Buchvorstellung – »Zu hoch hinaus: Ein Berlin-Krimi«

»Wer, wie der Zugvogel, Rettung sucht durch Wechsel des Ortes,
der findet sie nicht, denn für ihn ist die Welt überall gleich.«
Anton Tschechow (1860-1904)
Als die 58-jährige Kriminalrätin Marion Kraefft im Bücherregal einer Toten, das mit Werken von Tolstoi, Dostojewski, Pasternak und Tschechow bestückt ist, ein Lesezeichen mit diesem Spruch entdeckt, steckt sie es instinktiv in die Tasche ihrer Jeansjacke, ohne diesen Fund in die Beschlagnahmeliste eintragen zu lassen. Hatte die klassische russische Literatur Polina etwas bedeutet oder benutzte sie diese als Statussymbol?
Ihr Kriminalistenherz macht einen Sprung, als sie kurz darauf Polinas Tagebuchaufzeichnungen entdeckt. Ehrliche, ungeschönte Aufzeichnungen eines Opfers brachten einen häufig auf die Spur. Nostalgische Musik aus Russland erklingt, als ihre Musikanlage angedreht wird. Hatte das Heimweh Polina gepackt? Da wird ihr wichtiger Fund gemeldet: Lithium, ein Medikament gegen die bipolare Störung. Was hatte der Juniorchef gestern Abend über sie gesagt? »Polina hatte eine Ausstrahlung, als ob sie unter Strom stünde.« War eine psychische Erkrankung die Ursache dafür, dass Polina gefährliche Geschäfte eingegangen war?
Nach ihrem Babelsberg-Krimi Abgedreht las ich auch den 232-seitigen Lokalkrimi Zu hoch hinaus: Ein Berlin-Krimi, Sutton Verlag, Erfurt 2015, von Susanne Rüster, die unter anderem als Staatsanwältin im Bereich Wirtschaftskriminalität tätig war. In ihrem zweiten Kriminalroman geht es um die Aufklärung eines scheinbaren Unfalls, der sich als heimtückischer Mord erweist: Polina Karova, eine junge ehrgeizige Architektin der großen Berliner Baufirma Karstaedt & Theissen, die für ein aktuelles russisches Bauprojekt in ihrer Heimatstadt Omsk in Sibirien zuständig war, stirbt auf dramatische Weise bei einem Kart-Rennen, das anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums stattfand.
Ein rasanter Einstieg in einen raffiniert inszenierten Mord. Doch während ihrer Ermittlungen stößt Kriminalrätin Marion Kraefft im Umfeld der Toten auf so viele verschiedene Spuren, dass Leser/Leserinnen lange rätseln können, ob persönliche Motive wie Eifersucht, Kränkung, Rache oder Rivalität zu ihrem Tod geführt haben. Geht es um Wirtschaftsspionage und hat gar die russische Mafia ihre Finger im Spiel oder hat vielleicht das Heute seine Wurzeln in der Vergangenheit des Seniorchefs?
»Ich habe einen Mord aufzuklären und keine Zeit zur Aufarbeitung möglicher Machenschaften in der DDR.«
»Die DDR lebt weiter, zumindest in einigen Gehirnen. Wer so viel Geld mit einer umgewandelten DDR-Baufirma gemacht hat, hat schon in der DDR Wurzeln gehabt. Es sind dieselben, die damals andere bespitzelt und verraten haben, um Karriere zu machen.«
Da jeder Tag zählt, wenn man einen Mörder sucht. Kriminalrätin Marion Kraefft versucht, sich ein Bild von der jungen Frau zu machen, die vor sechs Jahren in Sibirien ihre Reisetasche gepackt hat, um nach Berlin zu gehen und sicher jede Menge Pläne für die Zukunft im Gepäck gehabt hat. In ihrem Tagebuch hat sie gelesen: »Meine Arbeit bei Karstaedt & Theissen ist das, was meine Existenz ausmacht. Meine Zukunft ist unendlich und meine einzige Angst ist, dass ich es nicht schaffe, sie vollständig zu erobern. […] Manche sagen, das Geheimnis von Glück besteht in der Zufriedenheit mit dem, was man hat. Diese Art Glück kenne ich nicht.« Und nun ist die 28-Jährige hier auf einer Metallpritsche im Obduktionssaal aufgebahrt.
Die Rechtsmedizinerin reicht ihr einen Zettel, den Polina im Rennanzug hatte. Es ist ein Gedicht, geschrieben mit Füllfederhalter in akkurater, leicht verschnörkelter Schreibschrift:
»Wer, wie der Zugvogel, Rettung sucht durch Wechsel des Ortes,
der findet sie nicht, denn für ihn ist die Welt überall gleich.«
Was hatte diese zielstrebige, übersprudelnde Frau im Innern bewegt, sich für ein Rennen diese melancholischen Zeilen einzustecken? Es wird noch etwas dauern, bis sich der Schleier vor ihren Augen lichtet.
Über das interessante Zitat, das ganz am Ende noch ein drittes Mal auftaucht, und wie es mit der Krimigeschichte zusammenhängt, habe ich mir im Nachhinein noch Gedanken gemacht. Es ist ein Zitat über die Illusion der Flucht oder der Suche des Glücks durch einen Ortswechsel und die Erkenntnis, dass die innere Welt, nicht die äußere, verändert werden muss, um wahre Rettung oder Glück zu finden. Ein »Wechsel des Ortes« bringt keine Lösung bzw. die Welt ist deshalb »überall gleich«, wenn derjenige seine eigene innere Verfassung, seine Probleme und seine Einstellung zum Leben mitnimmt. Eine äußere Veränderung ist keine wahre Veränderung, wenn die innere Realität dieselbe bleibt.
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