Buchvorstellung – Agatha Christie: »Und dann gab’s keines mehr«

Cover fürs Buch »Und dann gab's keines mehr«

»Vera stellte sich vor den Kamin und las.
Es handelte sich um einen alten Abzählreim, den sie noch aus ihrer Kindheit kannte.

Zehn kleine Kriegerlein, die tranken zu viel Wein;
Das eine hat sich arg verschluckt, da waren’s nur noch neun.

Neun kleine Kriegerlein, die legten sich zur Nacht;
Das eine wachte nicht mehr auf, da waren’s nur noch acht.

Acht kleine Kriegerlein wollten in Devon siegen;
Das eine blieb für immer dort, da waren’s nur noch sieben.

Sieben kleine Kriegerlein, die hackten Holz zurecht;
Das eine hackt‘ sich selbst entzwei, da waren’s nur noch sechs.

Sechs kleine Kriegerlein, die gingen in die Sümpf‘;
Das eine stach die Biene tot, da waren’s nur noch fünf.

Fünf kleine Kriegerlein, die wollten gern studiern;
Das eine nahm den Richterhut, da waren’s nur noch vier.

Vier kleine Kriegerlein, die fühlten sich so frei;
Eins musste zum Manöver fort, da waren’s nur noch drei.

Drei kleine Kriegerlein, die liefen in den Zoo;
Das eine hat der Bär umarmt, da waren’s nur noch zwo.

Zwei kleine Kriegerlein saßen im Sonnenschein;
Das eine fiel vor Hitze um, das andre war allein.

Ein kleines Kriegerlein, das fürchtete sich sehr;
Es ging und hat sich aufgehängt, und dann gab’s keines mehr.«

Zur Krimiautorin
Dame Agatha Mary Clarissa Christie, Lady Mallowan, (* 15. September 1890 in Torquay, Grafschaft Devon; † 12. Januar 1976 in Wallingford, gebürtig Agatha Mary Clarissa Miller) zählt mit einer verkauften Weltauflage ihrer Bücher von über zwei Milliarden zu den erfolgreichsten Autoren/Autorinnen der Literaturgeschichte. Sie begründete den modernen britischen Kriminalroman. Zu dem hier vorgestellten Krimi Und dann gab’s keines mehr, Atlantik, ein Imprint des Hoffmann und Campe Verlags, Hamburg 2023 – von der New York Times als »der verblüffendste Krimi, den Christie je schrieb« bezeichnet – schrieb Agatha Christie selbst in einer

Vorbemerkung:
»Ich hatte das Buch Und dann gab’s keines mehr geschrieben, weil die Problemstellung so schwierig war, dass mich die Aufgabe reizte. Zehn Menschen sollten sterben, ohne dass es lächerlich wirkte und ohne dass man den Mörder erraten konnte. Ich musste sehr lange und gründlich planen, war aber dann mit meiner Arbeit zufrieden. Das Buch wurde freundlich aufgenommen und erhielt wohlwollende Kritiken, aber die größte Freude daran hatte ich, denn ich wusste besser als jeder Kritiker, wie schwer es gewesen war.«

Zum Inhalt
Zehn Männer und Frauen aus ganz unterschiedlichen Kreisen bekommen eine Einladung, die sie auf die abgeschiedene Insel Soldier Island (Soldateninsel) vor der Küste Devons lockt, »stinkende, von Möwen bevölkerte Felsen eine Meile vor der Küste«. Der Gastgeber, ein gewisser U. N. Owen, der sich nach Aussage des Butlers »leider verspätet … Anreise nicht vor morgen«, bleibt unsichtbar. Erst als die Gesellschaft beim Dinner zusammensitzt, ertönt seine Stimme aus einem alten Grammophon und verheißt Unheil mit den Worten: Ihnen werden die folgenden Verbrechen zur Last gelegt …

Ein Gast nach dem anderen, von denen jeder den obigen Kinderreim gerahmt über dem Kaminsims hängen hat, kommt zu Tode, während die Verbleibenden verzweifelt versuchen, den Mörder zu enttarnen …

Anfangs hoffen alle darauf, sich mit dem Boot, das sie auf die Insel gebracht hat, aufs Festland retten zu können. Doch ein Gast sieht es so: »Fakt ist jedoch, dass wir diese Insel nicht mehr verlassen werden … Keiner von uns. Das ist das Ende, verstehen Sie? Das Ende von allem.« Irgendwann wird den noch verbliebenen Gästen klar: »[Es] bleibt nur eine einzige Möglichkeit. Mr Owen muss auf demselben Weg auf die Insel gelangt sein wie wir. Es ist glasklar: Er ist einer von uns …«

Und dann, als feststeht, dass unter ihnen »ein falsches kleines Kriegerlein« ist, geht der Wahnsinn erst richtig los. Denn nun verdächtigt jeder jeden, das eiskalt mordende »Monster in Menschengestalt« zu sein. Während draußen der Sturm zunimmt und der Wind um die Millionärsvilla heult, weiß Agatha Christie gekonnt die bleierne Angst und das Misstrauen zu schildern, mit denen sich die innerlich aufgewühlten Gäste gegenseitig beäugen: »Ihre Gedanken rasten im Kreis wie eingesperrte Eichhörnchen.« Die Stimmung ist zum Bersten angespannt. »Und auf einmal wirkten sie weniger menschlich. Anscheinend waren sie dabei, sich in Tiere zu verwandeln.«

Epilog
Agatha Christie hält den Spannungsbogen bis zum Schluss sehr hoch. Selbst am Ende des Krimis bleiben bei Scotland Yard und natürlich auch bei den Lesern noch viele Fragen offen. Ich war tatsächlich verblüfft über den Schluss – das ausführliche Geständnis, welches das Rätsel vollends löst. Wahrhaft ein schriftstellerisches Meisterwerk von Agatha Christie!

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