Buchvorstellung – »Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit«

»Die Soziologin Franziska Schutzbach hat ein eindrucksvolles Buch
über die heimliche Grundlage unseres Kapitalismus geschrieben:
die gewissenlose Ausbeutung weiblicher Ressourcen.«
Süddeutsche Zeitung (07.12.2021)
Klappentext: Frauen haben heute angeblich so viele Möglichkeiten wie nie zuvor. Gleichzeitig sind sie so erschöpft wie nie zuvor. Nach wie vor wird von Frauen verlangt, permanent verfügbar zu sein – familiär, beruflich, sexuell, gesellschaftlich.
Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach legt den Finger in die Wunde eines Systems, das von Frauen alles erwartet, aber nichts zurückgibt. Und sie erklärt, wie Frauen sich dagegen auflehnen und damit alles verändern: ihr Leben und die Gesellschaft.
»Dieses Buch ist KEIN Ratgeber, KEIN psychologisches Buch«,
schreibt die Autorin Franziska Schutzbach in der Einleitung ihres 304-seitigen Buches Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit, Droemer Knaur Verlag, München 2021, »es geht nicht um Burn-out oder Depression im klinischen Sinne. Sondern um das Phänomen Erschöpfung als ein gesellschaftlich weitverbreitetes Lebensgefühl (obwohl die Grenze zwischen klinischen Formen und einer alltäglichen Erschöpfung oft fließend ist). Es geht mir um das Gefühl einer pausenlosen Beanspruchung, das insbesondere weiblich sozialisierte Menschen aufgrund von bestimmten Rollenzuschreibungen, Erwartungen und Machtstrukturen gut kennen.«
Jahrzehntelang bestand auch mein Lebensgefühl vorrangig in Erschöpfung. Deshalb begrüße ich es sehr, dass dieses Buch, das ich zum Weltfrauentag gelesen habe, nicht den ohnehin schon »riesigen Perfektionsdruck« befeuert, der im Sinne einer »Allzuständigkeit« auf Frauen lastet, sondern eher ein Plädoyer für Frauen darstellt. Denn kein Mensch kann allen Anspruchshaltungen und Erwartungen, die an ihn familiär, beruflich und gesellschaftlich gestellt werden, gleichzeitig auf höchstem Niveau entsprechen.
Von Frauen wird sogar noch mehr erwartet, denn gemäß der Ökonomin Mascha Madörin wird unbezahlte Hausarbeit, Kinderfürsorge und Pflege der eigenen Eltern weltweit zu drei Vierteln von Frauen geleistet – ein zentraler Faktor für die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Millionen Stunden der Care-Arbeit, die Frauen gratis leisten, tragen bis zu 50 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. Doch das kommt in ökonomischen Statistiken nicht vor.
Die Geringschätzung der Frau kommt auch in der Bezahlung zum Ausdruck, was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Wer von Wirtschaft spricht, meint industrielle Produktion und Finanzkapital, und wer von Arbeit spricht, meint bezahlte Arbeit. Während Männer im weltweiten Durchschnitt 6 Stunden und 44 Minuten pro Tag arbeiten und für 5 Stunden und 21 Minuten bezahlt werden, arbeiten hingegen Frauen, durchschnittlich 7 Stunden und 28 Minuten am Tag, erhalten aber nur für 3 Stunden und 3 Minuten Lohn, also nur für rund 41 Prozent ihrer Arbeitszeit (Ungleichheits-Bericht Oxfam 2020 – Factsheet). Das ist der Grund, warum Franziska Schutzbach der Meinung ist, dass sich nicht die Frau, sondern die Gesellschaft verändern muss.
Ihr Buch ist KEIN neuer Ratgeber zum Glücklichsein
Es geht Franziska Schutzbach darum, das Phänomen der Erschöpfung von Frauen zu erkunden, das aus gesamtgesellschaftlichen Strukturen erwächst. Dies gelingt ihr sehr gründlich und umfassend. Fast jede Seite ist Balsam auf Frauenseelen, denn es dürfte kaum eine Frau geben, die nicht das Erschöpfungsgefühl als einen selbstverständlichen Aspekt der weiblichen Lebensrealität erfahren hat? Frauen werden nicht einfach als Menschen betrachtet, so die Autorin, von ihnen wird nach wie vor erwartet, dass sie gebende Menschen sind. Das Mädchen- und Frauenbild hat sich in dieser Hinsicht nicht geändert. Sie sollen weiterhin vor allem lieb und sozial sein, gleichzeitig nun aber auch noch stark, sexy, selbstbewusst, schlank, gut gebildet, berufsorientiert, cool, selbstständig …
Der Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie zufolge hat sich Frauenemanzipation ein Stück weit in eine Fratze verwandelt, denn was heute darunter verstanden wird – ökonomisch unabhängig, erfolgreich, leistungsstark, selbstbestimmt, individuell – ist für die meisten Frauen kaum zu erreichen, insbesondere jedoch nicht kompatibel mit dem, was sich trotz allem nicht verändert. Frauen sollen nämlich zusätzlich und weiterhin ständig verfügbar sein für die Bedürfnisse anderer, für emotionale Arbeit, Hausarbeit, Pflege, Beziehung, Sex, für die Herstellung von Harmonie, Gemütlichkeit und Glück, also dafür, dass sich andere von der harten Welt erholen können.
Eine Widersprüchlichkeit, die zu Überforderung, chronischer Erschöpfung und einer dauernden Angst vor dem Scheitern führen muss, denn Frauen sind für Männer selten Gegenüber auf Augenhöhe. Studien zeigen, dass Männer in einer gemischten Gruppe immer noch bereits einen 1/3-Frauenanteil als »Überzahl« wahrnehmen. In der Forschung wird dieses Phänomen als Gender Perception Bias (geschlechtsspezifischer Wahrnehmungsfehler) bezeichnet. Frauen müssen andauernd um Geltung kämpfen, obwohl sie enorm viel leisten, was sie oftmals auch tun, um ein von Kindheit an suggeriertes Gefühl der Minderwertigkeit bzw. Unzulänglichkeit zu kompensieren.
Interessant fand ich den Hinweis, dass die meisten Morde im Moment der Trennung verübt werden, wenn Frauen sich anmaßen, die Beziehungsansprüche eines Mannes nicht mehr zu erfüllen und ihren eigenen Weg gehen. Da habe ich in meinem Fall ja Glück im Unglück gehabt!
[Elisabeth Raether/Michael Schlegel (2019): Von ihren Männern getötet, URL: https//www.zeit.de/2019/51/frauenmorde-gewalt-partnerschaft-bundeskriminalamt]
Franziska Schutzbach geht auf die Ursachen des mangelnden Selbstvertrauens von Frauen ein, warum Emanzipation so viel Kraft braucht, warum Männer sich im Haushalt oftmals für nichts zuständig fühlen, aber auch auf die Körperscham vieler Frauen, die mit Verunsicherung, verminderter Konzentration und einem verminderten Bewusstsein für innere Körperzustände wie Hunger, Müdigkeit und Emotionen einhergeht, und sie geht auf die Mutterschaft ein, die eine radikale Pausenlosigkeit zur Folge hat auf dem schmalen Grat zwischen Übermutter und Rabenmutter.
Es trifft auch auf mich zu, wenn die Autorin äußert: »Eine gute oder schlechte Mutter zu sein oder als solche wahrgenommen zu werden, ist für Frauen existenzbestimmend. Es ist die Benchmark, an der sie gemessen werden und an der viele auch ihren eigenen Wert bemessen.« Also habe ich mir fast nie Zeit für mich selbst genommen, weil sich das egoistisch anfühlte. Denn der Anspruch an Mütter heutzutage ist nicht einfach nur, Kinder zu haben, sondern glückliche Kinder. Erst mit einem »gelungenen« Kind ist man eine »gelungene« Mutter. Oft kommt dann noch die emotionale Verausgabung im Beruf dazu, wo sich die »vorauseilende und selbstausbeuterische Arbeitsmoral« von Frauen fortsetzt, als ob sie allein »mit dem Geschäft des Glücks beauftragt« wären, also damit, dass sich alle wohlfühlen und der Familien- wie Arbeitsalltag angenehm abläuft. Wie viele andere Frauen auch musste ich auf die harte Tour lernen, dass permanentes Freundlichsein ungesund ist.
So weit, so gut. Wir verstehen, dass es die allgegenwärtigen Ansprüche sind, die Frauen in die Erschöpfung treiben. Wir erkennen die Ungerechtigkeit, die darin liegt, dass die geleistete, wenig anerkannte Sorgearbeit zur »weiblichen Natur« deklariert wird. Doch was kann getan werden gegen ein misogynes System, das von Frauen alles abverlangt und ihnen so gut wie nichts zurückgibt? Franziska Schutzbach fordert Frauen auf, Widerstand zu leisten gegen die Ausbeutung ihrer Energie, ihrer Psyche und ihres Körpers. Sie fordert uns auf, uns mit anderen Frauen zu verbünden und unseren Widerstand zu einer treibenden Kraft für neue Arbeits- und Lebensweisen werden zu lassen, welche die Gesellschaft verändern.
Aber wurde denn nicht schon hart dafür gekämpft, ohne dass es etwas gebracht hat? Ja, der Grund sei, so Franziska Schutzbach, dass die Forderung nach einer Aufwertung der Sorgearbeit nicht mit den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen vereinbar sei. Doch wenn die Erschöpfung der Frauen aufhören soll, dann komme die Politik nicht darum herum, Sorgearbeit ins Zentrum der Gesellschaft und der Wirtschaft zu stellen. Die ökonomische Grundfrage dürfe nicht mehr heißen Wie erzielen wir Gewinn?, sondern Was brauchen Menschen, damit es ihnen gut geht? Wirtschaft müsse sich am Wohl der Menschen und realen Bedürfnissen ausrichten. Es sei eine Tatsache, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens sehr viele Stunden Pflege benötige – sei es als Kind, als kranker oder alter Mensch.
Das klingt alles logisch. Weniger logisch fand ich die am Schluss vorstellte Vier-in-eine-Perspektive von Frigga Haug, eine »Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist«, und aus meiner Sicht auch Utopie bleiben wird. Denn auf politische oder wirtschaftliche Entscheidungen, die zu einer wirklichen Gleichstellung der Frau führen, werden wir meiner Meinung nach vergeblich warten bzw. zählen können.
Andererseits hat Franziska Schutzbach recht, dass wir den Frauen VOR uns zu großem Dank verpflichtet sind, die trotz größter Widerstände für mehr Frauenrechte gekämpft haben, von denen wir heute profitieren. Voraussetzung für ein weiteres Engagement ist meiner Meinung nach, dass wir Frauen erst einmal unsere eigenen Kräfte revitalisieren und selbst dafür sorgen, dass wir in unserem eigenen persönlichen Umfeld aus der Erschöpfungsfalle herauskommen (zum Beispiel mit der ELEFANTENSTRATEGIE), um dann auch anderen Frauen zu helfen auf dem Weg Von der erschöpften Frau zum schöpferischen Frau-Sein.
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