Elefantöses – Warum ihnen ihr Charisma zum Verhängnis wird

»Kann man Ausstrahlung lernen?
Jeder hätte gerne das gewisse Etwas, eine positive Ausstrahlung, die auf andere spontan anziehend wirkt. Wer schon einmal in der Nähe von Elefanten war, kann ihre präsente Ausstrahlung – die mächtige Aura, die sie umgibt – deutlich spüren. […] Die imposante Ausstrahlung von Elefanten beruht nicht nur auf ihrer Körpergröße. Sie faszinieren uns, da bei ihnen Intelligenz, Kraft und Feinfühligkeit in harmonischem Einklang – und damit authentisch – sind.
Gemäß einer Studie sind Elefanten unter den ersten drei der charismatischsten Tiere, doch gerade ihre große Popularität und Präsenz in den Medien führt dazu, dass unser Gehirn den Bedrohungsstatus der Elefanten falsch einschätzt. Forscher vermuten, dass die Häufigkeit, in der uns Elefanten im täglichen Leben begegnen – auf Bildschirmen, auf Werbeplakaten, als Spielzeug etc. – in uns ein völlig falsches Bild von den echten Wildtierbeständen entstehen lassen.
Courchamp F, Jaric I, Albert C, Meinard Y, Ripple WJ, Chapron G (2018). The paradoxical extinction of the most charismatic animals. PLoS Biol 16(4): e2003997.« (Auszug aus meinem Buch Die Elefantenstrategie)
Unter den Top Ten der charismatischsten Tiere sind laut dieser Studie: Tiger, Löwe, Elefant, Giraffe, Leopard, Panda, Gepard, Eisbär, Wolf und Gorilla. Tatsächlich ist jede dieser Arten in der Wildnis vom Aussterben bedroht, hochgradig gefährdet oder leidet unter dramatischen Habitats- und Populationsrückgängen. Ohne drastische Schutzmaßnahmen, so schätzen Experten, werden Tiger, Elefanten oder Eisbären in 20 bis 50 Jahren ausgestorben sein.
Fehleinschätzungen
Das hättest du so nicht eingeschätzt? Von den in der oben genannten Studie Befragten hat jeder zweite die Gefährdung bzw. Schutzbedürftigkeit dieser charismatischen Wildtiere falsch eingeschätzt. Franck Courchamp von der University of South Paris, der Leiter der Studie, begründete diese Fehlwahrnehmung in einem Interview damit, dass charismatische Tiere häufig für Marketing-Zwecke eingesetzt würden. Diese virtuelle Omnipräsenz täusche darüber hinweg, wie selten diese Wildtiere bereits geworden sind. Sein Vorschlag: Die kommerzielle Nutzung der Bilder bedrohter Wildtiere mit Informationen über den Bedrohungsstatus zu verbinden und einen Teil der Einnahmen in den Artenschutz zu investieren.
Der echte Wildtierbestand von Löwen und Giraffen wurden am häufigsten falsch eingeschätzt.
Eine Woche lang sollten 42 französische Freiwillige notieren, wie vielen virtuellen Tieren sie begegnen. Im Durchschnitt sahen sie jede der zehn oben genannten Arten rund 30 Mal. Wenn jemand durchschnittlich 4 Löwenbilder pro Tag sieht, heißt das, das er auf ein Jahr hochgerechnet deutlich mehr Löwen gesehen hat, als heutzutage noch in Westafrika leben (2012 wurden dort noch etwa 400 Löwen gezählt).
Von dem beliebten Babyspielzeug Sophie, die Giraffe, gingen in Frankreich 2010 etwa 800.000 Exemplare über den Ladentisch – der gesamte Bestand in freier Wildbahn liegt bei weniger als 100.000 Giraffen, nachdem er sich in den 1980ern halbiert hatte. Bei der Jagd auf Elefanten denkt jeder sofort an das Elfenbein, aber warum wird auf Giraffen Jagd gemacht?
»Hier im Serengeti-Nationalpark leben noch etwa 13.000 Massai-Giraffen, denn in Tansania gilt die Giraffe als Nationaltier«, berichtet ihr Safari-Guide, »doch die IUCN (International Union for Conservation of Nature) führt die Giraffe als ›gefährdet‹. Diese Tiere werden massenweise abgeschlachtet, weil Wunderheiler versprechen, Aids-Medizin aus dem Knochenmark der Giraffen brauen zu können.« (2016, Auszug aus meinem Buch RELING)
Während das Aussterben der Elefanten zu unseren Lebzeiten stattfindet, ist vielen nicht bewusst, dass mit den Elefanten unzählige weniger charismatische Pflanzen- und Tierarten verschwinden werden, denn Elefanten sind eine sogenannte Schlüsselart, die unverhältnismäßig großen Einfluss auf ihre Umwelt hat.
Die genannte Studie weist in ihrer Zusammenfassung darauf hin, dass die Präsentation von charismatischen Tierarten nach wie vor eines der wirksamsten Mittel sei, um die Öffentlichkeit zur Unterstützung von Naturschutzmaßnahmen zu motivieren. Wenn diese Arten in freier Wildbahn aussterben, könnte die gesamte Naturschutzbewegung darunter leiden, weil sie dann in den Augen eines großen Teils der Öffentlichkeit an Bedeutung verliere. Da es sich bei den meisten charismatischen Arten um Schlüsselarten handle, die große Anforderungen an ihren Lebensraum stellten, werde ihr Schutz außerdem kaskadenartige Auswirkungen auf den Erhaltungszustand zahlreicher anderer Ökosysteme und deren Arten haben.
Die Forscher befürworten deswegen eine verstärkte Kommunikation über die Gefährdung der beliebtesten Arten, um das öffentliche Bewusstsein für umfassendere Erhaltungsmaßnahmen als dringendem Handlungsbedarf zu schärfen, damit das bewundernswerte Charisma diesen Tierarten nicht zum Verhängnis wird.
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