Fotoausflug – Herbstmilch im wolkenverhangenen Kellerwald

Liebe Besucher,

lernen Sie durch eine Wanderung auf dem »Ökolehrpfad« die Besonderheiten der alten Kulturlandschaft von Bergfreiheit, einem ehemaligen Zentrum des Bergbaus im Kellerwald kennen. […]

Nicht umsonst wird Bergfreiheit auch als das »Schatzkästlein im Kellerwald« bezeichnet. […]

Wir wünschen Ihnen viel Spaß auf Ihrer Entdeckungsreise.
Die Bürgerinnnen und Bürger aus Bergfreiheit

Wir folgten dieser Einladung. Als wir im Jahr zuvor auf den Spuren Schneewittchens und der sieben Zwerge unterwegs waren, hatten wir die Rundwanderung in Bergfreiheit wegen Regens abgebrochen. Allerdings sind damals – gerade wegen des Regens – die Farben der Bergfreiheiter Welle schöner herausgekommen.

Was ist mit den Kobolden gemeint? Eine Infotafel erklärt:
»Mit den Fledermäusen beherbergen unsere Wälder eine der geheimnisvollsten Gruppen der Tierwelt. Seit 50 Millionen Jahren gibt es diese einzigartigen zum aktiven Flug fähigen Säugetiere. Von den weltweit 980 Arten leben in Hessen 17, davon 15 verschiedene Arten in Waldeck-Frankenberg. […] Im Winter suchen sie Höhlen, Stollen oder Keller auf, in denen konstante Temperatur und Luftfeuchte herrscht.

Das Vorhandensein zahlreicher Bergwerkstollen, alter Fachwerkhäuser und naturnaher Wälder macht das obere und mittlere Urfftal zu einem hochwertigen Fledermaus-Lebensraum. So kommen in Bergfreiheit und Umgebung Wasserfledermaus, Kleine Bartfledermaus, Bechstein-Fledermaus, Großer Abendsegler, Zwergfledermaus und Braunes Langohr vor.

Auch dieser ehemalige Stollen ist ein Winterquartier für verschiedene Fledermausarten. […]
Um Störungen der Tiere zu vermeiden, wurden die meisten Stolleneingänge mittlerweile durch Gitter gesichert.«

»Naturwaldzellen« werden mit dem Ziel der Erhaltung von naturnahen und daher ökologisch wertvollen Waldbereichen eingerichtet. Durch Nutzungsverzicht sollen natürliche Entwicklungsprozesse ermöglicht werden, sodass sich eine naturnahe Waldgesellschaft in Richtung eines urwaldähnlichen Waldes entwickeln kann.

Die Urff gilt als einer der schönsten und intaktesten Mittelgebirgsbäche in Nordhessen. Von Verschmutzung, Begradigung, Befestigung, Verlegung oder gar Verrohrung in neuerer Zeit verschont geblieben, besticht sie durch ihre außerordentliche Naturnähe. An unzähligen Stellen wird das Wasser verwirbelt und so mit Sauerstoff angereichert, was von elementarer Bedeutung für die im Bach lebenden Tiere (Fische, Insektenlarven, Schnecken) ist. So wird die Urff zu einem wichtigen Lebensraum für selten gewordene Tierarten wie beispielsweise den Eisvogel.

Wie gern hätte ich so einen farbenprächtigen Eisvogel fotografiert. Immerhin gelang mir ein Schnappschuss von einem Kleiber, dessen Unterseite ebenfalls orange und Oberseite blaugrau ist. Er lief kopfüber den Baum hinunter.

Es zog Nebel herauf. Der Weg schien in den Wolken zu enden und als Oliver bei dem trüben Wetter immer mehr außer Sichtweite geriet, kamen graue Gedanken auf, die bei mir die Tränen zum Fließen brachten, dabei hatte unser Herbstspaziergang so anheimelnd mit raschelndem Laub unter den Füßen begonnen.

Doch vielleicht habe ich die emotional reinigende Funktion des Nebels in diesem Moment gebraucht. Nebel kann spirituell als eine Art Reinigungsschleier verstanden werden, da er die Luft mit Feuchtigkeit anreichert, was Leben ermöglicht.

Nebel hat etwas Mystisches an sich, da seine verschleiernde Wirkung ein Gefühl des Geheimnisvollen erzeugt. Die milchig-graue Suppe regt an, darüber nachzudenken, was jenseits des Sichtbaren liegt. In der nordischen Mythologie galt Nebel als »Schleier der Seelen« und das Tor zu anderen Dimensionen, das die Welt der Götter und Menschen verband.

Wo heute ein alter Grenzstein den ehemaligen Grenzverlauf zwischen dem Fürstentum Waldeck und Hessen markiert, war ehemals eine bedeutende Faktorei mit Schmelzöfen, mehreren Hammerwerken, Stauteichen und Gießereien, welche sich bis weit ins Urfftal hineinzog.

Für mich war es schon etwas Besonderes, in der ehemaligen Grafschaft Waldeck unterwegs zu sein, in der Margaretha von Waldeck im 16. Jahrhundert lebte, deren Lebensschicksal in das Grimm’sche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen [Bergarbeiterkinder] eingeflossen ist. Es war für mich jedenfalls ein ganz anderes Gefühl, im Urfftal zu wandern, als nur über es zu schreiben:

»Niemand konnte sich hinterher erklären, wie sie [Margaretha von Waldeck alias Schneewittchen] die sechs Meilen durch das Urfftal zur Bergmannshütte der Kläuberbuben geschafft hatte. Die zwergenhaften Knaben – teilweise im gleichen zarten Alter wie Mairgrita – hatten die schöne Mairgrita schlafend in ihrer Hütte vorgefunden und den jungen Grafen Samuel von Waldeck benachrichtigt.

Dieser [Graf Samuel von Waldeck, Margarethas Bruder] war dabei, im Tal des Urffbaches die ersten Gruben zu erschließen: Himmlische Gabe, Zum Segen Gottes, Zu den fünf Eichen und Allerheiligengut.

Die »Bubendienste« machten es überhaupt erst möglich, die Bergwerksarbeit in den sehr niedrigen Stollen (häufig nur 30 cm hoch) in Gang zu bringen. Die Knaben leisteten schwere, teilweise gefährliche Arbeit im Bergbau – als Holzknechte und Kiener (Kohlenbrenner), Truhenläufer und Huntzieher, als Hauer mit Schlägel und Eisen beim Abbau oder als Plähknechte (Schmelzer) bei der Verhüttung von Eisenerzen.« (zitiert aus dem Buch Schneewittchen gab es wirklich von Iris Sofie Bayer)

Physikalisch ist Nebel eine Wolke am Boden, die aus winzigen, in der Luft schwebenden Wassertröpfchen besteht. Während die Sicht auf unserem Herbstspaziergang ähnlich trüb wie eine milchige Suppe wurde und wir beim Durchqueren des Nebels die Feuchtigkeit auf der Kleidung und den Haaren spürten, was das Gefühl einer Milchsuppe noch verstärkte, musste ich an die 154-seitige Autobiografie Herbstmilch, Piper Verlag, 1984 München, denken, die ich kurz zuvor gelesen hatte.

Anna Wimschneiders Lebenserinnerungen – in einer Sprache so herb wie ihr Leben – sind ein berührendes Zeitzeugnis das vom Schicksal der kleinen Leute handelt, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Leben bewältigen, mit Kraft und Mut, aufrecht und unerschütterlich.

»Das Lieblingsessen der Alten war eine gute Herbstmilchsuppe mit viel saurem Rahm und im Rohr gebratene Kartoffeln. Herbstmilch ist eine saure Milch, zu der man fast jeden Tag wieder eine gestöckelte Milch dazuschüttet.
Dann rührt man um, nimmt einen Liter heraus, verquirlt ihn mit etwas Mehl
in einem Liter kochendem Wasser und rührt sie dann mit saurem Rahm an.«
(Anna Wimschneider)

[Die Herbstmilchsuppe ist ein altes Gericht der Bauern. Als es noch keine Kühlmöglichkeiten gab, wurde zu Herbstanfang die frische Milch als sogenannte Herbstmilch in Bottichen gesammelt und im Keller aufbewahrt. Durch Gärung von Milchsäurebakterien wurde sie leicht säuerlich, dickflüssig und über den Winter haltbar.]

Die Kellerwald-Region war über Jahrhunderte vom landwirtschaftlichen »Tun und Lassen« geprägt, weshalb man von einer Kulturlandschaft spricht. Hier im Faßgrund, so ist auf einer Infotafel zu lesen, säumen arten- und blütenreiche Grünländer den Talgrund, bunte Magerrasen und sturkturreiche Gehölze bedecken die mageren Hanglagen. Entlang der Wege und Böschungen finden sich überall Saumstrukturen, in denen zahlreiche Arten wachsen und leben, die in intensiv genutzten Landschaften keinen Lebensraum mehr finden.

»Ich musste die Kühe melken.
Bevor nicht alle Kinder aus dem Haus und die Kleinen versorgt waren,
durfte ich nicht zur Schule gehen. So kam ich immer zu spät. Der Lehrer hatte viel Verständnis, aber der Pfarrer nie. Der schimpfte mich jeden Tag, weil ich nicht zur Schulmesse kam. Er sagte, ich müsse eben früher aufstehen, meine Brüder kämen ja auch. Ich war sehr traurig, weil ich ja nichts dafür konnte. […] Der Pfarrer war ein hartherziger Mann, der auch die anderen Kinder oft mit schweren Holzscheiten schlug, die zum Heizen des Ofens in der Schule lagen.«
(Anna Wimschneider)

Anna Wimschneiders Leben ist von Kindheit an von harter körperlicher Arbeit, Entbehrungen, Hunger, Kälte und Mühsal im äußerst harten Landleben geprägt. Kurz nach ihrer Heirat und elf Tage nach Kriegsbeginn wird ihr Mann Albert eingezogen. Für Anna beginnt ein jahrelanges Martyrium. Sie ist den dauernden Schikanen und Demütigungen ihrer Schwiegermutter ausgesetzt, während sie die kranken Verwandten ihres Mannes pflegt und Schwerstarbeit auf Hof und Feld verrichtet. Als Albert schwer verwundet aus dem Krieg zurückkehrt, geht das Schuften wie ein Pferd und das Ringen in der harten Realität jahrzehntelang weiter, bis sie schließlich bescheidenen Wohlstand für sich und ihre Kinder erlangen.

An dieser Stelle kürzten wir unserer Herbstspaziergang um 7 Stationen, um pünktlich in der Wandelhalle (Bad Wildungen) zu sein, wo wir den Vortrag des Lokalforschers Eckhard Sander Schneewittchen – ein Märchen? hören und die Ausstellung Fast vergessene Kreaturen – Fabelwesen unserer Märchen- und Sagenwelt anschauen wollten.

»Wenn ich noch einmal zur Welt käme,
eine Bäuerin würde ich nicht mehr werden.«
(Anna Wimschneider)

So lautet der letzte Satz im Buch Herbstmilch, der Lebensgeschichte der Bäuerin Anna Wimschneider (1919–1993), die über viele Jahrzehnte auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe von Pfarrkirchen in Niederbayern lebte. Ihre Erinnerungen beginnen mit dem frühen Tod der Mutter am 21. Juli 1927, die eine neunköpfige Familie hinterlässt und deren Pflichten ganz selbstverständlich die achtjährige Tochter Anna übernehmen muss.

»Wir Kinder fragten, warum hat die Mutter Schuhe an?
Die Nachbarin sagte, daß das ein alter Brauch ist,
denn eine Wöchnerin muß auf Dornen in den Himmel gehen.«
(Anna Wimschneider)

[Ein schon in der mittelalterlichen Mystik bekannter, in ganz Deutschland verbreiteter Volksglauben: Der Weg zum Himmel führe durch Dornen und Disteln. Da die Liebe zu ihrem Kind die Verstorbene noch einige Zeit in den irdischen Bereich zurücktreibe, gab man ihr Schuhe mit ins Grab, damit sie darunter nicht leide und schneller vorankäme.]

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