin. Die heutige Medizinische Universität Wien (MedUni Wien) ist aus der medizinischen Fakultät hervorgegangen, an der Freud damals studierte.
Aber was hat die Sisi-Statue, die ich am Westbahnhof Wien fotografierte, mit Freud zu tun?
Kaiserin Elisabeth (Sisi) und Sigmund Freud sind sich zwar nie persönlich begegnet, dennoch waren ihr seine medizinischen Forschungen bekannt. Freud experimentierte in den 1880er-Jahren mit Kokain und pries es als Wundermittel gegen Depressionen, Melancholie und Erschöpfung. Historische Quellen belegen, dass die stark depressive Kaiserin – in der modernen Psychologie als sogenannte agitationelle Depression eingeordnet – seine Ratschläge aufnahm und Kokain in ihrer Reiseapotheke mitführte, um es intravenös gegen ihr Leiden anzuwenden.
In der modernen Psychologie, die auf Freuds Lehren aufbaut, werden Kaiserin Sisis extrem körperbetonter Schlankheitswahn, ihre Reisesucht, Hyperaktivität und ihre tiefen Stimmungsschwankungen als psychosomatische Bewältigungsversuche ihres unglücklichen Lebens am Wiener Hof gedeutet. Als hochsensible Person (HSP) litt sie extrem unter den starren, veralteten Konventionen und Zwängen des Kaiserhofs.


Der Narrenturm wurde 1784 unter Kaiser Joseph II. als weltweit erste Spezialanstalt zur Unterbringung von psychisch Kranken eröffnet. Heute beherbergt der fünfstöckige Rundbau die Pathologisch-anatomische Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien.


fotografiert in Schaufenstern auf dem Weg zum Sigmund Freud Museum in Wien | © Iris Sofie Bayer

1971 wurde in Freuds langjähriger (1891-1938) Wohnung und Praxis das Sigmund Freud Museum eröffnet.


Rechts: Thailändische Lampe gegenüber vom Sigmund Freud Museum | © Iris Sofie Bayer
Während ich schon vor dem Sigmund Freud Museum stehe, überlegt sich Oliver höchstwahrscheinlich gerade, ob er sich im Café Göttlich & Freud etwas Leckeres gönnen soll. Gegenüber entdecke ich eine Wandleuchte in thailändischem Stil, die sofort meine Phantasie anregt, weil ich darin einen goldfarbenen Phönix erkenne. Sie hat auf jeden Fall die Form eines mythischen Vogels. Buddha soll als so ein goldener Hongsa (möglicherweise ein mythischer Schwan) wiedergeboren worden sein. Die geschwungene Figur ziert of Dächer von Tempeln und steht für die befreite Seele, Reinheit, Transformation und das höchste Ziel – die Erleuchtung. Da er hoch in den Lüften fliegt und sich frei zwischen den Welten bewegen kann, repräsentiert Hongsa die Loslösung von irdischen Fesseln, den Aufstieg des Geistes sowie die Weisheit, die Wahrheit von der Illusion zu unterscheiden und das Gute vom Bösen zu filtern.
Wie passend, denke ich, ob sich die Menschen, die in Freuds Praxis behandelt wurden, danach wie »göttlich erneuert« aus Schutt und Asche erhoben?
Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Rock ist weg, Stock ist weg,
Augustin liegt im Dreck,
Oh, du lieber Augustin,
Alles ist hin.
Die zweite Strophe des spöttischen Wiener Lieds beschreibt Augustins totalen finanziellen und gesellschaftlichen Ruin: Rock (Jacke/Kleidung) und Stock (Dudelsack) sind weg. Er hat seine letzten Habseligkeiten und Werkzeuge verloren oder beim Pfandleiher versetzt. Augustin liegt im Dreck: Er ist völlig verarmt und am absoluten Tiefpunkt angelangt.
Der Legende nach entstand das Wiener Volkslied während der großen Pest von 1679, an welche die Pestsäule am Graben in der Wiener Innenstadt erinnert. (Ja, genau dort, wo früher das Wiener Elefantenhaus stand.) Der gesamte Liedtext ist ein Paradebeispiel für den typischen Wiener Galgenhumor, mit dem man auch schon mal in seinem Wunschsarg probeliegt: Trotz des Verlusts aller materiellen Güter und der Bedrohung durch die Seuche behält Augustin seine Zuversicht.

Wir machten uns auf den Weg zur Kaiserlichen Schatzkammer. Ich hatte im Voraus ein Ticket für 9 Uhr gebucht – in der Zuversicht, die prächtige Schätze im Original zu sehen, unter anderem viel Originalschmuck von Kaiserin Sisi.
Doch oh, du lieber Augustin, das Beste war dahin …



Kaiserliche Schatzkammer Wien | © Iris Sofie Bayer

Kaiserliche Schatzkammer Wien | © Iris Sofie Bayer

(Mehr Originalschmuck von ihr gab es nicht zu sehen. Schade.)


Kaiserliche Schatzkammer Wien | © Iris Sofie Bayer




Die prunkvolle Wiege war ein Geschenk der Stadt Paris anlässlich der Geburt des Thronfolgers Franz Karl am 20. März 1811 und ist reich mit Symbolen wie Bienen (dem persönlichen Emblem Napoleons), Füllhörnern und einem Adlerjungen geschmückt. Für die Herstellung des Prunkmöbels wurden über 280 Kilogramm Silber verwendet, zusätzlich zu Seide, Samt und Perlmutt. Bekrönt wird die Wiege von der geflügelten Siegesgöttin.


Kaiserliche Schatzkammer Wien | © Iris Sofie Bayer
Die Originalschätze zusammen mit den Gemälden in der Kaiserlichen Schatzkammer Wien lassen die glanzvolle Zeit der Kaiserinnen und Kaiser vor dem inneren Auge wiederauferstehen. Überhaupt spürt man den Flair der vergangenen Kaiserzeit nirgends so sehr wie in der Hauptstadt Österreichs. Wien ist auf jeden Fall eine Reise wert. Die Pracht zeigt sich auch in berühmten Gebäuden, die wir bei unserem Stadtrundgang passieren:




Die im Verhältnis zum Elefanten überdimensionale Ratte fand Verwendung in einem
düsteren Endzeitszenario von Gerhard Hauptmanns Tragikkomödie »Die Ratten«.
Rechts: Reichskanzleitrakt der Wiener Hofburg mit Sisi-Museum | © Iris Sofie Bayer


Rechts: Gerahmte Reproduktion eines Porträts von Kaiserin Elisabeth (Sisi)
in ihrem Hofgala-Kleid mit den berühmten Diamantsternen im Haar




Für die freundliche Beschreibung des Weges zu den Pferdeställen der Spanischen Hofreitschule – der ging nämlich genau in die entgegengesetzte Richtung, als der Pfeil auf obigem Foto anzeigt – übergab ich ein weiteres Exemplar meines Romans Der Elefant des Sonnenkönigs, eine in Paris spielende Kriminal- und Liebesgeschichte. Mein Geschenk wurde voller Begeisterung entgegengenommen, was mein Herz freudig stimmte.

Die Stallburg ist als Teil der Wiener Hofburg ein historisches Renaissancegebäude mitten im Zentrum von Wien.



spielen live direkt vor der Wiener Hofburg – ein musikalischer Hochgenuss | © Iris Sofie Bayer


Die 1996 erschaffene markante Bronzeskulptur von Prof. Gottfried Kumpf (1930-2022), die im Volksmund als Babyelefant bekannt wurde, da sie symbolisch für die damalige österreichische Babyelefant-Abstandsregel stand, hat der Künstler testamentarisch dem Museum vermacht.


Rechts: Pferdemusiker auf dem Maria-Theresien-Platz im MuseumsQuartier, Wien | © Iris Sofie Bayer
Die Pferdemusiker gehören seit vielen Jahren zum Bild der Wiener Straßenkunst, inzwischen mit Kultstatus.

(Das Denkmal von Maria Theresia (1717-1780), einer prägenden Monarchin des aufgeklärten Absolutismus,
ist mit einer Höhe von 20 Metern das imposanteste Herrscherdenkmal der Habsburgermonarchie.)


Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Und selbst das reiche Wien,
Hin ist’s wie Augustin;
Weint mit mir im gleichen Sinn,
Alles ist hin!
Im Laufe von zweitausend Jahren bewegter Stadtgeschichte hat sich um Wien und seine Bewohner ein reiches Rankenwerk von Volkslegenden gelegt. Einige – wie die Legende von Augustin (Ach, du lieber Augustin bedeutet eigentlich Ach du lieber Gott) – leben bis heute fort, andere finden Suchende nur noch in den Archiven der Österreichischen Nationalbibliothek, deren Prunksaal uns tief beeindruckt hat.






Die Statue zeigt Kaiser Karl VI., der als Hercules Musarum (Herkules der Musen) dargestellt wird, also als Förderer der Künste und Wissenschaften.


Die gegenwärtige Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek steht unter dem Motto Weltmacht Liebe – Eine Reise durch die Jahrhunderte.
Es wird neben dem handschriftlicher Brief von Sigmund Freud zu seiner Abhandlung über Narzissmus (ausgeprägte Selbstliebe) auch Interessantes zu weltbekannten historischen Liebespaaren wie Abaelard und Heloise gezeigt. Da passt es gut, dass an eine freundliche Dame der Österreichischen Nationalbibliothek ein weiteres Exemplar meines Romans Der Elefant des Sonnenkönigs geht, der Geschichten über berühmte Pariser Liebespaare wie Paris & und die schöne Helena, Quasimodo & Esmeralda, Amor & Psyche, Auguste Rodin & Camille Claudel, Napoléon & Joséphine sowie das eben schon genannte Liebespaar Abélard & Héloise enthält.


Ein weiterer unvergesslicher Tag in Wien neigt sich dem Ende zu. Wir beschließen, ihn in Wiens ältester Gastwirtschaft (wienerisch Beisl) ausklingen zu lassen. Seit 550 Jahren bewirtet das Griechenbeisl – zwischenzeitlich hieß es auch schon Gasthaus zum gelben Adler (siehe Titelfoto) oder Zum Goldenen Engel – seine Gäste, darunter auch der liebe Augustin!
Viele berühmte Persönlichkeiten haben hier schon gespeist und sich mit einem Autogramm im Mark-Twain-Zimmer verewigt – neben Stammgast Mark Twain (1835-1910) auch Mozart (1756-1791), Beethoven (1770-1827), Otto von Bismarck (1815-1898), Hans Moser (1880-1964), Egon Schiele (1890-1918), Johnny Weissmüller (1904-1984), Johnny Cash (1932-2003), Luciano Pavarotti (1935-2007) und Phil Collins (1951-).

(Unterschrift von Wolfgang Amadeus Mozart beispielsweise zentral in der Mitte zu sehen)



Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Jeder Tag war ein Fest,
Und was jetzt? Pest, die Pest!
Nur ein groß‘ Leichenfest,
Das ist der Rest.
Oh, du lieber Augustin, Augustin, Augustin,
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Augustin, Augustin,
Leg‘ nur ins Grab dich hin!
Oh, du lieber Augustin,
Alles ist hin!
Passend zum berühmten Wiener Volkslied haben wir an unserem fünften Tag in Wien auf dem Zentralfriedhof fotografiert.
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