Buchvorstellung – »Wie ich ICH wurde«

Cover fürs Buch »Wie ich ICH wurde«

»Traumatisierte Menschen traumatisieren Menschen
(Kathie Kleff)

»Wir, die Kinder der Nachkriegskinder. In diese Welt gesetzt von Eltern, die selbst als Kinder emotional nicht viel zu erwarten hatten, weil ihre eigenen Eltern – unsere Großeltern – und deren Eltern die Prägungen der Ahnen sowie den Schrecken und die Traumata zweier Kriege noch tief in ihren Zellen trugen. […] Die völlig selbstverständlich bestraft, misshandelt und geschlagen wurden, in der Familie und auch in der Schule, ohne einen Verbündeten an der Seite zu haben, der diese Methoden infrage stellte und bessere Entscheidungen im Sinne des Kindeswohls traf. Meine Eltern wollten gute Eltern sein, so wie alle Eltern. Aber wie viele andere waren sie aufgrund ihrer eigenen Biografie nicht [dazu] in der Lage.« (Kathie Kleff)

Es hat bis ins Jahr 2022 gedauert, bis die kPTBS (komplexe posttraumatische Belastungsstörung) ihren Weg in die ICD-11 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) und somit offizielle Anerkennung fand. Hätte es diese Diagnose, so Kathie Kleff, schon früher gegeben, hätte man sie für mindestens zwei Jahre in eine Traumatherapie geschickt, wo man ihr geduldig und behutsam erklärt hätte, was mit ihrem Nervensystem los ist. In ihrer 368-seitigen Autobiografie Wie ich ICH wurde: Der Weg meiner Traumaheilung, Momanda Verlag, Rosenheim 2023, geht es nicht um ein Schocktrauma, also nicht um das einmaliges Erlebnis eines schweren Unfalls, Gewaltaktes oder Überlebenskampfes wegen einer Naturkatastrophe; es geht vielmehr um ein Komplextrauma bzw. Bindungs- und Entwicklungstrauma.

»Du willst doch nicht behaupten, du hättest eine schlechte Kindheit gehabt?« Kathie Kleff erzählt, dass ihre Eltern ihr ein sehr komfortables Leben in einer soliden Mittelklassefamilie ermöglichten – mit alle Drum und Dran wie ein eigenes großes Zimmer, die Erfüllung materieller Wünsche, sogar ein eigenes Pferd hatte sie. Das war sehr viel mehr, als ihre eigenen Eltern, geboren 1940 und 1945, je bekommen hatten – im Vergleich zu ihnen war es ein Schlaraffenland. Doch auf emotionaler Ebene wurde viel versäumt: eine sichere Bindung, ein friedvolles Zuhause, in dem Liebe, Empathie und ein respektvoller Umgang miteinander nicht verhandelbare Werte hätten sein sollen.

»Wir sind viele.«
(Kathie Kleff)

Kathie Kleff möchte mit ihrer schonungslos ehrlichen Biografie Wie ich ICH wurde anderen Traumatisierten das Gefühl geben, endlich gesehen zu werden. Bei mir ist ihr das gelungen. An vielen Stellen fühlte ich mich tief berührt und zu Tränen gerührt, weil ich auf meinem eigenen Weg der Traumaheilung Ähnliches erlebt habe. Auch ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass wir nichts von alledem, was unseren emotionalen Schmerz immer größer hat werden lassen, aus unserem Leben löschen können, sondern nur lernen können, damit zu leben, und zwar so, dass wir keine Energie mehr verlieren, wenn wir mit den Wunden unserer Vergangenheit in Berührung kommen, was zwangsläufig immer wieder geschehen wird.

Kathie Kleff, die seit über dreißig Jahren zu den bekanntesten und erfolgreichsten weiblichen Radiostimmen Deutschlands zählt und deren Antenne-Bayern-Podcast Get happy! in der Kategorie der mentalen Gesundheit zu den meistgehörten Podcasts im deutschsprachigen Raum gehört, beschreibt anschaulich, wie sie sich in einem kriegsähnlichen Zustand mit ihrem Körper befunden hat, wie depressive Episoden, Panikattacken, selbstzerstörerische Sucht, chronische Schmerzen und ihre Überangepasstheit in Beziehungen sie immer mehr in eine Abwärtsspirale gerissen haben. Sie erzählt, wie sie auf ihrem Weg der Traumaheilung von einem Extrem ins andere gefallen ist, wie sie alles mit sich allein ausmachen wollte, dabei aber komplett von ihrem Körper und ihren Gefühlen getrennt war, sich selbst gnadenlos abgewertet hat, nie wirklich loslassen und entspannen konnte. Trotzdem hatte sie die ganze Zeit über für andere immer ein Lächeln auf den Lippen, während sie im eigenen Innern geblutet hat.

Ja, auch ich kannte solche Traumafolgen. Auch ich kannte das unerträgliche Gefühl der Verzweiflung, ich sein zu müssen. Ja, wir sind viele, aber wir können es schaffen, unseren Schutzpanzer, den wir ums Herz und oft auch sichtbar in Form von Körperfett um uns errichtet haben, zu verlassen. Und es gibt viele andere wie uns, die sich insbesondere eines immer wieder bewusst machen sollten: Traumafolgen sind im Körper gespeichert und können daher nicht allein mit dem Kopf geheilt werden. Die wichtigste tägliche Frage lautet für uns Traumatisierte: Wie sind wir zu unserem Körper?

»Bei dir ist auch immer irgendwas.
Was du nur immer hast.
Du solltest dankbar sein
Du bist aber auch ein bisschen schwierig.
Das ist so typisch für dich – so warst du schon immer.«

Kennst du auch solche Aussagen, mit denen du niedergebügelt wirst? Kathie Kleff zeigt, wie man aus dem Überlebenskarussell der Überanpassung aussteigen kann und zur Königin des eigenen Lebens werden kann. Letzteres ist auch das Thema meiner neuesten Veröffentlichung Dornröschen gab es wirklich. Mein Bildungsroman beginnt mit einem Motivationsspruch: »Wach auf, Dornröschen, realisiere: Im Inneren bist du schon längst eine Königin!« Ich habe mich von Herzen mit Kathie Kleff über die Rückkehr der inneren Königin in ihr Leben gefreut.

Doch davor kommt, dass wir anerkennen, dass unseren inneren Kindanteile in uns Übermenschliches geleistet haben, um uns angesichts der Todesängste, die wir als Kinder hatten, zu beschützen. Kathie Kleff, die auf ihrer Heilungsreise ihr ICH bzw. alle ihre inneren emotionalen Anteile wie ein Puzzle in seiner ganzen Komplexität wieder zusammengesetzt hat, schreibt:

»Ich habe viele Jahrzehnte gebraucht, um mit diesem Mädchen vorsichtig in Kontakt zu kommen und in der Tiefe zu begreifen, was es damals alles durchstehen und erleiden musste. Wie stark es war, wie tapfer und wie resilient. Welche genialen Strategien und Lösungen sein kleines Gehirn entwickelte, um sich in all dem Chaos zurechtzufinden und nicht unterzugehen. Wie es sich gefühlt hatte und was es für ein Wunder ist, das es überlebt hat. Das war der Zeitpunkt, an dem ich anfing, das Mädchen, das ich einst war, aufrichtig zu respektieren, wertzuschätzen und vor allem zu lieben. Und dies von ganzem Herzen. […] Das Mädchen ist mein wertvollstes Ich.«

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