Elefantöses – Airavata, der weiße Elefant

1670-1680 made in: India, Rajasthan, Amber, South Asia
Indische Miniatur (Titelbild)
Das obige Titelbild ist eine indische Miniatur nach einer Geschichte aus der Jain-Sammlung Panchakalyanaka (Fünf glückverheißende Ereignisse im Leben von Rishabha), die aus dem Leben des ersten Tirthankara, einem spirituellen Führer im Jainismus, berichtet. Aus dem Jainismus, einer alten, indischen Religion, die auf dem Prinzip der Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen basiert, stammt unter anderem das bekannte Gleichnis über die blinden Männer und den Elefanten, das auch in meinem Minilexikon für Schulkinder Der Elefant von A bis Z vorkommt.
Indra, eine vedische Gottheit, die früh in den Jain-Götterhimmel aufgenommen wurde, und seine Gattin Indrani reiten auf dem heiligen weißen Elefanten Airavata, der oft mit mehreren Köpfen dargestellt wird. Von ihm sollen gemäß hinduistischer Mythologie alle Elefanten abstammen. Der Prozessionszug bewegt sich zum Haus des neugeborenen Rishabha, der seiner Mutter weggenommen werden soll, um ihn auf dem Berg Meru zu verehren, dem mythologischen Weltenberg im Zentrum des Universums. Am Himmel huldigen Fliegenwedler und links im Bild Adoranten mit Fahnen, die als Statussymbole und Hoheitszeichen gelten.
Albinoelefanten
Albinoelefanten haben aufgrund einer sehr selten vorkommenden Anomalie eine deutlich hellere Haut, allerdings nicht so weiß, wie es auf vielen Illustrationen abgebildet ist. Da sie in der Natur sehr selten sind, gelten sie als starkes Glückssymbol. Ihnen wird himmlische Kraft zugeschrieben; wer sie besitzt, steht unter besonderem göttlichen Schutz; ihm wird Macht und Reichtum geschenkt. Deshalb werden seit Jahrhunderten weiße Elefanten in Indien, Myanmar und Thailand als Symbol für königliche Macht und Glück an Königshöfen gehalten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts schmückte ein weißer Elefant die Flagge Thailands (damals Siam).
Übertragene Bedeutung des weißen Elefanten
In der Vergangenheit verschenkte der König von Siam Elefanten an Freunde und Verbündete, manchmal auch an einen in Ungnade gefallenen Höfling. Der unglückliche Empfänger, der das ehrenvolle Geschenk nicht ablehnen konnte, erlitt schwere finanzielle Einbußen bis hin zum Bankrott, denn die heiligen Tiere durften nicht zur Arbeit herangezogen werden, brauchten aber viel Pflege und verursachten hohe Unterhaltskosten. Deswegen ist ein »weißer Elefant« in übertragenem Sinn eine Sache, die hohe Kosten und einen hohen Aufwand erfordert, aber kaum Nutzen bringt, zum Beispiel ein überflüssiges Bauwerk bzw. eine Investitionsruine oder ein gescheitertes Großprojekt. Ein »weißer Elefant« kann auch ein Angestellter sein, den man gern los wäre, da für ihn kaum Verwendung besteht, der jedoch unkündbar ist.
Airavata kam aus dem Milchmeer
Der Name Airavata geht ethymologisch auf das Wort Iravat zurück, was aus dem Wasser bzw. Ozean stammend bedeutet und bezieht sich auf den indischen Ur-Mythos vom Quirlen des Milchozeans. Bei Airavata war es so, dass die Devas (Engel) und die Asuras (Dämonen) etwas gemeinsam tun wollten. Sie quirlten den Milchozean, indem sie die Weltenschlange um den Weltenberg Meru legten und dann mit dieser Schlange den Berg drehten, der sich inmitten des Weltozeans befand. Beim Aufschäumen entstanden alle möglichen wunderbaren Gaben und Wesen wie der Trank der Unsterblichkeit, die Göttin des Glücks namens Lakshmi oder eben auch der erste Elefant Airavata. Der großartige, majestätische Elefant symbolisiert Größe und Glück; somit steht er für die Gottheit Indra selbst, während er gleichzeitig als sein Reittier gilt.
Gemäß hinduistischem Glauben ist der Milchozean letztlich eine Metapher für den menschlichen Geist, der machtvoll ist; es gilt, ihn zu trainieren, über ihn hinauszukommen, zu transzendieren. So wie du Milch quirlen kannst, die zu Sahne und letztlich zu Butter wird, so ähnlich kannst du als Hindu den menschlichen Geist mit spirituellen Praktiken »quirlen«, sodass du über ihn hinauswächst und wundervolle Dinge entstehen. Am Ende erfährst du Erleuchtung, Erlösung und Gottverwirklichung, das heißt du wirst Gott voll und ganz erfahren, mit ihm verschmelzen, indem du dich als reines Bewusstsein erfährst, eins mit der Weltenseele, eins mit Gott.
Erawan
Die thailändische Form des mythischen Elefanten Airavata ist Erawan. Er ist riesenhaft, so groß wie ein Berg und hat bis zu 33 Köpfe, wobei jeder Kopf mit sieben Stoßzähnen ausgestattet ist. In jedem Stoßzahn gibt es sieben Teiche, in jedem Teich sieben Lotuspflanzen; jede Lotuspflanze hat sieben Blüten, eine jede mit sieben Blütenblättern; auf jedem Blütenblatt gibt es sieben weibliche Devatas (Schutz-/Naturgeister), die darauf tanzen. Erawan bzw. Airavata ist das Reittier des hinduistischen Gottes des Regens und des Donners Indra, des Herrschers über den Tavatimsa-Himmel (Himmel der 33 Götter), der Wohnstatt von 33 Göttern vedischen Ursprungs.
Der riesige weiße Elefant gilt als König der Elefanten; er und seine Nachkommen sind nicht nur wichtige Glückssymbole, sondern gelten auch als Regenbringer. Sie sind in der Lage, Wolken zu erschaffen, indem sie mit ihren Rüsseln Wasser aus der Unterwelt saugen und es in den Himmel sprühen, um zur rechten Zeit die Wolken zu erzeugen, die den willkommenen Monsunregen und damit Fruchtbarkeit und Wohlstand bringen. Airavatas Gattin ist Abhramu (Wolkenbinderin), die urzeitliche Mutter der Wolkenelefanten.
Geflügelte Elefanten
Im ersten Weltalter hatten die Elefanten des indischen Kulturkreises sogar Flügel, die sie durch ihren Übermut verloren. Ein Schwarm fliegender Elefanten ließ sich einst auf einem Ast eines riesigen Banyanbaums nieder. Der umgerechnet rund tausend Kilometer lange Ast brach und zerriss das Land, als er zu Boden fiel. Unter dem Baum saß ein Asket, der gerade seine Schüler unterrichtete. Einige von ihnen wurden tödlich getroffen, die Elefanten flogen unbekümmert auf den nächsten Ast, worauf sie der Heilige in seinem Zorn verfluchte, fortan flügellos den Menschen als Reittier zu dienen. Die Worte eines Heiligenkönnen auch Götter nicht unausgesprochen machen. Seither helfen die Elefanten mit ihrem Gewicht, so wie es auch die Berge tun, die unsichere Erde zu festigen.
Die nachfolgende Abbildung ist eine prominente Darstellung der Gaja-Lakshmi. Sie sitzt auf einer Lotusblüte, dem Symbol von Reinheit und Vollkommenheit, flankiert von zwei Elefanten (gajah in Sanskrit, daher Gaja-Lakshmi). Die Glücksgöttin Lakshmi hält eine Lotusblume in ihrer rechten unteren Hand und wringt ihr nasses Haar mit ihren oberen Händen aus, während ihre linke untere Hand auf ihrem Schoß ruht. Die Elefanten haben kleine Flügel in Anlehnung an den alten Mythos, in dem Elefanten noch frei durch den Himmel streiften. Die geflügelten Elefanten übergießen Lakshmi mit Wasser aus Krügen, die sie in ihren erhobenen Rüsseln tragen, was ein Symbol für Regen und Fruchtbarkeit ist, und somit für Überfluss und Wohlstand steht.

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