Buchvorstellung – »Bombenkopf«

Cover fürs Buch »Bombenkopf«
»Manchmal verfluche ich ihn, meinen Kopf. […]
Vor allem aber verfluche ich manchmal das Unkontrollierbare. Dass ich nie weiß, wann die nächste Bombe in meinem Kopf hochgeht.«
(Phia Quantius)

Obiges Zitat und der Titel der Biografie von Phia Quantius klingen reißerisch. Doch wer ihr Buch Bombenkopf: Wie Migräne mich ausmacht, Lübbe LIFE, Köln 2023, gelesen hat, wird unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass die Autorin, die seit ihrem 11. Lebensjahr unter Migräneanfällen leidet und seit ihrem 15. Lebensjahr freiberuflich als Model arbeitet, damit keineswegs übertrieben hat. Künftig gehören Leser/innen dieses Buchs nicht mehr zu denjenigen, die Migräne mit Aura einfach nur für starke Kopfschmerzen wegen einer Verkaterung halten, sondern wissen, »dass diese Krankheit die reinste Hölle ist«. Die regelmäßig eingeschobenen Expertenkapitel unterstreichen diese Erkenntnis.

Ihre stark von heftigen Migräneattacken geprägte Lebensgeschichte, die Sophia Theresa Quantius überaus authentisch wiedergibt, geht zu Herzen, reißt einen mit in eine unvorstellbare Leidenswelt der Millionen allein in Deutschland Erkrankten. Die WHO listet Migräne auf Platz 1 der bis zum 50. Lebensjahr am schwersten behindernden Erkrankungen. Das Schlimmste laut Autorin ist, dass es »keine Heilung für ein Migräne-Gehirn gibt.«

Wie Phia Quantius halte auch ich Humor für eine überaus kraftvolle Ressource, weshalb ich diesem Thema in meinem Ratgeberroman RELING ein ganzes Kapitel gewidmet habe. Doch ich bewundere Phia Quantius dafür, wie sie es seit ihrer Kindheit fertigbringt, die meisten Rückschläge in ihrem Alltag mit Humor abzuschmettern. Sie schreibt als Betroffene, die anderen Betroffenen Mut machen möchte, da Migräniker oft nicht ernst genug genommen werden – weder von der Gesellschaft noch von den Ärzten:

»Ich bin also ein echtes kölsches Mädel und liebe den Karneval. Dass ich sechsmal im Monat einen in meinem Kopf habe, eher weniger. Ich sage dir ganz ehrlich: Der Karneval am 11.11. hätte mir auch gereicht. Schönen Dank für nichts. Ich bin also nicht nur Model, Enkelin und eine Frau. Ich bin auch Migränikerin mit Aura, seit ich elf Jahre alt bin. Zum jetzigen Zeitpunkt begleitet mich meine Krankheit schon mehr als die Hälfte meines Lebens – und schränkt mich damit fundamental in all meinen Lebensbereichen ein. Klingt scheiße, ist auch scheiße.« ABER: »Wir Migräniker:innen sind alle mehr als unsere Krankheit.«

In den Notaufnahmen der Stadt war Phia Quantius so regelmäßig zu Gast wie bei ihren Freundinnen. Ein Ärztemarathon begann, in denen Experten sie belächelten und »mit Schmerzmitteln nach Hause schickten, die angeblich einen ausgewachsenen Elefanten ausgeknockt hätten.« Nicht aber Phia Quantius, denn ihr Körper hatte sich längst an starke Schmerztabletten gewöhnt, die kaum noch Wirkung zeigten. Oft dachten ihre Eltern – und später ihr Freund – sie stürbe ihnen weg.

Was passiert in Phias Kopf, wenn sie einen Migräneanfall hat?
Die Gefäße in ihrer Hirnhaut weiten sich aus und nehmen so viel Raum ein, bis sie Nerven stimulieren und Schmerzreize wie Druckwellen weiterleiten. Nach ihren eigenen Worten unterscheidet ihren Kopf dann nur noch eins von einer tickenden Zeitbombe: Sie weiß nie, wann die nächste hochgeht. Ihre Migräneattacken sind so schlimm, dass sie sich neben den höllischen Kopfschmerzen, den Sehstörungen, Sprachstörungen und Ohnmachtsanfällen auch noch die Seele aus dem Leib kotzt. Jede Art von Bewegung verschlimmert das cerebrale Erbrechen und den Schmerz. Sie fühlt sich fremd im eigenen Körper. Ihr Kreislauf streikt, alles dreht sich, sie hyperventiliert. Sie sieht fast nichts mehr. Taubheitsgefühle in Armen und Beinen. Sie kann nicht mehr sprechen. Halluzinationen. Schweißausbrüche. Herzrasen. Panik. Suizidgedanken:

»Ich wusste nicht mehr weiter und war allein. Alles, was ich sah, war das Messer. Ich wollte nur noch eins: es mir in den Kopf rammen, direkt über der linken Augenbraue, wo der Schmerz saß. Alles beenden. Nichts spüren.«

Der Neuropsychologe Prof. Dr. Erich Kasten erklärt, dass viele Betroffene sich ihr Leben durch die Anfälle diktieren lassen. Sie hatten nach einer Party einen Migräneanfall, also gehen sie besser auf keine Party mehr. Sie hatten schlimme Kopfschmerzen, nachdem sie schwimmen gegangen waren. Also treiben sie besser keinen Sport mehr. Sie hatten eine Attacke, nachdem sie Currywurst gegessen haben, also essen sie nichts Scharfes mehr. Wer sich so von seiner Krankheit tyrannisieren lässt, so Prof. Kasten, dem bleibt irgendwann nichts Schönes mehr im Leben. Was bleibt, ist der Schmerz. Verständlich, dass dann der Gedanke auftaucht: Wozu das alles noch? Wozu am Leben bleiben, wenn das Leben nur noch aus Schmerzen besteht?

So nachvollziehbar! Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Migräne die vollständige Kontrolle übernimmt, Migräniker ihrer Krankheit völlig schutzlos ausgeliefert sind, massiv in ihrem Körper gefangen sind. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle, mit denen die Migräneanfälle oft verwechselt werden, weil sich die Symptome so ähneln.

Phia Quantius beschreibt, wie sich immer wieder Hoffnungen auf ein Ende des Leidens zerschlagen haben und welche Ängste sie ständig plagen. Sie listet ausführlich den Inhalt ihrer Handtasche auf, der ihr hilft, dass die Migräne nicht schneller zum Zug kommt, als sie muss, wenn sie die Vorboten wahrnimmt. Sie nennt ihre persönlichen Trigger und das Migränemedikament, das ihr persönlich hilft, aber auch dass solche Triptane heftige Nebenwirkungen haben. Sie nennt alles, was anderen helfen könnte, um präventiv vielleicht noch etwas zu verändern, und sie nennt den bekanntesten Auslöser von Migräne: Stress und damit verbunden die Überstimulierung des Gehirns! Ganz am Schluss finden Betroffene weitere Hinweise und Links zu Stellen, die Unterstützung bieten.

Wir alle können Migräniker/innen unterstützen, indem wir ihre chronische Krankheit ernst nehmen und von Herzen kommendes Verständnis zeigen. Phia Quantius lässt uns wissen, dass es guttut, wenn andere einen verstehen oder verstehen wollen; es heile zwar nicht die Krankheit, aber es nehme eine riesige Last und lindere Druck in einer leistungsorientierten Gesellschaft, wo absolute Belastbarkeit gefordert sei, um jederzeit »funktionieren« zu können. Ihrer Ansicht nach kommen gesunde Menschen nicht ansatzweise an die Belastbarkeit von Menschen mit chronischen Krankheiten heran, die trotz aller Widerwärtigkeiten ihr Ding durchziehen. Das solle ihnen erst mal jemand nachmachen. Ein Anfall zur unpassenden Zeit sei kein Grund für Schuldgefühle, schließlich hätten sich Migräniker/innen ihre Krankheit nicht ausgesucht.

Phia Quantius spricht die bittere Wahrheit aus: »Meine Migräne gibt nichts. Meine Migräne nimmt. Lebenszeit. Jobs. Manchmal Freundschaften. […] Ich verpasse Hochzeiten. Ich verpasse Beerdigungen. Ich verpasse mein Leben.«

Das Ausmaß dieser chronisch-neurologischen Krankheit ist erschreckend. Alle Achtung, dass sich Phia Quantius trotz aller persönlichen Einschränkungen zum Ziel gesetzt hat, weitreichend über Migräne aufzuklären!

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