Buchvorstellung zum Welt-Alzheimertag (21.9.) – »Alzheimer ist heilbar«

Cover fürs Buch »Alzheimer ist heilbar«

»Wenn du nicht bereit bist,
dein Leben zu ändern,
kann dir nicht geholfen werden.«
HIPPOKRATES VON KOS (460 – 370 v. Chr.)

Herr Dr. med. Nehls, kann sich jeder vor Alzheimer-Demenz schützen?
Ja, auf jeden Fall, solange die Krankheit noch nicht ausgebrochen ist, aber selbst dann kann durch mein systembiologisches Therapiekonzept immer noch eine Verlangsamung des Prozesses erreicht werden.

Wie ich in meinem 368-seitigen Sachbuch Alzheimer ist heilbar: Rechtzeitig zurück in ein gesundes Leben, Heyne Verlag, München 2017, darlege, besteht das Problem nicht darin, dass wir älter werden, sondern wie.

Herr Dr. Nehls, welchen Irrglauben decken Sie in Ihrem Buch auf?
Den Irrglauben, dass jeder Mensch an Alzheimer erkrankt, wenn er nur alt genug wird. Alzheimer ist keine Alterskrankheit, sondern eine Mangelkrankheit, hervorgerufen durch individuelle Defizite, die durch eine moderne Lebensweise entstehen. Das umfasst unter anderem Bewegungsdefizite, mangelhafte Ernährung, zu wenig geistige Arbeit und zu wenige soziale Kontakte.

Kulturelle Untersuchungen zeigten, dass sich ein vergleichsweise sehr geringes Alzheimer-Risiko dramatisch erhöhte, sobald ethnische Gruppen ihre naturverbundene Lebensweise aufgaben und stattdessen unsere moderne, von Konsum gesteuerte angenommen haben. Bedenken Sie, dass die Alzheimer-Demenz Anfang des 20. Jahrhunderts sowohl in Europa als auch in den USA weitgehend unbekannt war, obwohl schon damals genügend Menschen ein Alter erreichten, bei dem es jährlich zu Zigtausenden Alzheimer-Fällen hätte kommen müssen.

Herr Dr. Nehls, wie beschert man sich einen gesunden Lebensabend?
Dazu muss man »nur« die Bereitschaft aufbringen, frei nach dem eingangs zitierten Hippokrates, seine bisherige Lebensweise zu hinterfragen und die individuellen Mängel beziehungsweise Risikofaktoren abzustellen. Wenn wir uns nicht marktkonform, sondern »artgerecht verhalten«, ist Alzheimer kein unvermeidbares Schicksal, wie behauptet wird.

Herr Dr. Nehls, haben Sie deshalb dieses Buch geschrieben?
Ja! Alzheimer ist eine zutiefst schockierende Diagnose, denn die Krankheit gilt in den Köpfen der meisten Ärzte und Patienten als unheilbar. Schon allein die Vorstellung, die Kontrolle über das Ich zu verlieren, löst gewaltige Ängste aus.

Ich wurde Arzt, um Menschen zu helfen, Krankheiten zu überwinden. Daraufhin wurde ich Genetiker, um zu verstehen, wie durch fehlerhafte Instruktionen unseres Erbguts Krankheiten entstehen. Als habilitierter Molekulargenetiker entschlüsselte ich die Ursachen verschiedener Erbkrankheiten an nationalen und internationalen Forschungszentren. Doch unser Erbgut (ApoE4) ist nicht die Ursache für Zivilisationskrankheiten wie Alzheimer, es beschleunigt nur den Krankheitsprozess, der durch eine ungesunde Lebensweise in Gang gesetzt wird, die zu Mängeln führt, die unser Erbgut nicht mehr kompensieren kann.

Ich wurde dann Pharmaforscher, weil ich fälschlicherweise dachte, dass wir diese Krankheit medikamentös in den Griff bekommen könnten. Inzwischen weiß ich, dass die sehr weit verbreitete Vorstellung, dass nur Medikamente heilen können, ein weiterer fataler Irrglaube ist. Heute bin ich davon überzeugt, dass eine Heilung der Alzheimer-Krankheit ohne eine Beseitigung der primären Ursachen nicht möglich ist!

Aber gibt es nicht bereits Alzheimer-Medikamente bzw. sind nicht im Mai diesen Jahres neue Alzheimer-Medikamente zugelassen worden?
Ja, man geht davon aus, dass die Hauptursache für den Untergang von Nervenzellen bei Alzheimer-Demenz erhöhte Ablagerungen von Amyloid im Gehirn sind, die sogenannten Grabsteine des Gehirns. Lecanemab (Handelsname Leqembi), der erste zugelassene Wirkstoff, der nachweislich den Krankheitsprozess im Gehirn verlangsamt, ist ein Antikörper gegen Amyloid, der die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten deutlich reduziert.

Das Medikament zielt allerdings nur auf diesen einen Aspekt. Der Alzheimer-Spezialist Dale Bredesen, der neun seiner ersten zehn Alzheimer-Patienten erfolgreich therapierte, erklärt es so: »Stellen Sie sich ein Dach mit 36 Löchern vor, und Ihr Medikament bessert eines davon aus ‐ das Medikament könnte tatsächlich gewirkt haben, ein einziges ›Loch‹ mag gestopft worden sein, aber Sie haben dann immer noch 35 weitere Löcher, durch die es reinregnet, und so hat sich kaum etwas verändert.«

Zudem ist das Medikament nur für den Einsatz in frühen Alzheimer-Stadien geeignet, wenn die geistige Leistungsfähigkeit erst geringgradig eingeschränkt ist, also bei einer leichten kognitiven Störung (MCI), was einer Vorstufe von Demenz bzw. einer leichtgradigen Demenz entspricht. Leider kommen Betroffene in der Regel viel zu spät zu einer Untersuchung.

Deshalb lautet mein dringender Aufruf an Politik, Krankenkassen, Ärzteverbände und praktizierende Ärzte: Nicht auf die vermeintliche Wunderpille warten, die es wahrscheinlich nie geben wird. Auf die Frühdiagnostik kommt es an. Je eher wir Alzheimer diagnostizieren, also noch in den Frühphasen, desto mehr wird aus der Therapie eine Prävention.

Es gibt also verschiedene Phasen des Verlaufs der Alzheimer-Krankheit?
Der normale Krankheitsverlauf umfasst etwa neun Jahre: drei Jahre mild, drei Jahre mittelschwer, drei Jahre schwer.

Phase 1: Subjektive geistige Beeinträchtigung
Erste Warnzeichen können Burn-out-Symptome und eine klinische Depression sein.

Phase 2: Amnestische, leichte kognitive Beeinträchtigung
Anzeichen können Erinnerungslücken (Amnesie) sowie Störungen der räumlichen Orientierung und des Zeitgefühls sein.

Phase 3: Frühe Phase der Alzheimer-Erkrankung
Das Sprechen und die Auffassungsgabe werden immer langsamer. Vertraute Gesichter werden häufig nicht mehr erkannt. Typisch sind auch Probleme beim Ankleiden, eine zunehmende Desorientiertheit und Vernachlässigung der Hygiene.

Phase 4: Mittlere Phase der Alzheimer-Erkrankung
Der Übergang von der dritten in die vierte Phase markiert vermutlich den point of no return, also den Zeitpunkt, bei dem der nun fortschreitende Zerstörungsprozess des Gehirns sich auch durch eine Verhaltensänderung nur noch verlangsamen, aber nicht mehr aufhalten lässt.

Phase 5: Späte Phase der Alzheimer-Erkrankung
In diesem Stadium sind Alzheimer-Patienten rund um die Uhr pflegebedürftig.

Dem Alzheimer-Spezialisten Dale Bredesen gelang es bei acht Patienten, die sich noch in einer der Frühphasen befanden, den geistigen Abbau umzukehren. Eine medizinische Sensation! Bei dem einen Patienten in der mittleren Phase war Bredesen in der Lage, den Krankheitsprozess durch seine Maßnahmen zumindest aufzuhalten. Nur einem Patienten konnte er nicht mehr helfen, da er sich schon im letzten Stadium der Krankheit befand.

Welche Vorsorge können wir treffen?
Lesen Sie mein Buch. Sein Inhalt ist im Prinzip eine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit uns selbst, wie wir unsere Lebensweise hirngerechter gestalten können. Wer die grundlegenden Bedürfnisse seines Organismus kennt und sein Verhalten anpasst, wird dank der Selbstheilungskräfte des Körpers bis ins höchste Alter seinen Verstand behalten.

Alzheimer beginnt am Eingang zum sogenannten Hippocampus, der Erinnerungszentrale unseres Gehirns. Diese spezielle Hirnregion speichert unsere persönlichen, autobiografischen Erinnerungen, also alles, was wir bewusst erleben, einen Bezug zu unserem Ich hat und mit Emotionen verbunden ist.

Man könnte sagen, unsere Lebensuhr tickt in Erinnerungen, die uns nicht nur eine persönliche Vergangenheit geben, sondern auch eine Identität. Verlieren wir diese Fähigkeit, bleibt die »Uhr« stehen.

Ihr konkreter Tipp?
Ein einziger Tipp wird nicht ausreichen. Die hippocampale Alzheimer-Demenz ist komplex. Ein Puzzle kann erst zusammengefügt werden, wenn alle wesentlichen Puzzleteile vorliegen, und es ist erst dann fertig, wenn alle Puzzleteile an ihren Platz gelegt worden sind.

Unser Hippocampus hat die besondere Fähigkeit, unser gesamtes Leben lang wachsen zu können. Er kann tagtäglich Tausende neuer Nervenzellen bilden – bei Neunzigjährigen noch genauso gut wie bei Achtzehnjährigen. Die »Methusalem-Strategie« bzw. die »Formel gegen Alzheimer« besteht darin, das Wachstum des Hippocampus am Laufen zu halten, was einem natürlichen Schutz vor Alzheimer entspricht.

Wie können wir den Hippocampus wachsen und gedeihen lassen?
Durch ein systembiologisches Therapiekonzept, das alle Lebensbereiche umfasst. Das Gesamtpaket ist entscheidender als eine einzelne Maßnahme. Eine Pflanze gedeiht dann, wenn alle Umstände optimal sind. Sie braucht Licht, Wasser UND Dünger, nicht nur eins davon.

Unser Hippocampus wächst, wenn uns die Sonne ins Gesicht lacht (Vitamin D3 schützt vor der gehirnschädigenden Wirkung des Alzheimer-Toxins), wir täglich einen ausgedehnten Spaziergang machen (Bewegung gibt entscheidende Wachstumsimpulse an den Hippocampus), uns genug Tiefschlaf gönnen (Entfernung der Amyloid-Ablagerungen!), uns gesund ernähren (Mangel an DHA begrenzt das Hirnwachstum!), das menschliche Miteinander in unserem Umfeld stimmt und wir uns mit Freunden treffen und unterhalten (nichts kann die emotionalen Tiefen einer direkten menschlichen Interaktion ersetzen), wir uns mental und anderweitig nicht chronisch überfordern, aber auch nicht unterfordern, sondern auch noch als Rentner/innen eine Lebensaufgabe haben bzw. positive Herausforderungen ans Gehirn stellen. Was alle diese Lebensaspekte mit der Vorbeugung von Alzheimer zu tun haben, erkläre ich in meinem Buch bis ins Detail.

Reicht es vorbeugend aus, eine Lebensweise zu pflegen, die möglichst viele neue Hirnzellen heranwachsen lässt?
Nein, das allein genügt nicht. Es ist ja vor allem Bewegung, die dem Hippocampus signalisiert, dass mit neuen Erfahrungen zu rechnen ist und dass er dazu die Neurogenese (Bildung neuer Nervenzellen) ankurbeln muss. Diese entscheidenden Wachstumsimpulse nutzen aber nichts, wenn sich die neuen Hirnzellen nicht mit den schon bestehenden vernetzen, denn zu leben heißt, sich ständig weiterzuentwickeln, ein aktives Leben zu führen. Die heranwachsenden Hirnzellen müssen innerhalb eines Zeitfensters von drei bis sechs Wochen einen nachhaltigen Kontakt zu ihrem Umfeld finden, um überleben zu können. Solche die Vernetzung der Hirnzellen fördernden Aktivitäten sind beispielsweise Lesen, Schreiben, Spielen, Kommunizieren, Musizieren, Tanzen und soziales Engagement.

Während Neugier und damit verbundene neue Erfahrungen bzw. Erlebnisse belohnt werden, kommt es bei vielen Menschen viele Jahre vor ihrer Demenzdiagnose zu einer geistigen Verarmung, weil belangloses Fernsehen oder passives Scrollen durch Social-Media-Plattformen zu ihrer Hauptbeschäftigung geworden ist. Auf lange Sicht werden dadurch wertvolle Stunden vergeudet, die für körperliche Bewegung, Sozialkontakte, geistig anregende Aktivitäten oder zum Schlafen genutzt werden könnten.

Ebenso wichtig ist es, hirntötenden chronischen Stress auszuschalten, der chronisch erhöhtes Cortisol erzeugt, welches die Bildung von Alzheimer-Toxin verstärkt und den Hippocampus noch schneller schrumpfen lässt. Schon eine Stunde am Tag einem Hobby nachzugehen, das mit Spaß verknüpft ist, halbiert das Alzheimer-Risiko. Sich einen Hund anzuschaffen, kann laut einer großen Anzahl von Studien eine hervorragende Therapie sein. Schon beim Blick eines treuen Hundes kommt es zu einer erhöhten Freisetzung von Oxytocin, was das Stressempfinden reduziert und das Wachstum des Hippocampus ankurbelt. Einsamkeitsgefühle aufgrund eines Mangels an körperlicher Nähe und Berührung (Mangel an Oxytocin!) sind hingegen Gift für das Gehirn und verdoppeln das Alzheimer-Risiko.

Haben Sie noch ein Schlusswort für uns?
»Ich betrachte Alzheimer als einen sehr persönlichen Mahnruf, den die Natur an jeden von uns als Aufforderung sendet, sich seiner Verantwortung zu stellen. Schließlich erleben wir die Folgen unserer Handlungsweisen am eigenen Körper, anders als bei vielen anderen menschgemachten Katastrophen, die sich oft in weiter Ferne abspielen. […] Meine Hoffnung ist nun, dass viele Betroffene die Chance ergreifen und dann ihre persönliche Erfolgsgeschichte zu erzählen haben, die mit den Worten beginnen könnte: ›Ich hatte Alzheimer.‹«

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