Welttanztag – 29. April 2026
»Menschen spiegeln sich ständig gegenseitig,
aber wenn sie tanzen, spiegeln sie vor allem
einen Moment der Ehrlichkeit wider.«
(Sidi Larbi Cherkaoui, Tänzer und Choreograf)
Das Tanzkomitee des Internationalen Theaterinstituts (ITI der UNESCO) rief 1982 den Welttanztag ins Leben, um jährlich am 29. April den Tanz als universelle Sprache ohne Worte zu würdigen. Das Datum erinnert an den Geburtstag von Jean-Georges Noverre (1727-1810), einem großen Reformer des Balletts (siehe Welttanztag 2021).
Ich halte ja das Tanzen für die schönste Art, sich zu bewegen. Zudem steigert regelmäßiges Tanzen die Körper- und Selbstwahrnehmung (siehe Welttanztag 2022). Doch Tanzen ist mehr als nur Vergnügen und gut für die körperliche Fitness. Noch dazu ist es eine optimale Vorsorge für ein gut funktionierendes Gehirn bis ins hohe Alter (siehe Welttanztag 2023). Doch vor allem ist Tanz der körperliche Ausdruck unserer Gefühle, ein wesentlicher Aspekt unserer Lebendigkeit (siehe Welttanztag 2025).
Doch inwiefern spiegeln wir Menschen beim Tanzen Ehrlichkeit wider,
wie dies im obigen Zitat eines Tänzers zum Ausdruck kommt?
Tanzen hat tatsächlich viel mit Ehrlichkeit bzw. Authentizität zu tun. Da ist beispielsweise die körperliche Wahrheit. Der Körper zeigt – wie ich aus eigener Erfahrung weiß – im Tanz oft die tatsächliche mentale Verfassung in Form von Verspannungen aufgrund von Stress. Zudem spiegeln unsere Bewegungen oft den wahren inneren Gefühlszustand wider. Das kommt daher, dass es beim Tanzen schwerfällt, Gefühle dauerhaft zu verstellen, weshalb Tanzen auch als »verborgene Sprache der Seele« bezeichnet wird. Insofern wirkt Tanzen als Ausdrucksform oft tiefer und ungeschönter als Worte. In synchronen Tanzbewegungen kann sogar ein ehrliches Gemeinschafts- bzw. Zugehörigkeitsgefühl entstehen. Tänzer:innen beschreiben es als einen ehrlichen Moment, in dem man sich ganz aufeinander einlässt bzw. vertraut, was ohne diese ehrliche Präsenz gar nicht möglich wäre.
Schon seit es Menschen gibt, nutzen sie ihren Körper als ein Instrument, um Emotionen, Geschichten oder kulturelle Identität auszudrücken. Dabei entsteht die Ausdruckskraft durch die Körperhaltung, Dynamik, Raumwege und oft auch durch das Mienenspiel der Gesichtsmuskulatur. Die Ausdrucksformen sind vielfältig:
- Traditionelle Volkstänze > Ausdruck von Gemeinschaft, Kultur und Zusammenhalt
- Standard- und Lateintänze > Paartanz mit festgelegten Schritten (Walzer, Tango, Rumba), der Eleganz oder Leidenschaft ausdrückt
- Tanztheater > verbindet Tanz mit theatralischen Elementen, oft um persönliche Themen darzustellen.
- Tanztherapie > nutzt den Tanz therapeutisch, um Gefühle zu bearbeiten
- Klassischer Tanz (Ballett) > sehr formell und technisch, setzt den ganzen Körper ein, um Geschichten zu erzählen
- Moderner Tanz > entstand als Gegenbewegung zum Ballett und betonte freie Bewegungen, um seelische Empfindungen auszudrücken
- Contemporary > kreativer Ausdruckstanz, der verschiedene Tanzstile umfasst mit Fokus auf Bodenarbeit, Schwerkraft und Improvisation, um innere Gefühle nach außen zu tragen
Tanz ermöglicht somit eine Kommunikation, die Gefühle direkter ausdrückt, als es Sprache vermag, da dabei der rationale Filter des Gehirns überbrückt wird. Voraussetzung ist, dass man sich echt, ungekünstelt, aus dem eigenen Körperempfinden heraus bewegt, statt Perfektion anzustreben. Authentisch zu tanzen heißt für mich deshalb, den Moment einfach zu genießen, statt darüber nachzudenken, ob ich dabei auch gut aussehe. Authentizität entsteht dann durch die ehrliche Verbindung zur Musik und zum eigenen Körper, die bestenfalls in einen Flow übergeht.
Wir können auch im übertragenen Sinn »ehrlich tanzen«, und zwar dann, wenn wir uns von gesellschaftlichen Zwängen frei machen und unabhängig von der Meinung anderer im Einklang mit unseren eigenen Werten leben. Das fühlt sich dann stimmig an und entspricht einem Tanzen aus dem Inneren heraus.
Kürzlich schrieb ich, dass ich mir in Übereinstimmung mit meinem Unterbewusstsein, meinem inneren Elefanten, ein neues Motto für die Zukunft gesetzt habe: Ich tanze beschwingt durchs Alter. Das ist zwar metaphorisch gemeint, und es ist so, dass vor allem mein freier Geist tanzen möchte, doch mir ist klarer als je zuvor: Wenn ich mit dem Leben tanzen möchte, dann muss ich mich bewegen, viel und vor allem regelmäßig.
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