Buchvorstellung – »Abgedreht: Ein Potsdam-Babelsberg-Krimi«

»Das Filmprojekt der Schauspielerin und Produzentin Sophie Graf, das sie infolge ihres gewaltsamen Todes nicht mehr verwirklichen konnte, dreht sich um Aufstieg und Absturz der Filmschauspielerin Elly Bartók im Berlin der neunzehnhundertzwanziger Jahre.
Titel: Bestes Mädchen
Genre: Melodrama
Schauspielerin werden, das ist alles, was ich möchte.
Für die Filmkarriere ist Elly Bartók bereit, über Leichen zu gehen. Produzenten, Regisseure, Kollegen, auch Familie und Freunde halten sie für das Beste Mädchen. Nur einer kennt ihre Ränkespiele. Er ist ihr Feind. Der Scheinwerfer, der ihr schönes Gesicht ausgeleuchtet hat, wird zur zentnerschweren Waffe.
Sie liegt am Boden.
Alles wird dunkel.
Der Tod ist angekommen.«
So beginnt der 208-seitige leichte Krimi Abgedreht: Ein POTSDAM-BABELSBERG-Krimi, Bild und Heimat Verlag, Berlin 2015, von der Potsdamer Richterin Susanne Küster. Und wieder einmal muss eine Sophie sterben wie schon in Dunkle Havel. Dieses Mal ist Sophie eine Schauspielerin und Filmproduzentin, die allerdings nicht auf die Art und Weise stirbt, wie die Hauptdarstellerin im oben zitierten Drehbuch ihres neuen Films vom Aufstieg und Fall einer Filmdiva, sondern als sie die lange Steintreppe zum Garten ihrer schicken Babelsberg-Villa hinunterstürzt. Es ist ein Anklang an die zahlreichen Filmschauspieler, die in Potsdam-Babelsberg wohnten, darunter Lilian Harvey, Brigitte Horney, Marika Rökk und Heinz Rühmann. Sie schätzten das besondere Flair der Villenkolonie am Griebnitzsee und die Nähe zur UFA.
Die 1917 gegründete Ufa (Universum Film AG) mit Hauptsitz im Potsdamer Stadtteil Babelsberg zählt zu den ältesten Filmunternehmen in Europa. Ich habe mir vor längerer Zeit eine Liste aller in Babelsberg gedrehten Filme angelegt; zu denen, die ich schon angeschaut habe gehören Der blaue Engel (1930), Die Feuerzangenbowle (1943/44), Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1972/73, Der Pianist (2002), Grand Budapest Hotel (2014) und Bridge of Spies (2015). Heute ist die UFA GmbH ein Tochterunternehmen des internationalen Medienkonzerns Bertelsmann und gilt mit vielen Serien, Reihen und täglichen Formaten (bspw. Gute Zeiten, schlechte Zeiten) als eine der größten deutschen Firmen im Bereich der Fernsehfilm- und TV-Produktionen.
In diesem Milieu spielt der Krimi Abgedreht. Ob wohl auf der Suche nach einem interessanten Titel die Kneipe Abgedreht im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eine Rolle gespielt hat? Denn Sabine Rüster, die in Berlin lebt und dort immer wieder Lesungen abhält, hat auch Berlin-Krimis wie den Debütkrimi Der letzte Tanz oder Zu hoch hinaus geschrieben. Zunächst dachte ich bei dem Titel Abgedreht an einen in der Filmbranche benutzten Fachbegriff dafür, dass die Dreharbeiten für einen Film abgeschlossen sind. Doch genau das ist nicht der Fall, denn die Hauptdarstellerin und Produzentin Sophie Graf stirbt, bevor ihr Filmprojekt abgeschlossen ist.
Natürlich ist sie nicht einfach nur tödlich verunglückt, wir sind schließlich in einem Krimi, und zudem gibt es einen jungen Augenzeugen, der gesehen hat, wie sie nach einem mitternächtlichen Streit die Treppe hinuntergestoßen wurde. Der Teenager Leon, ein Schüler des BFG (Babelsberger Filmgymnasium), verschwindet jedoch, nachdem er eine verspätete Aussage bei Hauptkommissar Wolff gemacht hat. Ebenso drückt sich offensichtlich eine Vertraute der Ermordeten vor einer Aussage – warum? Derweil hat es auch die junge Anwältin Verena Starke nicht leicht mit der Verteidigung des Hauptverdächtigen, des Ehemanns Sophies, eines erfolglosen Schriftstellers.
Ein bisschen erwartete ich, in diesem Lokalkrimi auf total abgedrehte Typen im Sinne von skurril und absonderlich zu stoßen, auf viele verrückte Künstler und überspannte Filmdiven, doch solche Erwartungen werden schon im Vorfeld auf der Coverrückseite gedämpft, wo es heißt: In ihrem klug komponierten Krimi Abgedreht wirft Susanne Rüster einen Blick hinter die imposanten Kulissen der Filmstadt Babelsberg und zeigt sie fernab der schillernden Scheinwelt in einem düsteren, blutroten Licht …
Nachdem ich diesen Sommer einige gerichtsmedizinische Krimis von Franziska Steinhauer gelesen habe, kam mir der Krimi Abgedreht im Vergleich dazu wenig spektakulär vor. Doch wer nicht so auf detaillierte Polizeiarbeit und detaillierte Beschreibungen brutaler Szenen steht, wird sich freuen, dass Abgedreht (2015) der erste Teil einer Trilogie um den Potsdamer Kommissar Uwe Wolff ist, der mit Landjäger (2017) und RaubLust (2019) seine Fortsetzung findet.
Die Krimiautorin Susanne Rüster, geboren 1954, war lange als Staatsanwältin für Wirtschaftskriminalität tätig, arbeitete fürs Radio, veröffentlichte Reisereportagen, Glossen und Kurzkrimis. Derzeit arbeitet sie als Ermittlungsführerin bei einer Psychotherapeutenkammer. Von Berufs wegen weiß sie, wie Täter vorgehen und Ermittler analysieren, weshalb sie sich dem Krimi-Genre verschrieben hat. Sie ist Mitglied in der Vereinigung Mörderische Schwestern, einem gemeinnütziger Verein, der das Ziel hat, Kultur und von Frauen verfasste deutschsprachige Kriminalliteratur zu fördern.
Wenn euch der Beitrag gefallen hat, würde ich mich über einen Kommentar von euch sehr freuen. Ihr könnt euch gern zu meinem monatlichen Newsletter anmelden.

Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!