Buchvorstellung – »Ich kann auch anders«

Eigentlich bin ich ganz anders.
Aber ich komme so selten dazu.
Ödön von Horvath (1901-1938)
DER Coaching-Podcast des Diplompsychologen Roland Kopp-Wichmann, in dem er anonymisiert von Fällen aus seiner Praxis erzählt und zeigt, wie er coacht, ist schon lange mein wöchentlicher Begleiter. Einfach deshalb, weil ich meine Persönlichkeit weiterentwickeln möchte. Nun habe ich auch einmal ein Buch von ihm gelesen, und zwar das obige 180-seitige Buch Ich kann auch anders: Psychofallen im Beruf erkennen, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2015.
Roland Kopp-Wichmann hat über 40 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Menschen und nennt seinen Podcast auch Das Abenteuer Persönlichkeit. Er fragt: Warum fällt es Menschen oft schwer, etwas an ihren Einstellungen oder Verhaltensweisen zu ändern? Obwohl diese ungünstig oder schmerzhaft sind. Für sie selbst und für andere. Die Ursachen. Die hängen meist mit unbewussten Konflikten aus unserer Biographie zusammen, sogenannten »Lebensthemen«. Diese zu identifizieren und zu bearbeiten ist nicht einfach. Deshalb helfen ja schnelle Tipps und Ratschläge nur selten. Das Ganze ist auch ein Abenteuer, denn dazu muss man schon in die Tiefe gehen – und genau darüber hören Sie hier spannende Fallberichte aus meiner Coachingpraxis. Wir finden die Lösung dort, wo Sie noch nie gesucht haben.
Hört sich spannend an, ist es auch, wenn man daran interessiert ist, wie Menschen so ticken, vor allem auch, wie man selbst gestrickt ist. Auch wenn mir im Grunde alle Psychofallen von der Positiven Psychologie her schon bekannt waren, fand ich es doch interessant, wie der Autor mit seinem typischen trockenen Humor sein Thema entfaltet hat. Schon unter der Überschrift INHALT dringt er direkt mit gezielten Fragen zur Kernproblematik vor:
Was bringt Ihnen dieses Buch, liebe Leserin und lieber Leser?
Was hinter Ihren beruflichen Problemen steckt
Wie Sie sich daran hindern, Probleme zu lösen
Wie Sie sich aus einer Psychofalle befreien können
Um die Befreiung aus diesen 10 Psychofallen geht es:
1 Wie Sie das Immer-nett-sein-Syndrom überwinden
2 Wie Sie Ihre Angst vor Konkurrenz und Ablehnung überwinden
3 Wie Sie sich die Freiheit erlauben, auch mal egoistisch zu sein
4 Wie Sie die Angst vor vernichtender Kritik hinter sich lassen
5 Wie Sie den Glauben, keine Grenzen zu haben, langsam hinter sich lassen
6 Wie Sie herausfinden, was hinter Ihrer Lustlosigkeit steckt
7 Wie Sie Ihre Eltern nicht mehr ins Büro mitnehmen
8 Wie Sie lernen, sich besser durchzusetzen
9 Wie Sie die unstillbare Suche nach Anerkennung überwinden
10 Wie Sie sich mehr mit Ihren Gefühlen befreunden
Sie finden, das klingt nach Arbeit? Sie haben recht. Halt! Bevor Sie jetzt mein Buch entmutigt wieder weglegen, kommt die gute Nachricht: Sie können durchaus anders. […] Nur eben nicht sehr schnell, sondern Schritt für Schritt.
Ja, das kann jeder bestätigen, der sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt: Sich zu verändern ist alles andere als leicht. Roland Kopp-Wichmann verbildlicht das mit einem Spruch von Albert Einstein: Der Fisch ist der Letzte, der das Wasser entdeckt. Damit soll veranschaulicht werden, dass wir für das Alltägliche, das Gewohnte, das Naheliegende blind sind. Deshalb werden wir Verhaltensmuster, die sich jahrelang in uns eingegraben haben, nicht in wenigen Tagen ändern können. Auch dieses Buch kann nur Denk- und Handlungsanstöße geben, in welche Richtung unsere Schritte gehen könnten, wenn wir eine Änderung wünschen.
Roland Kopp-Wichmann hilft uns, einen ersten Blick auf unsere innere »Software« zu werfen, die unser Verhalten – privat wie beruflich – so beeinflusst, dass wir es (wie der Fisch das Wasser) gar nicht wahrnehmen. Denn wenn wir ein Problem ändern wollen, müssen wir erst einmal herausfinden, wie wir es erzeugen, also was genau die Psychofallen sind, in die wir alle täglich hineintappen.
Das Immer-nett-sein-Syndrom als Psychofalle entwickeln beispielsweise häufig Menschen, die früh gelernt haben, das hohe Ansprüche an sie gestellt werden, denen sie gerecht werden wollten oder mussten. Sie sehen dann alles mit der »Brille« der Ansprüche an sich selbst und vor allem nur das, was sie alles noch nicht geschafft haben. Was steckt hinter dem mächtigen inneren Antreiber, viel leisten und es allen recht machen zu wollen/müssen? Die Befürchtung, sonst nicht geliebt zu werden? Ja, der entscheidende Punkt ist die Angst vor den Gefühlen, die Konflikte in uns auslösen. Der Psychologe stellt folgte Frage bzw. gibt folgenden Rat zum experimentellen Üben: Sie haben bereits so viel in Ihrem erwachsenen Leben gelernt, warum sollten Sie nicht lernen können, Konflikte auszuhalten und zu regeln? Experiment: Riskieren Sie pro Tag einen Konflikt.
Um uns klarzumachen, wie unsere Psyche funktioniert hat der Autor geniale Leitsätze wie diesen: Die Landkarte ist nicht die Landschaft. Was er damit meint? Er meint die inneren Bilder, die wir uns von der Realität gemacht haben, die als »Software« in unser aller Gehirne existieren. Unsere mentale Landkarte enthält wichtige Elemente der Landschaft – aber die Landschaft, also die Wirklichkeit, ist natürlich unendlich vielfältiger als jede Landkarte, und sei ihr Maßstab noch so groß. Unser persönliche Landkarte – unser innerer Autopilot, den ich den inneren Elefanten nenne – ist sozusagen nur die Speisekarte, nicht das Gericht, das uns letztlich serviert wird. Er schlägt uns Verhaltensstrategien vor, die seit Jahren erprobt sind, oft schon sehr alt, weil sie in der Kindheit und Jugend ausprobiert und entwickelt wurden.
Somit reinszenieren wir unbewusst bestimmte Konflikte, die wir ursprünglich in unserer Herkunftsfamilie erlebten. In solche Verhaltensweisen tappen wir hinein wie in eine Falle, die uns massiv einschränkt. Es ist, als ob sich im Alltag und Beruf nicht nur zwei Menschen begegnen, sondern deren Elternhäuser und die damit verbundenen Erwartungen, Werte und Verhaltens- oder auch Abwehrmuster, die ohne Verfallsdatum gespeichert wurden. So geraten Menschen beispielsweise in das Hamsterrad der Anerkennungssuche, weil sie unbewusst glauben, jemandem etwas beweisen zu müssen. Aber was müssen wir eigentlich beweisen? Und wem? Wann ist »es« denn bewiesen?
Höchste Zeit, unsere zwanzig, dreißig, vierzig Jahre alten Landkarten (die in uns gespeicherten Erfahrungen und daraus gezogenen Schlussfolgerungen) zu aktualisieren, oder nicht?
Das Symptom ist die Lösung: Das bedeutet, dass ein Problem, das wir trotz verschiedener Versuche bisher nicht befriedigend lösen konnten, meist auf einen inneren, unbewussten Konflikt hinweist. Doch in unserem Symptom steckt auch gleichzeitig die Lösung. Ängsten beispielsweise sollte man aktiv entgegengehen, um erleben zu können, dass sie aushaltbar sind, dass sie schwächer werden, eines Tages sogar ganz verschwinden. Es geht darum, so oft wie möglich zu erleben, dass wir stärker sind als unsere Ängste.
Suchen wir also die Ursachen, warum wir bisher keine anderen Lösungsstrategien entwickelt haben, die ähnlich gut oder sogar besser funktionieren. Immer wieder lädt der Autor zu verblüffenden Experimenten ein, bei denen wir unsere Komfortzone verlassen müssen. Denn: Neurobiologisch gesehen brauchen wir eine starke gefühlsmäßige Beteiligung, damit sich ein neues Verhalten einspuren kann. Erst durch erlebte Emotionen bei neuen Erfahrungen ändert sich etwas in unseren Landkarten. Neue Lösungswege auszuprobieren, hilft uns, unsere inneren Konflikte bzw. Trigger zu einem Problem aufzuspüren und erfolgreich zu bearbeiten. So kommen wir von Problembildern in unserem Kopf zu Lösungsbildern.
Ich kann auch anders ist eindeutig ein Arbeitsbuch, mit dem man auf eine spannende Entdeckungsreise gehen kann. Das unentdeckte Land ist in diesem Fall unsere Persönlichkeit. Wer nicht dazu bereit ist, das eine oder andere vorgeschlagene Experiment auszuprobieren, wird nicht von diesem Buch profitieren. Am Anfang steht nämlich: Ich will auch anders.
Wer will, findet Wege.
Wer nicht will, findet Gründe.
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