Buchvorstellung – »Das Jahr der Elefanten«

Passend zum Weltelefantentag 2025 möchte ich gern Highlights der bewegenden Geschichte einer Elefantenfamilie im Amboseli-Nationalpark in Kenia teilen, die von der weisen, erfahrenen und geachteten Matriarchin ECHO angeführt wurde, die etwa 64 Jahre alt geworden ist. Erzählt wurde diese wahre Familiengeschichte von der amerikanischen Forscherin, Naturschützerin und Autorin Dr. Cynthia Moss (* 24. Juli 1940 in Ossining, New York), die mehr als 30 Jahre in Afrika verbracht hat, um Afrikanische Elefanten zu studieren und sich für deren Schutz einzusetzen.
Von den mehr als 1.400 Elefanten, die Cynthia Moss als Individuen identifiziert und deren Daten sie erfasst hat, ist ihr vor allem die EB-Elefantenfamilie mit ihrer Leitkuh ECHO ans Herz gewachsen. Der preisgekrönte Wildlife-Fotograf und Filmemacher Martyn Colbeck schoss nicht nur die Fotos zum obigen Bildband Das Jahr der Elefanten – Tagebuch einer afrikanischen Elefantenfamilie, Frederking & Thaler Verlag, München 1992, sondern drehte auch den Dokumentarfilm zum Buch: Echo of the Elephants. Und so beginnt Cynthia Moss ihre Elefantengeschichte:
»ECHO ist weder eine besonders große noch besonders wohlproportionierte Elefantenkuh, aber trotzdem ist sie sehr schön. Sie hat lange, anmutig geschwungene Stoßzähne, die sich vorne an der Spitze überkreuzen. Beim Gehen wiegt sie den Kopf im Rhythmus ihrer Schritte hin und her, so daß eine schöne, fließende Bewegung entsteht. Echo ist die gelassene, sanfte Anführerin einer Elefantenfamilie, die im Amboseli-Nationalpark im südlichen Kenia lebt.
Dieses Buch erzählt Echos Geschichte. Es ist ein Versuch, Einblicke in das Leben einer Elefantenfamilie zu geben, und zwar über einen Zeitraum von 18 Monaten, von Januar 1990 bis Juni 1991. Martyn Colbeck und ich sind Echo und ihrer Sippe auf ihren Wanderungen gefolgt …«
ECHO (* 1945, † 3. Mai 2009), die nach den Geräuschen ihres Funkhalsbandes benannt wurde, das Cynthia Moss ihr 1973 anlegte, dem Jahr, in dem sie ihre Verhaltensstudie begann, brachte während ihres Lebens acht Elefanten auf die Welt, sechs weibliche und zwei männliche Kälber. Alle tragen Namen, die mit E beginnen. Der Codename EB für Echos Elefantenfamilie diente während der Studie zur Unterscheidung von den rund 50 Elefantenfamilien, die im Amboseli-Nationalpark leben.
Dramatisch war die Geburt von ELY,
der mit einer Fesselgelenk-Flexur geboren wurde, zu der es kommen kann, wenn das Muttertier sehr viel kleiner ist als das Vatertier und das Junge verhältnismäßig groß ist. Da der kleine Elefantenbulle so groß war, waren seine Beine im letzten Stadium von Echos Trächtigkeit zusammengedrückt worden, weshalb sie bei der Geburt am 28. Februar 1990 völlig steif waren. Normalerweise stehen Elefantenkälber spätestens 15 Minuten nach ihrer Geburt auf ihren Beinen, doch ELY kniete auch mehrere Stunden nach seiner Geburt immer noch auf seinen Fesselgelenken, das heißt auf den Vorderfußwurzeln, die unseren Handgelenken entsprechen.
ECHO und ihre zweitälteste Tochter ENID, die einen starken Beschützerinstinkt hat, schlangen abwechselnd ihren Rüssel um das Baby und versuchten es vorsichtig aufzuheben. Doch so sehr sich das kleine Kalb auch anstrengte, es konnte nur knien bzw. nur kurze Strecken auf den Knien vorwärtsrutschen. Da es so groß und stark war, konnte es allerdings trotzdem die Zitzen erreichen, wenn es sich mit zurückgebogenem Kopf hochreckte. Dennoch rechneten die Forscher damit, dass das verkrüppelte Elefantenbaby über kurz oder lang sterben würde. Doch das war nicht der Fall. Dieses robuste, willensstarke Elefantenkalb führte über mehrere Tage seinen Überlebenskampf weiter, während ihn Mutter und Schwester nicht im Stich ließen, sondern auf Nahrung und Wasser verzichteten und ihre Schritte seinem Tempo anpassten, wobei sie keinerlei Ungeduld zeigten – ein Beweis für die unglaublich fürsorgliche Natur der Elefanten!
Am dritten Tag stemmte sich ELY mit unglaublicher Willenskraft und Zähigkeit auf alle vier Füße hoch. Zwar kippte er immer wieder um und musste die für ihn schmerzhafte Prozedur, die steifen Gelenke beweglicher zu machen, noch viele Male wiederholen, bis er tatsächlich auf seinen vier Füßen stehen und gehen konnte, aber von da an hatte er gewonnen. Immer wenn die anderen Elefanten ruhten, stolperte und hinkte er herum und saugte bei ECHO. Er kräftigte seine Vorderfüße auch dadurch, dass er sie gegen einen Baumstamm presste und zu strecken versuchte. Am 7. März konnte ELY schon drei Kilometer laufen und im Laufe der Zeit mit den anderen Kälbern mithalten. Was für ein tapferes Elefantenkind!
Elefantenmatriarchinnen wie ECHO
treffen im Namen ihrer Großfamilie Entscheidungen über Leben und Tod, z. B. wann sie ein Dürregebiet verlassen, wohin sie gehen und wann sie ein verletztes Familienmitglied zurücklassen. Es war ungewöhnlich, dass ECHO bereits im Alter von 23 Jahren zur Matriarchin wurde. Es zeigte sich jedoch im Verlauf der Verhaltensstudie immer wieder, dass sie eine besonders fähige Leitkuh war, der es gelang, ihre Elefantengroßfamilie, zu der auch ihre beiden Schwestern ELLA und EMILY mit Nachwuchs gehörten, vollzählig durch viele Gefahren zu führen,
Doch 1989 mussten die EBs einen großen Verlust hinnehmen: ECHOS Schwester und engste Verbündete EMILY. Das Unglück hatte tiefgreifende Folgen für die Elefantenfamilie, denn der Tod einer erwachsenen Elefantenkuh bringt die ganze Familie aus dem Gleichgewicht, ganz zu schweigen von der Lebenserfahrung und Weisheit, die der Elefantenfamilie durch den Tod der erfahrenen »Lehrerin« verlorengeht. Nachdem das Forscherteam feststellte, dass EMILY fehlte, die ihren jüngsten Nachwuchs Emo und EDO niemals allein gelassen hätte, suchten sie die Elefantenmutter per Auto und Flugzeug, bis sie schließlich ihren Kadaver unter einer ganzen Heerschar von Aasgeiern fanden.
Was war geschehen? War sie von Massaikriegern gespeert worden oder durch Kugeln von Elfenbeinwilderern ums Leben gekommen? Nein, die bittere Wahrheit ist: durch menschliche Fahrlässigkeit im Umgang mit Abfällen. In ihrem Magen fanden sich Flaschenhälse, Glas, Plastik, gebrauchte Batterien und viele andere gefährliche Gegenstände. Es ließ sich nicht mehr feststellen, welcher davon ihre Eingeweide durchbohrt hatte und sie innerlich hatte verbluten lassen – eine schreckliche Art zu sterben!
Wie sollte der erst sechs Monate junge EDO ohne seine Mutter überleben, schließlich war Milch immer noch seine Hauptnahrung? Die kenianische Naturparkbehörde schickte eine Rettungsmannschaft, die Edo einfing und nach Nairobi in das Elefantenwaisenhaus brachte. Nach ein paar Wochen unter liebevoller menschlicher Fürsorge erholte sich der geschwächte, apathische Edo, der so dünn geworden war, dass alle Knochen hervorstachen. Der Elefantenbulle konnte später erfolgreich im Tsavo Nationalpark ausgewildert werden.
Dank Echo überlebten die anderen EBs die schreckliche Dürreperiode von November 1990 bis März 1991, in der es allein auf Echos Wissen und ihre Erfahrung ankam.
Der 7. Juni 1991 war der letzte Drehtag im Amboseli-Nationalpark,
was Cynthia Moss und Martyn Colbeck traurig stimmte. Der Abschied von den EBs, die ihnen im Lauf der Wochen und Monate so sehr ans Herz gewachsen waren, fiel beiden ungeheuer schwer. Es war vor allem ECHO mit ihrer sanften Würde, die sie nie vergessen würden. In den vergangenen 18 Monaten hatten sie mehr über das Matriarchat in der Elefantengesellschaft gelernt als mit den herkömmlichen wissenschaftlichen Forschungsmethoden. Echo und ihre Familie müssen die emotionalen Schwingungen wahrgenommen haben, denn sie kamen am letzten Drehtag mitten ins Camp, um dort unter einem Baum zu ruhen.
»Es war ein strahlender Amboseli-Tag mit tiefblauem Himmel, und der Kilimandscharo ragte klar und völlig wolkenlos in der Ferne empor. […] Wir fanden die EBs, als sie gerade, von Norden her kommend, die Straße zu unserem Camp überquerten. Echo ging an der Spitze, das Urbild der souveränen Anführerin, und ihre schönen Stoßzähne schimmerten sanft im Licht der Morgensonne. […] Die Elefanten waren bald alle um mein Zelt herum versammelt. […] Die kleinen Kälber plumpsten auf den Boden und waren schnell eingeschlafen. Auch ein paar von den größeren Kälbern legten sich ins Gras, wo sie sich in große graue Buckel verwandelten. Echo stand in der Mitte, umringt von ihren engsten Verwandten.«
Nachdem ich den Bildband von 1992 gelesen hatte, hat mich interessiert, was inzwischen aus ECHO geworden ist. Rettet die Elefanten Afrikas e.V. veröffentlichte am 3. Mai 2019 einen Nachruf auf ECHO, der uns wie folgt informiert:
»Heute vor zehn Jahren starb Echo, die berühmte Matriarichin der EB-Familie aus dem Amboseli-Nationalpark in Kenia. Sie war eine außergewöhnlich sanfte, fürsorgliche und erfahrene Leitkuh, die ihre Familie viele Jahrzehnte durch gute wie schlechte Zeiten führte. In vielen Dokumentationen über die Elefanten Amboselis stand sie im Mittelpunkt und wurde so weit über die Grenzen Kenias hinaus berühmt und ein Liebling der Elefantenfreunde. Und genau das war sie auch für das Team des ATE (Amboseli Trust for Elephants)! Sie werden sie nie vergessen! Eine besonders intensive, freundschaftliche Beziehung hatte Echo zu Cynthia Moss, der Leiterin des ATE, entwickelt. Oft besuchte sie diese in ihrem Camp, wo sie mit ihrer Familie zwischen den Zelten weidete. ECHO starb während der schlimmen Dürre des Jahres 2009 und ihr Tod riss eine furchtbare Lücke. Vor allem für ihre Familie und auch die Mitarbeiter/innen des ATE war es ein sehr schmerzhafter Verlust. Und sie vermissen sie noch heute! Doch ihr Erbe lebt weiter in ihrer großen und erfolgreichen Familie, deren Hauptgruppe jetzt von ihrer Tochter ENID angeführt wird. Enid ist ihrer Mutter sehr ähnlich und setzt Echos sanften und fürsorglichen Führungsstil fort. Möge Amboseli noch lange eine sichere Heimat für Echos Nachkommen bieten!«
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