Elefantöses – Wie spielen Elefanten?

»Man hat gesehen, wie Elefanten schlammige Hänge hinunterrutschen, manche auf dem Bauch, manche auf den Hintern. Man könnte sagen, dass [… Tiere …] alltägliche Aktivitäten ausschmücken, Reflexe und Fähigkeiten entwickeln oder Balzverhalten zeigen. Aber Rutschen im Schlamm scheint für keinerlei Elefantenbedürfnis relevant zu sein. All diese Verhaltensweisen gehören zum Spiel.« (aus dem Buch Das faszinierende Spiel der Tiere: Warum Elefanten gerne rutschen, Affen Bauchklatscher lieben und was das alles auch für unser Leben bedeutet, Goldmann Verlag, München 2024, von David Toomey)
Gerne hätte ich aus dem gerade zitierten Buch noch mehr über das Spiel von Elefanten erfahren. Doch obiges Zitat war – neben der allgemeinen Aussage, dass große Säugetiere gerne rutschen, unter anderem auch Große Pandas, Gämsen und Hunde – die einzige Information darüber, wie Elefanten spielen. Es sieht so aus, als ob ihnen das Rutschen besonderen Spaß macht und der reinen Spielfreude dient. Die Elefanten auf dem Titelfoto haben wir zwar nicht dabei gesehen, wie sie schlammige Hänge hinunterrutschten, sondern wie sie vergnügt miteinander ein Schlammbad nahmen, doch es war wunderbar zu sehen, dass sich die Elefanten dabei so richtig wohlfühlten und entspannen konnten.
So ein Schlammbad ist unverzichtbar für Elefanten, denn es schützt die Elefantenhaut vor Austrocknung und Sonnenbrand, ist also ein natürlicher Sonnenschutz. Der feuchte Schlamm hilft auch dabei, ihre Körpertemperatur zu regulieren, was wichtig ist, da Elefanten keine Schweißdrüsen haben und somit nicht schwitzen können, um sich abzukühlen. Die Schlammschicht, die auf der elefantöses Haut zurückbleibt, hält zudem Insekten und lästigen Parasiten fern. Das gemeinsame Wälzen im Schlamm bzw. das Bewerfen mit Sand oder Erde, dient auch dem sozialen Wohlbefinden und – macht den Elefanten schlichtweg Spaß, womit wir wieder beim Spiel wären.
Eine Youtube-Aufnahme des Elefantenmädchens Yang Niu, das in einer Elefantenstation in China aufgezogen wurde, zeigt, wie sie auf dem Bauch mit ausgestreckten Vorderbeinen einen schlammigen Abhang hinunterrutscht, was ihr sichtlich Spaß macht. Und sie ist nicht der einzige junge Elefant, der bei einer lustigen Rutschpartie gefilmt wurde. David Toomey schreibt darüber in seinem Buch Das faszinierende Spiel der Tiere:
»Viele Beobachter haben über ein anscheinend häufiges Verhalten von Dickhäutern in Teilen Indonesiens berichtet: eine spontane Zeremonie des Ausrutschens. Ein junger männlicher Elefant soll hoch oben auf einer Böschung gewartet haben, während zwei andere den Hang hinaufstiegen. Als sie halb oben waren, setzte er sich auf die Hinterbeine, rutschte aus und kollidierte – anscheinend absichtlich – mit einem der anderen, der dann mit ihm weiterrutschte. Als sie unten ankamen, gingen beide wieder die Böschung hinauf, doch der dritte Elefant rutschte nun den Hang hinunter. Er stieß mit ihnen zusammen, und alle drei endeten am Boden in einem großen schlammigen Haufen.« [Cronin, Melissa: »Muddy Baby Elephants Play Slip‘ n Slide Like Pros« (Schlammige Babyelefanten spielen auf der Rutschbahn wie Profis) in: Daily Dodo, 12. January 2015]
Forscher sind sich uneins, ob das Rutschen nur die Anpassungsfähigkeit der Elefanten an das Gelände bzw. ihre Fähigkeit, steile Passagen zu überwinden oder tatsächlich ihre spielerische Seite zeigt. Die Zahl der Studien zum Tierspiel sind im Vergleich zu anderen tierischen Verhaltensweisen dürftig, was damit zusammenhängt, dass in der modernen Verhaltensbiologie eine »Vermenschlichung« von Tieren kritisch hinterfragt wird. Doch da die Affinität zum Rutschen auch bei menschlichen Kindern bekannt ist, fällt es uns bestimmt nicht schwer, hierin eine spielerische Neigung im Verhalten von Elefanten zu entdecken. David Toomey ist sogar der Ansicht: »Das Leben selbst ist im grundlegendsten Sinne spielerisch.«
Da sich bei vielen Tieren das Spielverhalten mit Erkundungs-, Balz- und Kampfverhalten vermischt, ist es für Forscher nicht leicht, eine Unterscheidung zu treffen, zumal die meisten Tiere nur wenige Minuten am Tag spielen und das Spiel von Jungtieren meist der Einübung sozialer Fähigkeiten dient. In seinem 2005 erschienen Buch The Genesis of Animal Play vertritt Professor Burghardt die Auffassung, dass ein Verhalten, um als Spiel zu gelten, fünf Merkmale aufweisen muss und fasst dann zusammen: »Wenn Sie ein Tier sehen, das sich auf eine Art und Weise verhält, die nicht funktional, sondern freiwillig ist und durch wiederholte, aber unterschiedliche Bewegungen gekennzeichnet ist, und wenn dieses Tier gut genährt, in Sicherheit und gesund ist, dann sehen Sie ein Tier beim Spielen.«
David Toomey erzählt in seinem Buch Das faszinierende Spiel der Tiere unter anderem auch von Fischen, die gern Fangen spielen, von Purzelbaum schlagenden Affen, von Bienen, die vierzig Mal an einem einzigen Tag einen Ball rollen, bevor sie sich in den Bereich begeben, wo es Nahrung gibt, und von einer »Snowboard fahrenden« Nebelkrähe, welche offenbar die Freude am Rutschen mit Elefanten teilt:
»Zu den neueren Berichten über Vogelspiele gehört ein viel gesehenes YouTube-Video über eine Krähe. Der Vogel benutzt den Deckel eines Glases als provisorisches Snowboard, rutscht ein schneebedecktes Dach hinunter, fliegt dann mit dem Deckel an seinen Füßen zurück zum Dachfirst und rutscht noch einmal. Die Schlagzeile für einen Artikel im Atlantic lautete: ›Die Wissenschaft kann die Großartigkeit dieser schlittenfahrenden Krähe weder erklären noch leugnen.‹«
Wir können allerdings davon ausgehen, dass bei dem Stress, dem Elefanten heutzutage durch Klimawandel, Schrumpfung des Lebensraums und Wilderei ausgesetzt sind, kaum Zeit und Raum fürs Spiel bleibt. Denn: Spielen kostet Energie und Zeit, die besser für Nahrungs- oder Wassersuche oder andere lebenswichtige Tätigkeiten genutzt werden könnte. Spielen könnte zudem gefährlich sein und zu Verletzungen und Tod führen.
Elefantenkinder, die recht neugierig sind, spielen sehr sozial und aktiv. Sie beteiligen sich häufig an Rüssel-, Wasser- und anderen sozialen Spielen, in denen sie sich gegenseitig jagen, aber auch an Objektspielen, indem sie mit Ästen, Baumstämmen und anderen Gegenständen spielen. Gern nutzen sie Wasserstellen für Spiele, indem sie sich gegenseitig nass spritzen, sich untertauchen und gemeinsam herumtoben, rangeln und raufen. So messen sie spielerisch ihre Kräfte und üben für ihre späteren Rollen in der Herde. Sie trompeten während des Spiels oft aufgeregt oder Berüsseln sich gegenseitig, was die Fähigkeit zur Kommunikation fördert. Und eine Funktion erfüllt das Spielen sicherlich bei allen Tieren: Es ist ein Training für das Unerwartete.
Da die Jugendzeit von Säugetieren viel länger ist als bei anderen Tiere, gibt es ausreichend Zeit zum körperlichen Spielen, das – wie bei menschlichen Kindern – zu einer guten Entwicklung beiträgt, insbesondere des Gehirns.
Als Lynda L. Sharpe keine Beweise dafür fand, dass das Spielen bei Erdmännchen als Übung für soziale Bindungen diente, schrieb sie in ihrer Doktorarbeit Play and social relationships in the meerkat (Suricata suricatta) an der University of Stellenbosch: »Ich komme zu dem Schluss, dass die wahrscheinlichste Funktion des Spiels (basierend auf den allgegenwärtigen Eigenschaften des Spiels und den Erkenntnissen der neurologischen Forschung an Ratten) darin besteht, das Wachstum der Großhirnrinde zu fördern.«
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