Fotoausflug 🌹 – 07 Gottsbüren und seine Legenden (Hessen)

»Um das Jahr 1330 – zu der Zeit, als sich ein berühmter, im Land der Sachsen umherziehender Schalk namens Till Eulenspiegel dumm stellte, tatsächlich aber mit allen Leuten gewitzt seinen Schabernack trieb – geschah im nordhessischen Reinhardswald das Wunder von Gottsbüren …



… In der Nähe des Dorfes Gottsbüren, welches dem Kloster Lippoldsberg vom Erzbistum Mainz überlassen worden war, wurde ein aufsehenerregender Fund gemacht. Die Kunde, dass im Reinhardswald der heilige Leichnam des Herrn Jesu Christi ganz unversehrt, aber mit Blutstropfen bedeckt, gefunden und in Gottsbüren aufgebahrt worden war, verbreitete sich überall in den Diemel- und Weserlanden. Aus allen Gauen strömten fromme Pilger herbei, um an der geheiligten Stätte, in der Pfarrkirche von Gottsbüren, ihre Andacht zu verrichten …


… Durch die Geschenke der zahlreichen Pilger gelangte Kloster Lippoldsberg bald zu großem Reichtum, sodass 1331 eine große Wallfahrtskirche gebaut werden konnte. Die Stadt Hofgeismar ließ sogar zur Bequemlichkeit der Wallfahrer den morastigen Weg bis Gottsbüren pflastern, da auch sie großen Gewinn aus der Hostienwallfahrt der vielen Gläubigen zog …
[Der Hostienlegende ist eine Bilderfolge als Wandmalerei gewidmet, die nur noch teilweise zu erkennen ist. In einer Szene hält ein Mönch den Pilgern eine Monstranz entgegen. Die darin enthaltene Hostie (eine hauchdünne Oblate aus Weizenmehl und Wasser) weist fünf rote Punkte auf – ein Symbol für die Blutstropfen auf dem Leib Christi. Mikrobiologen vermuten, dass ein Bakterium, das blutrote Kolonien auf der Hostie bildete, für die Entstehung der Legende vom Wunder von Gottsbüren verantwortlich war. Von der Wallfahrt zum Ort des Wunders erhofften sich fromme Gläubige die Vergebung größerer Sünden.]
… Ab 19. April 1334 ließ das Mainzer Bistum – zum Schutz und Schirm der Pilger und natürlich auch wegen der Einnahmen aus den Wallfahrten – meine verfallenen Überreste zu einer richtigen Schutzburg mit den damals typischen Kegeldächern ausbauen. Nach dem Basaltkegel, auf dem ich stehe, wurde ich Zappenborgck (Zapfenburg) genannt. Mein erster Burgmann wurde nach Abschluss der Arbeiten im Jahr 1336 Ritter Arnold von Portenhagen …






Drei Rosen stehen für Weisheit, Frömmigkeit und Milde,
Drei Rosen sind es im adeligen Schilde,
Wie das Alter kommt einst nach der Jugend,
So kommt der Adel nach der Tugend.
(mittelalterlicher Spruch)
Sowohl Rosen als auch Lilien waren als die beliebtesten Blumen tief in der mittelalterlichen Kultur verwurzelt und beeinflussten Kunst, Literatur und Heraldik.



… Den Taufstein der neuen Wallfahrtskirche Gottsbüren gestaltete der Bildhauer Wilhelm Hugues. Auf einer der in diesem Taufstein eingelassenen Sandsteinplatten sind Kopf und Vorderhuf eines langohrigen Esels zu sehen. Ob der Künstler damit in verdeckter Weise seinen Unmut über das Wallfahrtstreiben zum Ausdruck bringen wollte? Oder spielte er damit auf den Esel an, der in der Dämmerung versehentlich statt eines Hirsches als Festbraten für die Kirmes geschossen worden war? Der Vorfall hatte Gottsbüren zum Gespött der Nachbardörfer werden lassen. Es hatte ihm und seinen Einwohnern Spottnamen wie Eselsdorf und Eselsfresser eingebracht …


Wallfahrtskirche Gottsbüren, Reinhardswald, Hessen | © Iris Sofie Bayer
[Zufälligerweise zeigen die beiden Wappen auf dem Grabstein von Johan Trebsdorf-Scharfenstein – nach der lateinischen Inschrift rings um den Mann, der in Rüstung mit gezogenem Schwert dargestellt ist – eine Burg und drei Rosen.
Die Chronik der Gemeinde Gottsbüren vermerkt über ihn folgende Episode:
»Von ihm [Johan Trebsdorf-Scharfenstein] erzählt die mündliche Überlieferung, dass er in der Notzeit des Dreißigjährigen Krieges die Bewohner von Gottsbüren durch Läuten der Glocke zu warnen pflegte, wenn die Feinde sich dem Dorf näherten. Weiter wird erzählt, er habe unter dem Altar einen Schlupfwinkel gehabt, in dem ihn die Feinde eines Tages entdeckten, weil ein Zipfel seines Gewandes zu sehen war; dann wurde er getötet.«]


… Viele der Wallfahrer rasteten auf der ehemaligen Thingstätte, um von hier aus einen letzten Blick auf die Wallfahrtskirche in Gottsbüren zu werfen und zu beten, was oftmals heilsame Wunder bewirkte. Lahme konnten plötzlich ihre Krücken wegwerfen und gesund nach Hause zurückkehren, sodass der Hügel noch heute Krickelsberg genannt wird. Am Rande des Krickelsbergs soll sich einer der Grabsteine der alten Germanen vom Stamm der Sachsen befinden, die dort beigesetzt wurden. Die Erinnerung an sie hat sich in der Sagenwelt in den Geschichten über die Hünengräber, die für die Gräber von Riesen gehalten wurden, und über die Hünenbetten auf der Zappaborgck (Sababurg) erhalten. Das Wort Hüne nach mittelhochdeutsch hiune bzw. niederdeutsch hûne bedeutet Riese.«
Zitate in Fettdruck stammen alle aus Dornröschen gab es wirklich von Iris Sofie Bayer
Auch wir schlossen eine heilsame Waldwanderung an, und zwar im Thorengrund, einem schönen Wald- und Naturschutzgebiet auf dem Märchenlandweg im Reinhardswald, wo wir ganz eigenen Wundern der Phantasie begegneten.




Weiter geht’s mit 08 Wasserschloss Wülmersen und Carlsbahntunnel …
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