Buchvorstellung – »Der Salzpfad«

»Eine wahre Geschichte über den
Triumph der Hoffnung, über die Verzweiflung
und den Sieg der Liebe über alles andere.«
THE SUNDAY TIMES
Alles, was Raynor und Moth noch besitzen, passt in einen Rucksack.
Mit einem kleinen Zeit machen sie sich auf, den gesamten South West Coast Path, Englands bekanntesten Küstenweg, zu wandern. Mit einem Mal ist ihr Zuhause immer nur dort, wo sie gerade sind. Sie begegnen Vorurteilen und Ablehnung, doch zugleich entdecken sie das Glück ihrer Liebe und lernen, Kraft aus der Natur zu schöpfen. Allen Widrigkeiten zum Trotz öffnet ihr mehrmonatiger Trip die Tür zu einer neuen Zukunft.
So lautet der Klappentext des 336-seitigen Wanderberichts Der Salzpfad, DUMONT Reise, ein Imprint von MAIRDUMONT, Ostfildern-Kemnat 2020. Wir haben uns auch den gleichnamigen Film angeschaut, nachdem wir das Hörbuch über mehr als elf Stunden gemeinsam angehört hatten, das von Jutta Speidel sehr gut eingesprochen wurde. Das Thema Obdachlosigkeit liegt Jutta Speidel sehr am Herzen. 1997 gründete sie neben ihrer Tätigkeit als Schauspielerin den privat finanzierten Verein HORIZONT, der sich obdachlosen Kindern und deren Müttern annimmt und ihnen hilft, neuen Mut fürs Leben zu fassen.
Mit feiner Selbstironie erzählt die britische Autorin Raynor Winn (* 1962) von ihren Erfahrungen am unteren Rand der Gesellschaft, als von jetzt auf gleich obdachlos gewordenes Mittfünfziger-Ehepaar, nachdem sie ihre Farm in Wales verloren hatten. »Wir haben unser Haus verloren, unsere Existenz und ein paar Tage später erfuhr mein Mann von seiner unheilbaren Krankheit. Und damit hatten wir unsere Zukunft verloren«, erzählt Raynor Winn in einem Interview. Da Moth zwar unheilbar krank, aber nicht akut vom Tod bedroht ist, hat das Paar keinen Anspruch auf eine Notunterkunft. In dem Moment sei es ihnen als genau das Richtige erschienen, erst einmal nirgendwo zu wohnen, sondern einen Rucksack zu packen und zu laufen. »Daraus wurde mehr als eine Wanderung, es hat unser Leben gerettet.«
»Haben wir einen Plan?«, fragt Moth.
»Natürlich, wir wandern, bis wir aufhören zu wandern, und vielleicht finden wir unterwegs so etwas wie eine Zukunft.«
Moth erwidert: »Das ist ein guter Plan.«
Mit zwei Rucksäcken macht sich das ältere Ehepaar auf den langen Trail, hinein in eine beängstigende Obdachlosigkeit, aber sie gehen los in der Hoffnung, eine Lösung zu finden. Ihr Plan: den wildesten und längsten Küstenweg Englands zu wandern, mit seinen dramatischen Klippen, abgeschiedenen Buchten und mehr oder weniger charmanten Dörfern. Auf dem etwa 1.000 Kilometer langen South West Coast Path wollen sie erst einmal Zeit gewinnen, um den Kopf freizubekommen und neue Kraft zu sammeln. Vor allem für Moth erweist sich die regelmäßige Bewegung in der Natur als wirksame Medizin, auch wenn anfangs jeder Kilometer ein zäher Kampf ist.
Da ihnen pro Woche nur wenige englische Pfund zur Verfügung stehen, teilen sie sich aus Kostengründen beispielsweise den Teebeutel oder leben fast ausschließlich von Instant-Nudeln aus dem Campingkocher mit Thunfisch aus der Dose. An den Rand der Gesellschaft und der Bedürftigkeit geraten, kämpft das Ehepaar immer wieder gegen das Gefühl der gesellschaftlichen Wertlosigkeit wegen der Ablehnung, die ihnen oft entgegengebracht wird, doch manchmal erfahren sie auch unerwartet Hilfsbereitschaft.
In einer Filmkritik heißt es, »die soziale Kälte krieche ebenso gnadenlos in die klammen Schlafsäcke wie der Küstennebel. Zerzaust und zäh schleppen sie sich über die grünen Hügel und schöpfen vor allem aus ihrem Zusammensein die Kraft, weiterzumachen.«

Der South West Coast Path ist Großbritanniens längster ausgeschilderter Fernwanderweg, der sich über rund 1.014 km (630 Meilen) von Minehead in Somerset entlang der Küsten von Devon und Cornwall bis nach Poole Harbour in Dorset erstreckt. Ursprünglich wurden die malerischen Pfade an der Südwestküste Englands für die Küstenwache angelegt, damit diese zwischen den Leuchttürmen patrouillieren und Schmuggler ausfindig machen konnte.
Heute ist der beliebte Wanderweg für seine vielfältigen Landschaften und kulturellen Sehenswürdigkeiten bekannt, die teilweise UNESCO-Weltkulturerbe sind. Da der South West Coast Path bei jeder Flussmündung abfällt und wieder ansteigt, gilt er als eine vergleichsweise anstrengende Langstreckenwanderung. Die zu erklimmende Gesamthöhe wurde mit 35.031 Meter berechnet, fast das Vierfache der Höhe des Mount Everest.
Zwar werden die Umstände, wie es zur Obdachlosigkeit kam, in einem Bericht der britischen Zeitung The Observer in Frage gestellt, aber die Wanderung ist und bleibt authentisch. Raynor und Moth Winn sind tatsächlich den South West Coast Path gewandert. Ihr persönlicher »Jakobsweg« war ein entscheidender Teil ihres Lebens und eine Reaktion auf ihre belastende finanzielle und gesundheitliche Situation. Ihre Geschichte ist etwas für Menschen, die ein ruhigeres Erzähltempo mögen und neben scheinbar endlosen Regentagen, matschigen Pfaden und erbarmungslosem Wind auch ruhige Szenen genießen können, wie die, als eine große Anzahl Kaninchen rings um das Zelt hoppeln.
Uns hat im Film (2024) vor allem die Szene gefallen, als eine andere Wanderin davon spricht, dass sie es Menschen ansehen kann, ob sie auf ihrem Lebensweg »gesalzen« wurden. Damit meint sie den Prozess vom anfänglichen Ankämpfen gegen die Naturelemente bis man die raue Natur akzeptiert und gelernt hat, mit der Witterung umzugehen. Dann ist man sozusagen von den Elementen »getauft« bzw. »gesalzen« worden. Ein Symbol dafür sind die von der Natur gesalzenen Brombeeren, die geschmacklich etwas ganz Besonderes sind. Die Fernwanderung erweist sich für Raynor und Moth als eine lebensverändernde Reise. Sie finden einen neuen Lebensrhythmus und holen sich damit das eigene Leben und die Würde zurück, nachdem die Lebensumstände sie aus der Bahn geworfen haben.
»Ich hatte keine Ahnung, was die Zukunft bringen und wie unsere wilden, freien Monate auf dem Coast Path sie prägen würden. Ich wusste nur, dass wir den leicht salzigen Brombeeren glichen, die in den letzten warmen Sonnenstrahlen des Sommers genau die richtige Süße bekamen, und dieser perfekte Moment war alles, was wir brauchten.«
Ein Haus sei nur eine Unterkunft, sagt Moth, und die brauche man. Aber wahre Freiheit habe er erst auf dem Weg gefunden. Nichtsdestotrotz ist das Ehepaar froh, als sich ihnen am Ende ganz unverhofft die Tür zu einer neuen Zukunft öffnet, nachdem sie sich die ganze Zeit gefragt haben: Und danach, was macht man, wenn man am Ende des Salzpfades angelangt ist? Nun, man geht einen anderen Weg. Tatsächlich unternimmt das Ehepaar seither regelmäßig Fernwanderungen. Raynor Winn schreibt weiterhin über die Natur und das Wildcampen. Derzeit lebt sie mit Ehemann Moth und Hund Monty in Cornwall.
Triff mich, wo der Himmel das Meer berührt,
Verloren, aber endlich frei.
(Inschrift auf einer Gedenkbank, Mên-y-grib Point,
auf der Küstenseite von Kynance Cove, Cornwall)
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