Buchvorstellung – »Ein Elefant für Karl den Großen«

Cover fürs Buch »Ein Elefant für Karl den Großen«

»Selbst Bucephalus und Rossinanten,
Abulabas den Elephanten,
Roß Bayard und Bileams Eselin
nahm Freund Hein zum Morgenbrod hin.
«

(satirisches Heldengedicht Jobsiade, Carl Arnold Kortum, erschienen 1784)

Der historische Elefant Abu Abbas, dessen Reise von Bagdad nach Aachen im 9. Jahrhundert urkundlich belegt ist, findet auch noch tausend Jahre nach seinem Ableben im oben zitiertem Heldengedicht eine literarische Erwähnung. Zum Weltelefantentag 2025 habe ich den 480-seitigen historischen Roman Ein Elefant für Karl den Großen, Lübbe Verlag, Köln 2015, gelesen, der gemäß dem Klappentext die Geschichte des wohl größten Helden des Mittelalters erzählt:

»Der Körper der Kreatur war gewaltig. Nie zuvor hatte Thankmar etwas so Großes gesehen. Die hellgraue Farbe der Haut verriet des Monstrums Herkunft: Ein wahnsinniger Gott musste es aus Fels geformt und ihm Leben eingehaucht haben. Davon schien auch das Labyrinth aus rissen und Falten zu erzählen, das über die Haut verlief und sich unter den Atemzügen hob und senkte wie ein Blasebalg. Das Gewicht dieses lebendigen Berges ruhte auf vier Beinen, die wir Säulen aussahen. An der Kehrseite des Wesens hing ein Schwanz, dürr wie ein Stock. Am entgegengesetzten Ende – Thankmar musste den Kopf drehen, um es betrachten zu können – ragte das Haupt des Elefanten auf, noch furchterregender als der Körper. Rechts und links standen riesige Ohren ab, von zuckenden Muskeln gelegentlich geschüttelt. Das Gesicht darunter war eine entsetzliche Fratze. Zwei Dämonenhörner ragten aus dem Kopf. Ein Teufel fürwahr!« (aus dem Klappentext zitiert)

So muss der asiatische Elefant auf abergläubische Menschen des Mittelalters, die noch nie ein so großes Tier gesehen hatten, gewirkt haben. Der Elefant Abu Abbas, wahrscheinlich nach der Abbasiden-Dynastie des Kalifen benannt, war ein diplomatisches Geschenk des Kalifen Harun ar-Raschid, des mächtigsten Mannes im Orient an Kaiser Karl den Großen, den Herrscher des Fränkischen Reichs, den mächtigsten Mann Europas.

Die genauen Hintergründe der diplomatischen Mission sind unbekannt, vielleicht der Schutz pilgernder Christen, intensivere Handelsbeziehungen oder ein angestrebtes Bündnis gegen den gemeinsamen Feind Byzanz – im Roman wird die Reise als heikle Friedensmission dargestellt. Die einzige historische Person im Roman ist Isaak von Köln, ein jüdischer Kaufmann, Dolmetscher und Diplomat, der zusammen mit einer kleinen Delegation von Sarazenen (sich zum Islam Bekennende), den Elefanten auf seiner Reise begleitete, wie auch sein sächsisch-heidnischer Sklave Thankmar.

Der Autor und Historiker Dirk Husemann schreibt in seinem Nachwort, dass die Berichte über die Reise des Elefanten spärlich sind. Das lässt ihm einen großen Interpretationsspielraum, den er auf spannende, abenteuerliche Weise zu nutzen weiß, die an einen marktschreierischen mittelalterlichen Jahrmarkt erinnert, der alles aufbietet, was die Gaff- und Kauflust bzw. in diesem Fall die Leselust steigern könnte. Schade, dass der Titelelefant Abu Abbas dadurch eher zur Nebensache wird und sein letzter Auftritt, bei dem er Karl dem Großen als Kriegselefant das Leben rettet, nicht historisch ist: »Anders als im Roman geschildert, soll der Elefant aus Bagdad die Kaiserpfalz in Aachen erreicht haben. Viel mehr ist über sein Schicksal nicht bekannt.« (aus dem Nachwort zitiert)

Vermutlich hat der Autor geahnt, dass seine Leserschaft von einem Historiker mehr Historientreue erwartet, was mir in meinem eigenen Elefantenroman Der Elefant des Sonnenkönigs besonders wichtig war, weswegen ich auch am Ende meine nach langer, hartnäckiger Suche gefundenen historischen Quellen offenlege, aus denen ich mehr über das Leben diesen ebenfalls sehr berühmten Elefanten erfahren habe. Die Begründung für seinen alternativen und fulminanten Schluss ist laut Dirk Husemann der Dramaturgie der Handlung geschuldet. Zum anderen, so der Autor, blieb dem stolzen Tier zumindest in der Fiktion das Dahinvegetieren in der Privatmenagerie Karls des Großen erspart. Ich habe mich gefragt, ob man sich nicht auch andere Szenen hätte sparen können wie Sex auf dem Rücken des Elefanten oder wie der Elefant Menschen tötet.

Von den Anekdoten, die sich um Abu Abbas ranken,
die so wunderbar in die Geschichte hätten einfließen können, berichtet Dirk Husemann erst im Nachwort, denn er bezweifelt, dass der Kaiser persönlich auf dem Tier geritten ist, als er ihn auf einen Kriegszug gegen die Dänen mitgenommen haben soll, um den Feind zu erschrecken. Auch dass Abu Abbas ein Albino, also ein Elefant mit heller, fast weißer Hautfarbe gewesen sein soll, schließt der Historiker wegen der Seltenheit solcher Elefanten aus und hält es für eine Übertreibung, welche die Exotik des Tieres unterstreichen sollte. Auch legte der Autor seinen Figuren keine abergläubischen Behauptungen über den Elefanten in den Mund – beispielsweise dass Elefanten von Bäumen abstammten und wie diese kein einziges Gelenk in ihrem Körper hätten, dass sie über tausend Jahre alt würden und dass es notwendig sei, dass zwei Jungfrauen in die Wüste zögen, um einen Elefanten zu fangen, um ihn mit ihrem Gesang anzulocken.

Über seinen Schreibprozess lässt uns der Autor wissen:
»Schreiben, so die landläufige Meinung, ist eine einsame Angelegenheit. Aber das stimmt nicht. Ständig ist der Autor umringt von den Figuren der Geschichte – jede will etwas anderes, jede drängelt und schiebt und redet dazwischen. Der Dialog mit und zwischen ihnen reißt niemals ab, auch dann nicht, wenn die Textverarbeitung schon längst abgeschaltet und das Notizbuch zugeklappt ist. Alle diese Figuren sind mir ans Herz gewachsen, und ich bin dankbar, dass sie sich mit mir eingelassen haben.« (aus der Danksagung zitiert)

Es hat mir gefallen, wie der Autor die Entstehung seines Romans in der Danksagung beschrieben hat, denn genauso empfinde ich ebenfalls, wenn ich mal wieder in eine neue Buchidee abgetaucht bin. Offensichtlich hat Dirk Husemann das kreative Schreiben viel Spaß gemacht.

Zudem fand ich die Aufmachung des Taschenbuchs gelungen, zum Beispiel den auf beiden Seiten einklappbaren Buchdeckel, der als Lesezeichen genutzt werden konnte, die Karte des damaligen Frankenreichs, die hilfreich war, um die Reise des Elefanten nachvollziehen zu können und die schöne Haptik durch das erhobene Elefantenrelief auf dem vorderen Cover.

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