Fotoausflug – Wandelhalle, Bad Wildungen: Was hinter Märchen und Sagen steckt
»Ein Leben ohne Bücher
ist wie eine Kindheit ohne Märchen,
ist wie eine Jugend ohne Liebe, ist wie ein Alter ohne Frieden.«
Carl Peter Fröhling

Der Zwergenkönig
Im ersten Band des Sagenbuchs des Preußischen Staates heißt es über den Zwergenkönig, er sei rau von Haar wie ein Bär und habe ein sehr altes Gesicht. Wem er gut gesonnen sei, dem beschere er Reichtum, wer aber seinen Zorn errege, dem füge er manches Ungemach zu. Woher kommt die verbreitete Vorstellung mächtiger Zwergenkönige? Sie entstammt alten germanischen Heldensagen und höfischer Dichtung des Mittelalters.

Die Zwerge in deutschen Märchen und Sagen
Die Zwerge im Märchen Sneewittchen sind lokale Einfärbungen des Märchens, bei dem schon der Name ein starkes Indiz für seine hessische Herkunft ist: niederdeutsch šnēwit für schneeweiß (Waldeckisches Wörterbuch von Karl Bauer, Soltau’s Verlag 1902). Selbst die Brüder Grimm bezeichneten die Märchenvariante aus der Waldecker Region als »ächt hessich« und bezogen sich in ihren Anmerkungen auf »vielfache Erzählungen aus Hessen«, die ihnen auch dank verwandtschaftlicher Kontakte in Bad Wildungen zu Ohren kamen.
Bergarbeiterkinder waren die Vorbilder für die Zwerge, wie Schneewittchenforscher Eckhard Sander am 7. November 2025 bei seinem Vortrag in der Wandelhalle von Bad Wildungen darlegte. Der heutige Bad Wildunger Ortsteil Bergfreiheit war damals das Zentrum des Bergbaus im hessischen Kellerwald.
Noch erhaltene Bergrechnungen aus Bergfreiheit in der einstigen Grafschaft Waldeck stammen alle aus der ergiebigsten Grube mit dem schönen Namen Himmlische Gabe; die älteste ist aus dem Jahr 1575. Das Alter der in Bergfreiheit eingesetzten »Jungen« war darauf nicht vermerkt, doch aus der Bergbauliteratur ist zu entnehmen, dass es dort, wo Bergbau betrieben wurde, üblich war, dass auch Kinder die Erze zu Tage förderten, und das bereits ab 4 Jahren. Da sie so klein waren, konnten sie sich in den engen Stollen besser bewegen als erwachsene Bergleute.
Lokalforscher Eckhard Sander zeigte anschaulich, dass die Kinder in den feuchten, teilweise nur 30 Zentimeter niedrigen Schürfgängen fast nur liegend arbeiteten, während sie den am Fuß befestigten Hunt (Fördergefäß) zogen. So entwickelten sich ihre Oberkörper auf Kosten der Beine. Ohne Sonnenlicht, bei schlechter Ernährung und harter Arbeit im feuchten Berg blieben sie im Wachstum zurück und erreichten oft das 20. Lebensjahr nicht. Ihr typisches Greisengesicht wies auf hypophysären Zwergwuchs hin, eine Schädigung der Hypophyse mit Folge einer verminderten Sekretion von Wachstumshormonen, hervorgerufen durch die radioaktive Strahlenbelastung des Edelgases Radon, das in untertägigen Bergwerken in höheren Konzentrationen vorkommt.

Wegen ihrer »Zipfelmützen« aus Schafwollfilz (Bergmannssprache: Bergkappe, auch Gugel genannt, die entweder direkt am kuttenartigen Grubenkittel angeschlossen war oder als Kragen die Schultern bedeckte), die Kopf und Schultern vor Nässe und abbrechendem Steinschutt »schützen« sollten, gingen sie mit ihrem äußeren Erscheinungsbild als »Zwerge« in die Sagen- und Märchenwelt ein.
Sehr interessant auch Sanders Ausführungen, dass das im Grimm’schen Märchen beschriebene Zwergenhaus ganz realistisch einem damaligen kleinen Bergmannshaus entsprach, in dem Wohn- und Schlafzimmer in einem einzigen Raum vereint waren: »Da stand ein weiß gedecktes Tischlein […] An der Wand waren sieben Bettlein nebeneinander aufgestellt.«
Die weiße Tischdecke und der schön gedeckte Tisch im Märchen entsprachen der Ordnungsliebe und dem starken Bedürfnis nach Reinlichkeit, das die Bergmänner nach der harten, schmutzigen Arbeit unter Tage verspürten. Beispielhaft kann heutzutage so ein »Schneewittchenhaus« im Bad Wildunger Schneewittchendorf Bergfreiheit besichtigt werden.
In der Wanderausstellung Forgotten Creatures bzw. Fast vergessene Kreaturen – Fabelwesen unserer Märchen- und Sagenwelt, die noch bis zum 18. Januar 2026 in der Bad Wildunger Wandelhalle zu sehen ist, hatten wir zuvor einen Eindruck von der Vielzahl der »Zwergenleute« bekommen, die nach altem Volksglauben den Menschen als freundliche, wohltätige Hausgeister dienen – zumindest solange man es sich mit ihnen nicht verscherzt.
»Was sie arbeiten, geschieht mit größter Reinlichkeit,
doch darf kein Mensch anwesend seyn.«
Franz Schönwerth (1858)

»Sie sind gestaltet wie die Kinder,
sehr klein, etwa eineinhalb Fuß hoch,
daß ihrer vierzehn in einem Backofen arbeiten,
und gekleidet wie die Bauersleute.«
Franz Schönwerth (1858)


Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Iris Sofie Bayer


Zwerge als Archetypen
Über ihre archetypische Symbolkraft schreibe ich in meinem 2024 veröffentlichten Buch Schneewittchen gab es wirklich:
»Sie repräsentieren trotz ihrer unscheinbaren Gestalt die große Macht der Mutter Erde, der sie dienen. Durch sie wissen die Zwerge um die verborgenen Kräfte der Natur und kennen den Zugang zu unterirdischen Schätzen. Oft treten sie als hilfreiche Ratgeber auf, die Hinweise darauf geben, wie die Märchenhelden ihre Aufgabe erfüllen können.«
Ihr könnt euch vorstellen, wie überrascht ich war und wie sehr ich mich gefreut habe, als Heimatforscher Eckhard Sander am Ende seines Vortrags auf mein Schneewittchen-Buch hinwies, das romanhaft und doch historisch genau das Lebensschicksal von Margaretha von Waldeck wiedergibt, das ins Grimm’sche Märchen Sneewittchen eingeflossen ist.

am 7. November 2025 in der Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Oliver Bayer
Zahlreiche Parallelen
Die historischen Nachweise der zahlreichen Parallelen zwischen der Märchenfigur Schneewittchen und der Grafentochter Margaretha von Waldeck, die Eckhard Sander in engagierter, sorgfältiger Recherche entdeckt hat und in diesem Vortrag nach und nach enthüllte, kamen beim zahlreich erschienenen Publikum gut an:
Blond
In der allerersten Grimm’schen Fassung von 1808 wird das Aussehen der Königstochter als »schwarzäugig wie der Fensterrahmen« mit »gelben Haaren« beschrieben. Der Bildnisstammbaum der Grafen von Waldeck zeigt eindeutig, dass Margaretha (1533-1554) blonde Haare und dunkle Augen hatte.
Stiefmutter
Margaretha bekam mit sechs Jahren eine Stiefmutter: Katharina von Hatzfeld-Wildenburg (1487-1546).
Von ausbündiger Schönheit
Die Brüder Grimm nutzten in ihrem Märchen den sprachlichen Ausdruck, mit dem Margaretha in der Familienchronik beschrieben wurde: Ausbund von Schönheit. Diese aus heutiger Sicht veraltete Ausdrucksweise bedeutet, dass sie der Inbegriff von Schönheit war, sozusagen die Schönheit verkörperte bzw. alles Schöne in sich bündelte.
Bergbau
Graf Samuel von Waldeck, der Bruder von Margaretha, nahm schon zu Lebzeiten seiner Schwester Margaretha den Bergbau An der Hohen und Kleinen Leuchte bei der späteren Siedlung Bergfreiheit auf, in dem nachweislich auch Kinder beschäftigt wurden, da in der Region des waldeckischen Kellerwaldes Broterwerb fast nur als Bergwerksarbeiter möglich war.
Vergiftet am königlichen Hof in Brüssel
»… nachdem sie noch nicht 21 Jahr alt worden, mit Gifft vergeben, da man meynte Philippus II der eben damahls Witwer war, würde sich mit ihr vermählet haben; sie ligt zu gedachtem Brüßel in der Franziscaner Kirche begraben …«
(aus der Heimatchronik des Waldecker Hochadelsgeschlechts von Waldeck)
Der Giftmord am 15. März 1554 an der jungen, außergewöhnlich schönen Grafentochter Margaretha von Waldeck geschah nach ihrer Reise über das Siebengebirge zum Rhein (eine weitere Parallele zum Märchen: »über den sieben Bergen bei den sieben Zwergen«) und weiter nach Brüssel, wo für sie am Hof der Schwester Kaiser Karls V. eine standesgemäße Heirat arrangiert werden sollte. Es wurde der Komtesse Margaretha von Waldeck zum Verhängnis, dass sich der spanische Kronprinz Philipp II. aus der Dynastie der Habsburger unsterblich in sie verliebte. Denn für den einzigen überlebenden legitimen Sohn und Thronfolger des spanischen Königs und römisch-deutschen Kaisers Karl V. war aus politischen Gründen eine Verheiratung mit Maria Tudor aus England geplant, die de facto am 25. Juli 1554 stattfand.
Immer wieder stellen Forscher fest,
dass Mythen, Sagen und Märchen
einen wahren historischen Kern haben.
Das enthüllt auch das Projekt Forgotten Creatures, das der Biologe, Sagenforscher, Künstler und Autor Florian Schäfer ins Leben rief. Seine Begeisterung und Liebe zum Detail zeigt sich auch darin, wie sehenswert und fotogen er seine selbst gefertigten Figuren mit farblich abgestimmten, passenden Hintergründen und Hintergrundwissen präsentiert.
Grundlage jeder seiner Kreationen bildete stets die aufwändige Recherche historischer Quellen, wie er in seiner Dokumentation zur Ausstellung hinwies. Damit öffnen heutzutage (fast) vergessenen Kreaturen den Blick für die sozialen und kulturellen Zusammenhänge, aus denen heraus einstmals Mythen, Sagen und Märchen entstanden, oft auch um unerklärliche Dinge im menschlichen Leben zu erklären.

Der Physiologus [vermutlich 2. Jh. n. Chr. verfasst] sagte vom Einhorn, dass es folgende Eigenheit habe:
»Ein kleines Lebewesen ist es, wie ein Böckchen, aber ganz außerordentlich leidenschaftlich. Nicht kann ein Jäger ihm nahekommen, weil es sehr stark ist. Ein einziges Horn hat es mitten auf seinem Kopf. Wie nun wird es gefangen? Eine reine Jungfrau, fein herausgeputzt, werfe sich vor es hin, und es springt in ihren Schoß; und die Jungfrau säugt das Lebewesen und bringt es in den Palast zum König.«
Das sogenannte »Ainkhürn« wurde mit der frühchristlichen Naturlehre Physiologus in ganz Europa bekannt und prägte als sanftes, weißes pferdeähnliches Wesen und Sinnbild der Reinheit die Bildwelt und Theologie des Abendlandes.
Der historische Kern liegt wohl eher in der Sichtung eines Nashorns, das der Geschichtsschreiber Megasthenes (um das 3./4. Jh. v. Chr.) ganz anders beschrieb, nämlich mit dem Kopf eines Hirsches, dem Schwanz eines Schweines und Elefantenfüßen.

»Junge Mädchen, die abends ohne Aufsicht herumliefen, fielen oft dem Hötzelstier zum Opfer (…) Einst fand man ein junges Mädchen am Eichpfuhl bei Vierscheid fast tot vor Schrecken. Das Untier hatte ihm beide Zöpfe abgebissen, das Haar vom Kopfe gerissen und die Haare mit der Kopfhaut aufgefressen.«
In der Dokumentation der Ausstellung heißt es, dass dahinter ein klarer sozialer Zweck steckte: Die Warnsage vom Hötzelstier sollte nächtliches Umherstreifen verhindern und die Keuschheit sichern. Das Abreißen der Haare lässt sich als symbolische »Entehrung« lesen, vergleichbar mit der Verletzung der Jungfräulichkeit.
Der Künstler Florian Schäfer hat weitere Sagenwesen geschaffen, die uns eine Vorstellung der Ängste geben, welche die Menschen in früheren Zeiten umtrieben:


Wanderausstellung Forgotten Creatures, Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Iris Sofie Bayer
»Er soll die Gestalt eines Bockes mit großen Hörnern und feurigen Augen gehabt haben
und sein ganzer Leib soll statt der Haaren mit Eisschollen behängt gewesen sein,
welche bei seinem stürmischen Laufe ein furchtbares Klingeln verursachten.«
Moritz Tscheinen (1872) aus Walliser-Sagen
Der Rollibock war der gefürchtete Dämon des Großen Aletschgletschers im Schweizer Wallis. In alten Erzählungen bricht er aus dem Gletscher hervor, wenn Menschen sich respektlos gegenüber der Natur verhalten oder Tiere quälen. Dann setzt der zornige Rollibock Lawinen in Gang, wirft Felsblöcke durch die Luft und verursacht verheerende Überschwemmungen.
Der Ursprung der Drachen wie des germanischen Lindwurms liegt in altorientalischen und asiatischen Mythen, die ihren Weg über die antike Literatur in unsere Sagen- und Märchenwelt fanden.
»Vor Alters wimmelte es in unserm Land von Ungeheuern und schauderhaften Schlangen; Lindwürmern und Drachen, welche harmlose Bauern wie Zuckerbrot wegfraßen und ganze Heerden verschlangen.«
Friedrich von Tschudi (1854) in Das Thierleben der Alpenwelt

Wanderausstellung Forgotten Creatures, Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Oliver Bayer

Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Oliver Bayer
Das Mischwesen aus Hahn und Schlange mit tödlichem Blick konnte angeblich mit einem Spiegel bekämpft werden, der den tödlichen Blick zurückwarf. Ein interessanter Anklang an den Spiegel im Märchen Schneewittchen.

Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Oliver Bayer
Das schaurige Bachkalb springt auf den Rücken betrunkener Männer, die nach einer durchzechten Nacht heimkehren. Aachener Sagen zeichnen das Bild einer Chimäre mit Bärentatzen, flammenden Augen und rasselnden Ketten. Sprachforscher deuten den Namen als etymologische Abwandlung von Werwolf, einem im deutschen Volksglauben ebenfalls als Aufhocker bekannten Wesen.

Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Oliver Bayer
Das Aussehen des schwarzen Geisterhundes mit seinen glühenden Augen und schrecklichen Reißzähnen erinnert an den bösen Wolf im Märchen Rotkäppchen. Sein nächtliches Auftreten, häufig auf einsamen Wegen oder in Grenzbereichen wie Brücken, verbindet ihn mit der Vorstellung vom Übergang zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Dem Volksglauben nach kann er stumm den Weg versperren oder als unheilvoller Aufhocker sein Opfer bedrücken, bis es zusammenbricht.

Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Iris Sofie Bayer
Einige Forscher sehen im Seebischof den scharfen Humor der protestantischen Reformationszeit, also der Zeit, in der die protestantische Grafentochter Margaretha von Waldeck lebte. Übrigens ein zusätzlicher Grund zum Standesunterschied, warum eine Liebesheirat mit dem katholischen Kronprinzen aussichtslos war.
Der Seebischof spiegelt aber auch eine andere alte Vorstellung wider: die Idee, dass Gewässer eine Parallelwelt zu Land und Luft bilden, mit eigenen Lebewesen, die teils menschliche Züge tragen.

Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Iris Sofie Bayer
In der griechischen Mythologie ziehen Greifen, Mischwesen mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Adlers, den Sonnenwagen Apollos und bewachen Goldschätze im fernen Osten. Im Mittelalter wurde der Greif vor allem in der Heraldik verwendet als Symbol für Tapferkeit, Treue und göttliche Macht.


Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Iris Sofie Bayer
Die kleingewachsenen Moosweiblein gelten als gute Geister des Waldes. Ihr Leben ist an das der Bäume gebunden, ihre Haut gleicht knorriger Borke und sie kleiden sich in Moos.

Wandelhalle, Bad Wildungen, Nordhessen | © Oliver Bayer
Wieder bei den zwergenhaften Wesen angelangt, schließt sich der Kreis der Mythen, Sagen und Märchen, die unsere Kulturgeschichte bereichern.
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