Zimmer zu vermieten – Projekt Nistkasten

Zeitungsinserat: unmöbliertes Zimmer zu vermieten, 0,0225 m2, 1 Fenster, kein Strom, kein fließend Wasser, Sanitäreinrichtungen außerhalb zur gemeinschaftlichen Nutzung, Infrarot-Heizung, nur an seriöses Paar, Kinder erwünscht.

So in etwa hätte unsere Anzeige aussehen können. Aber selbst auf dem schwierigen Potsdamer Wohnungsmarkt wären »normale« Mieter wohl eher nicht zugeneigt gewesen.

Aber eine Annonce mussten wir gar nicht schalten, die kleinen Vögelein, in unserem Fall Kohlmeisen, haben den Nistkasten von ganz alleine gefunden. Aber alles von Anfang an …

Nistkästen sind ein sinnvolles zusätzliches Angebot zu Naturhöhlen, da es gerade in urbanen Gebieten kaum noch alte morsche Bäume gibt, die einen entsprechenden Unterschlupf bieten. Und kleine Bälger großzuziehen, ist nicht einmal der einzige Einsatzzweck, wie ihr gleich noch erfahren werdet.

Hausbau

Tolle Tipps zu Bau und Anbringung eines Nistkastens findet ihr auf den Seiten des Naturschutzbundes Deutschland, sie bieten sogar fertige Nistkästen zum Kauf an. Fertig kaufen kam für mich aber nicht in Frage, da ich an ein etwas spezielleres Innenleben gedacht habe – doch mehr dazu später. Als Basis für die Abmessungen habe ich mich an die Nabu Bauanleitung Höhlenbrüterkasten gehalten. Interessant fand ich auch, dass über die Einschlupflochgröße die Vogelart gesteuert werden kann.

Als ich dann – eines warmen Märztages – praktisch ans Werk ging, kam mir das Innenleben irgendwie sehr klein vor, 15×15 cm quadratische Grundfläche sind nicht viel, dann noch so ein kleines Fensterchen fast 20 cm über dem Nistkastenboden. Wie kann denn ein Vogel in diesen beengten Verhältnissen vom Boden zum Loch hochfliegen? Und wie soll später der Nachwuchs da wieder herauskommen?

Der Projekterfolg kam mir erst einmal eher fraglich vor, also habe ich den Invest möglichst gering gehalten. An Materialien musste es das tun, was eben da war. Passendes Holz für die Wände habe ich aus Dachlatten zusammenleimt, die benötigten Teile zurechtgesägt, und das ganze als Schutz vor Feuchtigkeit von außen mit Klarlack gestrichen. Das Dach hat sich allerdings gleich nach dem ersten Regenguss verzogen, so kam noch ein Stück Dachpappe drauf.

Jetzt hätte ich doch fast das »spezielle« Innenleben vergessen, dass uns die Teilhabe am Familienleben der gefiederten Bewohner erlaubt (ich habe wohl auch vergessen, diesen Fakt in der Wohnungsanzeige zu erwähnen😉).

Inspiriert durch einen Artikel auf der Heise-Website bekam unser Nistkasten eine Infrarot-Kamera spendiert, ein Mini-Computer (Raspberry Pi) sorgt für die Übertragung der Bilder ins heimische Netzwerk. Immer wenn sich was in der Höhle tut, wird durch die Bewegungserkennung ein Mail versendet und gleichzeitig eine Videoaufnahme gestartet. Und ich kann an dieser Stelle schon vorwegnehmen, wir sind beide begeistert über die ersten Erkenntnisse!

Ach ja, wer jetzt denken sollte, so eine Elektronik würde doch die Privatsphäre der Vögel stören, dem empfehle ich diesen interessanten NABU-Film Meisen im Winter.

Beste Wohnlage

Den fertigen Nistkasten habe ich Ende März so aufgehängt, dass wir ihn auch bequem aus dem Fenster beobachten können. Ein paar Ratschläge waren natürlich zu befolgen: Vermeidung von praller Sonne, die Ausrichtung des Einfluglochs in grob östlicher Richtung und eine hindernisfreie Einflugschneise. Zudem habe ich den Baumstamm mit ungefährlichen, aber wirkungsvollen »Plastikdornen« präpariert, damit Katzen & Co. ihn nicht erklimmen können. Mangels Erfahrung fragte ich mich jetzt, ob sich etwaige Bewohner nur ein paar Meter vom Haus entfernt wohlfühlen würden, würden sie den Kasten überhaupt finden?

Kritische Besichtigungen

Wie im richtigen Leben, vor der Vermietung stehen zahlreiche Besichtigungen an. Die Interessenten prüfen erstaunlich genau, ob das neue Domizil ihren Anforderungen gerecht wird. Dringt da womöglich irgendwo Licht in die Höhle ein, wo es nicht sein sollte? Entspricht die Einrichtung, anscheinend insbesondere der Bodenbelag, dem Geschmack der zukünftigen Vogel-Mama? Uns bleiben die wahren Gedanken dazu leider verborgen. Auf einen Hinweis hin habe ich allerdings insbesondere im Bodenbereich die Lichtdichtigkeit noch verbessert.

Erste Besichtigung – alles wird genauestens geprüft … | © Oliver Bayer
… sogar die Kamera wird kurz in Augenschein genommen 😉 | © Oliver Bayer

Einzug – anders als gedacht

Wie halten es die kleinen Piepmätze eigentlich im Winter bei Minus-Temperaturen aus? Das habe ich mich schon oft gefragt. Erschwerend kommt dazu, dass beispielsweise ein Meise bei nur ca. 20 Gramm Körpermasse eine energiezehrende Körpertemperatur von 42 Grad aufrechterhalten muss, ein paar Grad mehr als beim Menschen. Interessanterweise sind die Vögel in der Lage, ihre  Körpertemperatur in sehr kalten Nächten deutlich abzusenken und so weniger Energie zu verbrauchen.

Weitere Strategien der Hiergebliebenen (versus Zugvögel) gehen von schützendem Gebüsch oder Nischen, gerne auch in »Kuschelgruppen«, bis zu der Suche nach anderen geeigneten Unterschlüpfen – ihr ahnt es, hier kommen auch die Nistkästen ins Spiel.

Und tatsächlich, unsere neue Untermieterin hat sich seit 2. April 2022 zunächst fürs Probeschlafen entschieden, bevor eine endgültige Entscheidung fällt. Es ist noch offen, ob sie in diesen 4 Wänden auch ihren Nachwuchs aufziehen wird. Dabei dürfte ihr aber zumindest die dezente Wärme der beiden Infrarot-Lampen sehr gut gefallen.

Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir das erste mal entdeckten, wie sehr unser Gast anstatt einer Decke sein Gefieder zum Schutz vor der Kälte aufplustern kann. Vogel-Mama kommt übrigens seitdem in schöner Regelmäßigkeit jede Nacht, fast kann man die Uhr danach stellen. Kurz vor acht geht sie (alleine) ins Bett, der (innere) Wecker klingelt so um halb sechs morgens. Tagsüber wird dann sicher ordentlich gefuttert, hoffentlich kommt dabei die Partnersuche nicht zu kurz ;-).

Ab ins Bett

Aufplusterung

Ich kann mich ganz schön aufplustern | © Oliver Bayer

Im Bettchen

Ein neuer Tag

Ausblick

Für die ersten Versuche habe ich nur eine ganz billige Kamera verbaut, daher ist die Qualität der Aufnahmen nicht optimal. Ich hoffe, ihr habt wie wir trotzdem eure Freude daran.

Wir sind jedenfalls gespannt, wie es weitergeht. Haben wir bald Eier im Nest? Ich werde euch auf dem aktuellen Stand halten.

Ganz besonders freue ich mich natürlich über Rückmeldungen. Hat schon jemand ähnliche Projekte gemacht oder hilfreiche Erfahrungen sammeln können? Lasst es mich wissen. Mit einem Abonnement unseres Newsletters bleibt ihr ganz einfach auf dem Laufenden.

1 Kommentar
  1. Gretel
    Gretel sagte:

    Die Idee mit der Infrarotkamera ist ja klasse. Das war mal ein einzigartiger Einblick, wie eine Kohlmeise ihr künftiges Nest inspiziert. Habe ich noch nie gesehen. Bin total begeistert. Freue mich auf weitere Videos. Danke.

    Antworten

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