Buchvorstellung – »Unsere Innere Uhr«

Jahrtausendelang orientierten sich Menschen am astronomischen Mittag und am tatsächlichen Sonnenstand. Die alten Griechen begannen Sonnenuhren zu bauen und nannten sie passend Schattenjäger. Die Entwicklungsgeschichte der äußeren Uhren zeige, so die Autoren Jürgen Zulley und Barabara Knab, dass die Uhren den Menschen immer näher kamen: Von den mächtigen, aber entfernten mittelalterlichen Kirchturmuhren über große Pendeluhren im Haus bis hin zu tragbaren Taschenuhren und Armbanduhren. Die Kehrseite der Medaille:
»Seit wir ständig genau wissen, wie spät es ist,
kommen wir rund um die Uhr in Zeitnot.«
Und nun auch noch eine »innere Uhr«? Ja, doch Chronobiologen zögen es inzwischen vor, von zirkadianen (biologische Rhythmen mit einer Periodenlänge von etwa 24 Stunden) Systemen oder von Rhythmusgeneratoren statt von Uhren zu sprechen. Die Chronobiologie (von griech. chronos für Zeit und biologia für Lehre vom Leben) erforscht, wie die Zeit und das Leben auf der Erde zusammenhängen. Interessant: Die Chronopharmakologie untersucht nicht nur die Reaktion auf Arzneimittel, sondern auch wie sich Symptome charakteristisch über den Tag verändern (Alkohol wirkt bspw. morgens stärker als abends) oder wann Arzneimittel am besten wirken (Arzneimittel gegen Asthma wirken bspw. abends besser).
Professor für Biologische Psychologie Jürgen Zulley, der zum Forscherteam der Andechser Chronobiologen gehörte, und Psychotherapeutin Barbara Knab informieren über die Entdeckung der Inneren Uhr durch die Chronobiologie und zeigen, was daraus für unser Leben folgen sollte. Ihr 223-seitiges Sachbuch Unsere Innere Uhr: Natürliche Rhythmen nutzen und der Non-Stop-Belastung entgehen, Herder Verlag, Freiburg im Breigau 2000, zeigt, dass unsere natürlichen Rhythmen zwar flexibel sind, alles muss ja in der heutigen Zeit überall und zu jeder Zeit funktionieren, sich aber nicht grenzenlos überlisten lassen, wenn wir die Nacht zum Tag machen.
Zu den Versuchspersonen im sogenannten Andechser Bunker in Oberbayern, wo experimentiell Zeitlosigkeit hergestellt wurde, um zu sehen, wie sich der Tages-Nacht-Rhythmus von Menschen entwickeln würde, hätte ich allerdings nicht gehören wollen; schon der Rektalfühler, der zur Temperaturmessung dauernd im Hintern steckte und durch ein sechs Meter langes Kabel mit dem Aufzeichnungsgerät verbunden war, hätte mich überaus gestört.
Tatsache ist jedoch, dass es in den 25 Jahren (von 1964 bis 1989), in denen dort Experimente durchgeführt wurden, nie einen Mangel an Freiwilligen gab. Nur 4 Prozent der 400 Probanden brachen ab, aber wegen äußerer Umstände. Die meisten waren sehr traurig, als sie ihr Isolationsapartment in Andechs wieder verlassen mussten, in dem sie viele Wochen abgeschirmt von äußeren Taktgebern, von Tageslicht und anderen Menschen, unter der Erde in völliger Reizarmut lebten. Manche ließen sich sogar erst von der Tageszeitung überzeugen, dass die Versuchszeit vorbei war.
Denn das überraschende Forschungsergebnis war: Die »subjektiven inneren« Tage im Andechser Bunker waren länger als 24 Stunden! Bei den meisten Probanden hatte sich der Tag auf 25 Stunden gedehnt, bei einigen taktete die innere Uhr sogar 26 Stunden oder mehr. Nur bei wenigen Menschen entsprach die innere Uhr den astronomisch »normalen« 24 Stunden oder gar weniger! Alle blieben auch im Bunker rund zwei Drittel des Tages wach, ein Drittel schliefen sie, nur dass die meisten jeden Tag etwas später aufstanden.
Das wichtigste Fazit, das gezogen wurde: Ohne natürliches Tageslicht können sich unsere inneren 25-Stunden-Rhythmen nur sehr schwer dem 24-Stunden-Tag anpassen; wir desynchronisieren, was uns gesundheitlich aus der Balance bringt mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder einem geschwächten Immunsystem. Ältere Menschen, die viel Zeit in ihrer Wohnung verbringen, noch dazu unregelmäßig essen, begegnen den wichtigen Zeitgebern deutlich weniger: natürlichem Tageslicht, sozialen Kontakten und einem geregelten Tagesablauf durch feste MahlZEITen. Aber diese Zeitgeber sind extrem wichtig, denn sie halten unsere chronobiologischen Körperrhythmen im Takt.
Siesta – die Chronobiologie rehabilitiert den Mittagsschlaf
»Zwischen Mittagessen und Abendessen muss man schlafen, und zwar keine halben Sachen. Ziehen Sie Ihre Kleider aus und legen Sie sich ins Bett … denken Sie bloß nicht, dass Sie weniger Arbeit schaffen, wenn Sie am Tage schlafen. Das ist eine dumme Idee von Leuten ohne Vorstellungsvermögen. Sie werden sogar mehr bewerkstelligen. Sie bekommen zwei Tage in einem – nun gut, wenigstens eineinhalb Tage, da bin ich sicher.« (Winston Churchill)
Das spanische Wort Siesta entwickelte sich aus Latein hora sexta (sechste Stunde), wobei sich die Zählung auf die Stunden nach Sonnenaufgang bezog, was auf die heißeste Zeit des Tages fiel, noch heute aus chronobiologischer Sicht die beste Zeit für einen Mittagsschlaf. Mehr als zwei Drittel der Menschen über 60, die nicht mehr berufstätig und nicht mehr gezwungen sind, mittags durchzumachen, »schlafen ungeniert am Mittag und geben es auch zu.«
In China hat das Recht auf Xeu-Xi (Mittagsschlaf) den Rang eines Grundrechts, so die Autoren. Die TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) betrachte ihn als Mittel, die Gesundheit vor allem älterer Menschen zu erhalten. Inzwischen hätten chinesische Wissenschaftler mehrfach empirisch dokumentiert, dass diejenigen besonders alt werden, die mittags regelmäßig schlafen. Neun von zehn Schanghaier Bürgern, die älter sind als hundert Jahre, schlafen jeden Mittag. Übrigens, in alter Zeit konnte man in China die Zeit quasi »riechen«, denn ihre Räucherstäbchen genormter Länge und Brenndauer hatten je nach Tageszeit eine eigene Duftnote.
Im christlichen Abendland haben viele Maler die Lust des Mittagsschlafs verewigt. Und von Einsteins Mittagsschlaf mit einem Schlüsselbund in der Hand haben wir sicher alle schon einmal gehört. Um Schlaftrunkenheit (hat etwas von Betrunken-Sein) nach dem Mittagsschlaf zu vermeiden, geben die Autoren den Tipp, kurz vor dem Schläfchen einen Kaffee zu trinken, da das Koffein erst nach 30 Minuten wirke. Notorische Mittagsschläfer haben offenbar sogar die Fähigkeit, sich auf ihr Nickerchen vorzubereiten – ihre Körpertemperatur sinke vorher ein wenig: »Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes ›cool‹.«
Der Nachweis, dass der Mittagsschlaf zum normalen biologischen Programm gehört, wurde übrigens bei Andechser Schlafexperimenten erbracht, bei denen viele einen heimlichen Mittagsschlaf machten, bevor das experimentielle Mittagsschlaf-Verbot im Andechser Bunker 1984 aufgehoben wurde und sich herausstellte, dass plötzlich drei Viertel der Versuchspersonen einen Mittagsschlaf machten. Unser Mittags-Tief ist also – genau wie das Tief in der Nacht um drei Uhr – ziemlich unabhängig von anderen Zeitgebern eine klar chronobiologische Größe.
Der Schlafforscher Peretz Lavie nannte die Tageszeiten, in denen man besonders leicht einschläft, sleep gates (Schlaftore bzw. Schlaffenster). Am weitesten steht das Tor zum Schlummer in der Nacht gegen drei Uhr offen (sogenannte »biologische Geisterstunde«, da die Körperkerntemperatur am tiefsten ist), aber auch am frühen Nachmittag zwischen 13 und 14 Uhr öffnet sich das Schlaftor ein wenig mehr. Bei den Andechser Experimenten stellte sich heraus, dass Menschen, denen langweilig ist, regelmäßig in Abständen von vier Stunden einschlafen, bevorzugt zwischen 9 und 10 Uhr, 13 und 14 Uhr sowie 17 und 18 Uhr.
Ist der Mittagsschlaf nun so ein Vergnügen wie etwa Schokolade-Essen oder ist er auch nützlich?
Nun, eine Siesta-Kultur wäre auch für Deutschland zu empfehlen, denn nach einem Mittagsschlaf können Menschen schneller reagieren, aufmerksamer und konzentrierter arbeiten und sind besser gelaunt. Und noch etwas:
»Neue Ideen und kreative Einfälle kommen einem selten,
wenn man auf Hochtouren läuft. Sie kommen, wenn wir innehalten.«
Augen
Andere Forscher haben die Folgen eines freiwilligen Schlafentzugs von mehreren Tagen untersucht. Es zeigte sich unter anderem, dass die Augen der Versuchspersonen schmerzten und brannten und es ihnen schwerfiel, einen Gegenstand zu fixieren. Oft sahen sie Gegenstände doppelt oder konnten ihre Umgebung nur mit besonderer Konzentration korrekt wahrnehmen oder gar lesen. Die Augen brauchen also ihre »Auszeit« bzw. die nächtliche Regenerationszeit ganz besonders. Bei einer regelmäßigen Schlafverkürzung leiden speziell die Augen.
Es gibt noch so viel mehr, was uns die Chronobiologie zeigt. Die Autoren werfen am Schluss in Verbindung mit der Erkenntnis, dass eine Lichttherapie besser hilft als Antidepressiva, die Frage auf, ob die sommerlichen Menschenmassen am Strand, welche die Haut so weit wie möglich der Sonne aussetzen, eine Art intuitive Selbstbehandlung machen, sozusagen die älteste antidepressive Therapie durchführen. Und sie geben uns einen weiteren Denkanstoß mit folgendem Satz:
»Genuss ist undenkbar ohne innere Ruhe und äußere Zeit.«
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