Buchvorstellung – »Weihnachten mit Agatha Christie«

Cover fürs Buch »Weihnachten mit Agatha Christie«

»Seit Lucrezia Borgia bin ich die Frau,
die am meisten Menschen umgebracht hat,
allerdings mit der Schreibmaschine.«

Agatha Christie

Die von Agatha Christie (1890-1976) geschaffenen Romanhelden Hercule Poirot und Miss Marple sind – unter anderem auch durch die Verfilmungen – einem Millionenpublikum bekannt. Aus nostalgischen Gründen lese ich gern hin und wieder einen Krimi der britischen Schriftstellerin, so wie kürzlich ihren meistverkauften und verblüffendsten Krimi Und dann gab’s keines mehr.

In dem hier vorgestellten 272-seitigen Sammelband Weihnachten mit Agatha Christie, Atlantik Verlag, Hamburg 2023, sind alle ihre weihnachtlichen Geschichten zusammengetragen geworden, die Agatha-Christie-Fans am besten häppchenweise zum Jahresausklang lesen.

Abney Hall
In der ersten Geschichte, die sehr gemächlich und träge dahinfließt, teilt sie ihre Kindheitserinnerungen an Weihnachtsfeste, die sie auf Abney Hall erlebt hat: »Eine bäurische, gefräßige Zeit? Ja, aber auch eine Zeit des Lebensgenusses und der Lebensfreude. Wenn ich bedenke, was ich in meiner Jugend gefuttert habe – denn ich war immer hungrig, kann ich einfach nicht verstehen, wie ich es schaffte, so mager zu bleiben – eine richtige Bohnenstange.«

Der letzte private Eigentümer von Abney Hall, James Watts (1878-1957), im Sammelband Jimmy genannt, war der Schwager von Agatha Christie. Wenn sie ihre Schwester besuchte, übernachtete sie dort; auch schrieb sie auf Abney Hall einige ihrer Kurzgeschichten.

Abney Hall ist ein stattliches viktorianisches Haus, umgeben von einem Park in Cheadle, in der Nähe von Stockport, Cheshire, im Nordwesten Englands. Das heute unter Denkmalschutz stehende Anwesen stammt aus dem Jahr 1847. Im Jahr 1857, während eines zweitägigen Besuchs in Manchester, besuchte Prinz Albert (1819-1861), der Prinzgemahl von Königin Victoria (1819-1901), Abney Hall und beschrieb es als »eines der fürstlichsten Anwesen in der Nachbarschaft«.

Agatha Christies Beschreibungen anderer fiktiver Herrenhäuser sind größtenteils Variationen von Abney Hall. Es wurde zu ihrer größter Inspiration für das Landhausleben mit all seiner Pracht, den Bediensteten und Festmählern, die sie in ihre Kriminalromane eingewoben hat.

Marple & Co.
Die Watts besaßen noch ein nur 14 Meilen von Abney Hall entferntes weiteres Anwesen in der Nähe des Dorfes Hayfield, das Upper House. Zwischen den beiden Anwesen lag die Stadt Marple, die Agatha Christie als Inspiration für den Namen ihrer berühmten Detektivin diente.

Miss Marple begegnen wir im Sammelband in der Kurzgeschichte Eine Weihnachtstragödie, in der sich Sir Henry Clithering in der geselligen Runde nachdrücklich darüber beschwert, dass sich die anwesenden Damen nicht angemessen daran beteiligt hätten, Geschichten zu erzählen: »Ich bestehe nicht unbedingt auf Blut […], aber bestimmt hat eine unserer Damen ein Lieblingsgeheimnis. Das fällt doch in Ihr Fach, Miss Marple: ›Die seltsamen Zufälligkeiten im Leben der Zugehfrau‹ oder ›Das Nähkränzchenmysterium‹. St. Mary Mead wird mich doch nicht enttäuschen?«

Fans der Krimi-Autorin kennen natürlich St. Mary Mead aus Agatha Christies Kriminalromanen. Das fiktive Dorf repräsentiert ein typisches, kleines englisches Dorf, in dem sich durch das scheinbar idyllische Leben hindurch Kriminalfälle ereignen, welche die dort lebende Hobbydetektivin Miss Marple löst.

Im Sammelband antwortet Miss Marple Sir Henry Clithering mit einer Aussage, die auch auf Märchen zutrifft, die meist ebenfalls einen historischen Kern haben: »[…] Der springende Punkt ist doch der: Wie oft beruhen Klatsch und Tratsch, wie Sie es nennen, auf der Wahrheit! Nämlich – wenn man sich die Mühe machen würde, ehrlich die Faktenlage zu prüfen – in neun von zehn Fällen.« Und dann erzählt Miss Marple von ihrer persönlichen Tragödie, wie sie einmal einen raffinierten Mord, den sie vorausgeahnt hatte, nicht verhindern konnte.

Neben Miss Marple haben in diesem Sammelband auch Petrus, Maria und Josef, ein unfolgsamer Esel, vierzehn aus der Zeit gefallene Nothelfer und viele weitere Figuren so charmante und verrückte Auftritte wie die »funkelnde lockende Göttin«. Alle zeugen von der blühenden Phantasie der Krimi-Autorin und davon, dass ihrer Ansicht nach Wunder des Himmels immer und überall geschehen können, auch in der Alltagswelt. So entwirft Agatha Christie ein weihnachtliches Zauberland, in dem sich die Schriftstellerin mal von einer ganz anderen Seite zeigt – mit beschaulichen, emotional berührenden Geschichten, die Sätze enthalten wie: »Niemand behandelt einen mehr wie ’n Mensch, so weit ist es gekommen …«

Hercule Poirot
Natürlich fehlt auch nicht der belgische Privatdetektiv Hercule Poirot. Er ist der Star der längsten Passage in diesem Sammelband, einer kriminellen Kurzgeschichte mit dem Titel Das Geheimnis des Plumpuddings, die darin sogar zweimal abgedruckt wurde: In der frühen Fassung von 1923, die für den Sammelband neu übersetzt wurde, und in der späteren Fassung von 1960 aus Das große Hercule-Poirot-Buch. Die besten Kriminalgeschichten.

Wie Miss Marple erzählt zudem auch Poirot – in Verbindung mit einer Pralinenschachtel – seine »Geschichte des Scheiterns«. Ich habe mich gefragt, ob sich Agatha Christie vielleicht auch mit Versagensängsten und daraus resultierenden Schreibblockaden herumgeschlagen hat. Die Lösung könnte für sie so ausgesehen haben:

»Das Geheimnis
des Vorankommens
ist der Anfang.«

Agatha Christie

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