Elefantöses – Was wir mit Elefanten gemeinsam haben

Vor einiger Zeit entnahm ich dem Hörbuch Böses Gemüse: Wie gesunde Nahrungsmittel uns krank machen. Lektine – die versteckte Gefahr im Essen, Beltz Verlag, Weinheim 2018, von Herzchirurg Dr. med. Steven Gundry, dass wir Menschen mit Elefanten das Risiko für Atherosklerose (Arterienverkalkung) gemeinsam haben.

Atherosklerose
Bei dieser chronischen Erkrankung der Blutgefäße verengen und verhärten die Arterien, was den Blutfluss behindert und zu ernsten Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann, die weltweit zu den Haupttodesursachen zählen.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) definierte 1958 die Atherosklerose als eine »variable Kombination von Veränderungen der Intima [> auskleidende Zellschicht] der Arterien, die aus einer fokalen Anhäufung von Lipiden, komplexen Kohlenhydraten, Blut und Blutprodukten, fibrösem Gewebe und Kalkablagerungen besteht und mit Veränderungen der Media [> Schicht aus glatten Muskelzellen] einhergeht«.

Risikofaktoren sind vor allem starkes Übergewicht, Bluthochdruck sowie ein gestörter Zucker- und Fettstoffwechsel – das sogenannte metabolisch-tödliche Quartett, das unter anderem durch Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und chronischen Stress entsteht.

Auch Elefanten bekommen Atherosklerose, wenn …
… sie sich zu wenig bewegen (Zoo!), nicht natürlich ernähren (Fütterung!) oder chronisch gestresst sind (Klimawandel, Massentourismus, Wilderei!).

[Sikes S. K. (1968) Habitat Stress and Arterial Disease in Elephants. Oryx. 9(4):286-292. doi:10.1017/S0030605300006682

Sikes, S. K. (1968). Observations on the ecology of arterial disease in the African elephant (Loxodonta africana) in Kenya and Uganda. In Symp. zool. Soc. Lond (Vol. 21, pp. 251-273)]

In dem anfangs genannten Buch hieß es, dass Afrikanische Elefanten in der freien Wildbahn – wo sie sich täglich viel bewegen, hauptsächlich Blätter, Zweige, Rinden und Wurzeln von Bäumen fressen und weniger Stress haben – keine koronaren Gefäßerkrankungen bekommen. Dort jedoch, wo ihre waldreichen Habitate zerstört wurden und sie mit Heu und Getreide gefüttert würden, leide die Hälfte der Elefanten unter schweren Schädigungen der Herzkranzgefäße.

Als Erklärung hierfür wurden die sich nun gehäufter anhaftenden Lektine genannt, welche sich in Grassamen bzw. allen Getreidearten befinden. Diese können sowohl die roten Blutkörperchen verkleben, dadurch die Blutzirkulation stören und potenziell die Durchblutung der Arterien beeinträchtigen, als auch den Darm schädigen, was zu Verdauungsstörungen, einer erhöhten Darmduchlässigkeit und zu Entzündungen führen kann.

Dahinter steckt wiederum ein genetischer Grund, den wir mit Elefanten gemeinsam haben, der unser Risiko für Atherosklerose erhöht: Neu5Ac.

Neu5Ac
N-Acetylneuraminsäure (Neu5Ac) ist eine Art lektinbindendes Zuckermolekül, das sowohl auf der Innenwand der Blutgefäße als auch in der Darmwand sitzt. Neu5Ac hat aufgrund seiner vielfältigen und wichtigen Funktionen große Aufmerksamkeit in der Immunologie, Zell- und Molekularbiologie erlangt.

Die meisten Säugetiere sind genetisch mit einem anderen Zuckermolekül ausgestattet, das Lektine nicht bindet; es trägt die ähnliche Bezeichnung Neu5Gc (N-Glycolylneuraminsäure). Deshalb bekommen beispielsweise Schimpansen, denen in Gefangenschaft eine menschenähnliche Kost mit Getreideanteilen vorgesetzt wird, keine Atherosklerose und keine Autoimmunkrankheit. Elefanten allerdings, die wie Menschen das lektinbindende Zuckermolekül Neu5Ac haben, müssen sich bei einer Ernährung aus Getreide und Heu – statt mit Blättern – nach einiger Zeit mit verstopften Arterien herumplagen.

Lektine differenziert betrachten
Die Samenkörner aller Pflanzen schützen sich gegen Fressfeinde, Schädlinge und Krankheiten mit speziellen Substanzen wie Lektinen (bspw. in Hülsenfrüchten), Glutenen (bspw. in Getreide), Oxalaten (bspw. in Spinat), Tanninen (bspw. in Schwarz-/Grüntee), Glykoalkaloide (bspw. in Nachtschattengewächsen) und vielen weiteren.

Grundsätzlich erfüllen die über 500 bisher identifizierten verschiedenen Lektine wichtige Funktionen für das Immunsystem, unter anderem dienen sie als Signalmoleküle und wirken bei der Zellerkennung mit. Dass Lektine in der Lage sind, sich spezifisch an Zellen bzw. Zellmembranen zu binden und von dort aus biochemische Reaktionen auszulösen, muss nicht zwangsläufig negativ sein.

Eine Ausnahme bildet das Lektin WGA (Weizenkeimagglutinin), dessen Gehalt im Weizen durch Züchtung in den letzten Jahren gezielt gesteigert wurde und das nicht (wie das bei Hülsenfrüchten der Fall ist) durch Erhitzen beträchtlich reduziert werden kann. Das Lektin WGA kann – wegen fehlender nützlicher Wirkungen und da es in zu großen Mengen verzehrt wird – zu Recht als Antinährstoff bezeichnet werden, und zwar für Menschen und für Elefanten.

!Kung
Von Naturvölkern können wir Menschen lernen, wie potenziell krankmachende Pflanzenstoffe wie Lektine weitestgehend unschädlich gemacht werden können. Das indigene Volk der !Kung (eine San-Gruppe in der Kalahari-Wüste) beispielsweise trocknet die von ihnen verzehrten Bohnen in der Sonne und röstet sie zusätzlich in der Aschenglut. Um die bei ihnen beliebten Mongongo-Nüsse von Lektinen zu befreien, weichen sie diese in Wasser ein, kochen und rösten sie. Übrigens lassen sie die Nüsse gern von Elefanten »sammeln«, die sie fressen und unverdaut wieder ausscheiden. Die auf diese Weise »gesammelten« Nüsse picken sich die !Kung einfach aus dem Elefantendung heraus.

Einsatz von Lektinen in der Elefantenforschung
Das Elephant Endotheliotropic Herpesvirus (EEHV) ist eine gefährliche Infektionskrankheit bei Asiatischen Elefanten, ganz besonders für Jungtiere. EEHV befällt Elefanten seit Jahren weltweit sowohl in Zoos als auch in freier Wildbahn und führt zu hohen Sterblichkeitsraten, oft sterben die Elefanten binnen weniger Tage. Das Virus befällt die Endothelzellen der elefantösen Blutgefäße, verursacht dadurch Blutungen sowie schwere Gerinnungsstörungen, was zu Anämie und Thrombozytopenie führt. Inzwischen kann vorsorglich gegen EEHV geimpft werden. Im akuten Fall wird eine Bluttransfusion durchgeführt, doch ohne Kenntnis der Verträglichkeit der Blutgruppe kann auch das tödlich enden.

Forscher der TiHo (Tierärztliche Hochschule Hannover) haben Anfang dieses Jahres Blutproben von 46 Elefanten in Thailand sowie 14 Proben aus deutschen Zoos analysiert. Zwischenzeitlich arbeiten die Forscher statt mit aus Tieren gewonnenen Antikörpern mit einer tierschutzkonformen Alternative: mit Lektinen. Wie oben ausgeführt, binden Lektine spezifisch an rote Blutkörperchen. Je nach Pflanze, aus der die Lektine gewonnen werden, binden sie an unterschiedliche Antigene, sodass es je nach Blutgruppe mit einigen Lektinen zu einer Verklumpungsreaktion kommt und bei anderen nicht. Zurzeit wird eine Systematik entwickelt, durch die Schlüsse über die Blutverträglichkeit gezogen werden können.

Weitere Gemeinsamkeiten mit Elefanten
Natürlich gibt es auch positive Gemeinsamkeiten, die Menschen mit Elefanten haben. Dazu gehört die lange Lebenserwartung, die lange Kindheit und Pflege des Nachwuchses, die komplexe Kommunikation, die kognitiven Fähigkeiten wie Werkzeuggebrauch, Selbsterkennung, Gedächtnis und Seitenpräferenz (Rechts- und Linksrüssler bzw. Rechts- und Linkshänder). Vergessen wir auch nicht die sozialen Interaktionen, die von Zuneigung und gegenseitiger Fürsorge geprägt sind. Elefanten umarmen ihre Liebsten und sie trauern um Verstorbene ähnlich wie Menschen. Ihre Fähigkeit zur sensiblen Empathie dürfte wohl die beeindruckendste Gemeinsamkeit sein, die wir mit Elefanten teilen.

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